08.06.2008 · Auch der zweite Gastgeber der Fußball-EM hat sein erstes Spiel 0:1 verloren. Österreich unterlag gegen Kroatien nach schwacher erster Halbzeit mit einem frühen Elfmetertor von Modric. Austrias Schlussoffensive verpuffte wirkungslos.
Von Roland Zorn, WienNach der Schweiz ist auch Österreich, dem zweiten Ausrichterland, ein Fehlstart in die Fußball-Europameisterschaft unterlaufen. Trotz zuletzt immer heftigerer Bemühungen konnte die Mannschaft von Teamchef Josef Hickersberger am Sonntagabend den frühen 0:1-Rückstand nach einem Elfmetertor von Modric (4. Minute) nicht mehr egalisieren.
„In Halbzeit zwei haben wir bewiesen, dass der österreichische Fußball besser geworden ist. Mit der Leidenschaft und dem Einsatz hätten wir einen Punkt verdient gehabt“, urteilte Hickersberger nach der bitteren Niederlage. Am Einsatz hatte es im Wiener Ernst-Happel-Stadion gegen die nur in den ersten dreißig Minuten souveränen Kroaten nicht gefehlt, wohl aber an der Präzision und Kühle im Spiel. Da die Österreicher am kommenden Montag im letzten Spiel der Gruppe B noch gegen Deutschland und zuvor gegen Polen antreten müssen, wird es nun schwer werden, den Traum vom Viertelfinale bei der ersten EM-Teilnahme noch zu verwirklichen. „Es geht weiter, nun müssen wir gegen Polen Vollgas geben und drei Punkte holen“, sagte der frühere Stuttgarter Bundesliga-Profi Martin Stranzl.
Cordoba ist lange her
„Ein Land wird narrisch“, hatte die Schlagzeile des „Kuriers“ am Sonntag gelautet. Fußballnarrisch waren die Österreicher zuletzt am 21. Juni 1978, als sie bei der Weltmeisterschaft in Argentinien die Deutschen mit 3:2 besiegten. Doch Cordoba ist lange her. Dreißig Jahre später geht es für Österreich beim ersten großen Turnier im eigenen Land erst einmal darum, überhaupt wieder die Nähe zum europäischen Fußball-Mittelfeld zu finden.
In Wien sollte am Sonntag ein großer Schritt in diese Richtung vollzogen werden - gegen die hocheingeschätzten Kroaten, den ersten von drei harten Gegnern in der EM-Gruppe B, darunter die deutsche Mannschaft. Dass Kroatien nicht gerade bange war vor Österreich, hatten zahlreiche Aussagen der Spieler und Trainer belegt. „Wir sind die bessere Mannschaft, und wir werden dominieren“, hatte Chefcoach Slaven Bilic angekündigt.
Kroatien kam mit Müh' und Not ans Tagesziel
Sein Kollege Josef Hickersberger hatte sich da schon zurückhaltender gegeben. Er sprach von einer „Vierzig-zu-Sechzig-Chance“ seines Aufgebots. Wer in den vergangenen 18 Monaten gerade zwei Länderspiele gewonnen und alle drei Vergleiche mit Kroatien verloren hat, ist gut beraten, sich erst einmal bescheiden zu äußern. Lautstark genug ging es im mit 51.000 Zuschauern selbstverständlich ausverkauften Ernst-Happel-Stadion sowieso zu, wo beide Mannschaften von ihren Fans frenetisch begrüßt wurden. Rot und Weiß waren die dominanten Farben an diesem frühen Sonntagabend, an dem die EM in Österreich so richtig los ging.
Mit dem nach langem Hin und Her dann doch auserwählten Torwart Jürgen Macho, einer Dreierabwehr, einem dichten Fünfermittelfeld und zwei Stürmern startete Hickersbergers erste Elf in das Abenteuer EM; Bilic vertraute ganz einfach seiner Stammelf und seinem längst eingeschliffenen 4-4-2-System. Und er tat sehr gut daran.
Aufhauser ungeschickt gegen Olic
Selbstbewusst und selbstverständlich übernahmen die Kroaten, immer wieder angetrieben von den exzellenten Mittelfeldspielern Srna, Modric und Kranjcar, von Beginn an die Regie in dieser Partie. Als schon nach drei Minuten der Salzburger Aufhauser im eigenen Strafraum ein bisserl ungeschickt und unsanft gegen den Hamburger Stürmer Olic zu Werke ging, gab es sogleich einen Elfmeter. Spielmacher Modric verlud Macho und hob den Ball zum 1:0 mitten ins Netz.
Von da an hatte Kroatien, angefeuert von 15.000 Anhängern, ein Heimspiel. Doch weitere Chancen nutzte das Team bis zur Pause nicht mehr. Es fehlte an der letzten Konsequenz. Österreich, lange ohne Idee, ohne Plan und darum hoffnungslos unterlegen, kam erst kurz vor dem Wechsel zu ersten kleineren Gelegenheiten, ohne damit wirklich Schaden anzurichten. Um auf Augenhöhe mit Kroatien um den Erfolg zu kämpfen, musste viel passieren.
Nahezu panisches Spiel der Gastgeber
Etwas couragierter gingen die Österreicher den zweiten Teil ihrer Reifeprüfung dann doch an, zumal Kroatien nicht mehr mit dem Biss der ersten dreißig Minuten das Spiel beherrschte. Gefährlich für die Kroaten wurde es aber vorerst nur, wenn Harnik, bei Werder Bremen Stürmer Nummer fünf, auf der rechten Seite seine Schnelligkeit ausspielte. Hickersberger musste etwas tun - und er hörte auf Volkes Stimme. Nach rund einer Stunde kam der 38 Jahre alte Turnier-„Opa“, in Split aufgewachsen, zu seinem stürmisch geforderten Einsatz. Der offensive Senior sollte endlich, Seite an Seite mit Ivanschitz, Struktur in das bis dahin nahezu panische Spiel der Österreicher bringen.
Doch bei allem Eifer gegen die stark nachlassenden Kroaten: Der österreichische Druck mündete viel zu selten in verheißungsvolle Momente. Wenn, dann war daran der eingewechselte künftige Frankfurter Kormaz mit seinem unorthodoxen Elan beteiligt. Am Ende reichte es nach Kienasts vergebener Kopfballchance in der Nachspielzeit nicht gegen ein kroatisches Team, das immer mehr Angriffsflächen geboten hatte und sich mit Müh' und Not ans Tagesziel rettete. Österreich muss gegen Polen zielstrebiger zu Werke gehen, sonst ist der Traum, mehr als nur ein guter Gastgeber zu sein, schnell ausgeträumt.