10.06.2008 · Der Auftritt der französischen Mannschaft erinnerte an ihre ersten Spiele bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren: Ohne großes Tempo und mit nur wenigen Torschüssen blieben sie gegen biedere Rumänen ohne Torerfolg. Einzig Franck Ribéry belebte die Offensive.
Von Christian Kamp, ZürichNicht gewonnen, aber damit auch noch nichts verloren. Ein 0:0 zwischen Rumänien und Frankreich, ein erster Punkt für jeden also - das kann ja nicht schaden in dieser schwersten Gruppe des Turniers, in der noch Weltmeister Italien und die Niederlande um das Weiterkommen kämpfen. Jeder Fehltritt, das war vorher allen klar, kann schon einer zu viel sein bei dieser Konkurrenz.
Und so waren keine allzu enttäuschten Gesichter zu sehen, nach diesem umkämpften, aber spielerisch schwachen Auftakt in Zürich. Natürlich wären die Franzosen in ihrem ersten Turnier nach der Ära Zidane gerne mit einem Sieg ins Turnier gestartet. Doch alle Feldüberlegenheit nutzte nichts gegen eine rumänische Mannschaft, die ihren Ruf als unbequemer und robuster Außenseiter noch festigte. Der französische Trainer Raymond Domenech war nach dem Schlusspfiff von der Ausbeute enttäuscht: „Wir haben in diesem Spiel zwei Punkte verloren. Leider wurde es nicht mehr als ein Unentschieden. Ein Unentschieden kann in dieser Gruppe bereits schwerwiegende Folgen haben.“
Erst einmal ansehen, ob ihnen der Gegner gewachsen ist
Es war eine erste kleine Überraschung, dass die Tribünen im Letzigrund eher in rumänischer denn in französischer Hand waren. Der erste Auftritt der Mannschaft bei einem großen Turnier seit acht Jahren hatte offenbar eine ungeheure Anziehungskraft auf die Fans: Schon eine Stunde vor dem Spiel strahlte die rumänische Kurve lückenlos gelb; die erfolgsverwöhnten Franzosen ließen es eher gemütlich angehen.
Zu sehen bekamen die 30.500 zunächst wenig - gleich, ob von Gelb oder von Blau. Die Rumänen wiesen ihre Anwesenheit mit ein paar kleinen Ruppigkeiten in den Anfangsminuten nach; die Franzosen schienen sich erst einmal ansehen zu wollen, ob der Gegner ihnen überhaupt gewachsen ist. Schließlich hatten die Rumänen im Vorfeld allzu sehr mit ihrer Außenseiter-Rolle kokettiert, obwohl sie ihre Qualifikationsgruppe doch sogar vor den Niederlanden gewonnen hatten.
Thuram jetzt Rekordspieler
Als es dann losging, waren sie von Trainer Victor Piturca immerhin nicht so defensiv eingestellt wie befürchtet. Sie suchten durchaus den Weg nach vorne, oft mit langen Bällen auf Niculae, der den Vorzug gegenüber dem Stuttgarter Marica erhalten hatte. Doch gegen die französische Abwehrmacht mit den in Spanien und England geschulten Abidal, Gallas und Thuram blieb das ein zweckloses Unterfangen. „Es war ein gerechtes Ergebnis, denn es gab auf beiden Seiten nicht allzu viele Chancen. Beide Mannschaften sind nach wie vor in einer guten Position, um die nächste Runde zu erreichen“, sagte der rumänische Trainer Victor Piturca anschließend.
Der 36 Jahre alte Thuram, der an Stelle des verletzten Vieira die Kapitänsbinde trug, stellte schon mit seinem Einsatz eine Bestmarke auf. Mit nunmehr fünfzehn EM-Einsätzen ist der Weltmeister von 1998 und Europameister von 2000 nun alleiniger Rekordspieler in diesem Wettbewerb. Für Frankreich sind seine insgesamt 141 Länderspiele ohnehin einmalig - nicht einmal der große Zidane kann da mithalten. „Man spielt nicht, um eine Spur in der Geschichte zu hinterlassen. Man spielt, um der Beste zu sein“, lautete der lapidare Kommentar Thurams zu den Zahlenspielen.
Als Ribéry nach links wechselte, boten sich endlich Räume
Zudem ruhen die Hoffnungen der Franzosen auf einen weiteren großen Titel längst auf einer anderen, einer jüngeren Generation. Franck Ribéry gehört natürlich dazu, aber auch Karim Benzema, der von Ribéry schon als kommender Superstar des Weltfußballs auserkoren wurde. Beide beließen es gegen Rumänien zunächst in der Kunst der Andeutung. Eine halbe Stunde lang blieb ein Fernschuss von Benzema die einzige Gelegenheit.
Erst als Ribéry hin und wieder auf die linke Seite wechselte, boten sich den Franzosen Räume. Anelka kam dem Tor per Kopfball und Schuss ans Außennetz schon recht nahe. Nach der Pause hatten zuerst die Rumänen eine gute Phase, doch es blieb dabei: Zu Torchancen kamen sie nicht. Bei den Franzosen hatte man ein besseres Gefühl. Ribéry brachte sich immer mehr ein und bewies bei einem schönen Pass auf Benzema in den Rücken der Abwehr seine Übersicht (57. Minute).
Rumänien hat durch das Unentschieden nichts verloren
Doch es blieb die große Schwäche der Franzosen, aus optischer Überlegenheit kein Kapital schlagen zu können. Um zu den ernsthaften Anwärtern auf den Titel zu gehören, wird es künftig wohl etwas mehr Biss im Angriff benötigen. Und die Rumänen? „Nur Adrenalin-Liebhaber“, so hatte der rumänische Star Adrian Mutu vor dem Turnier gesagt, würden auf ein Weiterkommen seines Teams wetten. Es mögen durchaus ein paar mehr geworden sein.
zusammenfassend
Karsten Triebe (Paddewas)
- 09.06.2008, 22:06 Uhr