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Wayne Rooney Vom Assistenten zum unverzichtbaren Chef

 ·  Wayne Rooney hat sich die Zeit seiner Sperre mit anderen Aufgaben als dem Toreschießen vertrieben. Jetzt soll der bullige Anführer seine Engländer im Spiel gegen die Ukraine (20.45 Uhr) ins Viertelfinale führen.

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© REUTERS Wird er jetzt der große englische Torheld? Wayne Rooney darf endlich für England auflaufen

Er war immer da und ist doch stets vermisst worden. Keine Pressekonferenz, in der Trainer Roy Hodgson nicht das hohe Lied auf Wayne Rooney gesungen hat, kein Artikel über Englands junge Stürmer, in dem nicht auch von dem gesperrten Weltklasseangreifer die Rede war, kein Tag im Training, an dem Rooney nicht seine Unentbehrlichkeit nachgewiesen hätte.

Jetzt, da er seine Strafe über zwei Europameisterschaftsspiele wegen einer Tätlichkeit im Qualifikationsduell mit Montenegro auf den Tribünen in Donezk und Kiew abgesessen hat, darf er an diesem Dienstag (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) in Donezk beim letzten Gruppenspiel gegen die Ukraine endlich wieder ran: der bullige Star in Albions Aufgebot.

“Ließe ich ihn draußen“, behauptet Hodgson, „wäre in der Kabine die Hölle los. Ein Spieler wie er macht den Riesenunterschied aus.“ Wayne Rooney hat gewiss gelitten in eineinhalb Turnierwochen, in denen er stillhalten musste. Der 64 Jahre alte Hodgson hält dem entgegen: „Wayne hat sich nicht unruhig wie ein wildes Tier im Käfig aufgeführt, er war die ganze Zeit sehr professionell.“

Der Coach, die Gelassenheit in Person und augenscheinlich eine gute Wahl als Nachfolger des mit der britischen Art und Sprache nicht so vertrauten Italieners Fabio Capello, hat seinen mutmaßlich besten Spieler zuletzt zu einer Art Assistent gemacht. „Ich habe den Jungs in der Kabine und im Hotel dabei geholfen zu relaxen“, hat Rooney seinen Aushilfsjob neben den täglichen Übungsstunden beschrieben, „und das ist genauso wichtig, als wenn ich auf dem Spielfeld stünde.“

Unten nichts, oben eine blonde Schmalztolle

Eine Spur langweilig könnte dem offensiven Vorkämpfer von Manchester United dabei im englischen EM-Quartier Krakau aber doch geworden sein. Wie wäre sonst sein Mut zum verwegenen Haarschnitt - unten nichts, oben eine blonde Schmalztolle - zu erklären, den sich der gebürtige Liverpooler in Polen gegönnt hat. Gerade er, der doch im Vorjahr für schlappe 32.000 Euro sein lichter werdendes Haupthaar durch ein Haarimplantat gestärkt hatte.

Da Wayne Rooney aber noch nie in dem Verdacht stand, sich irgendwo einen Schönheitspreis abholen zu wollen und auch seine Ehefrau Coleen - sie schwebte für gerade mal 18.000 Euro im Privatflieger nebst Söhnchen Kai ein - sich nicht beklagte, ist ja alles in bester Ordnung. Von heute an sieht auch die ganze Fußball-Welt den letzten Schrei des gegen den Trend frisierten Proletariers mit den exquisiten Umgangsformen am Ball.

Nationalmannschaftskapitän Steven Gerrard, Liverpooler wie Rooney, weiß, wie dem Kameraden Wayne bei allen Samariterdiensten zuletzt zumute war: „Es hat ihn gejuckt, raus auf den Platz zu gehen. Man kennt ihn ja. Noch in der Kabine hat er mit jedem Ball gespielt, der da rumlag. Seinem Gesicht hat man angesehen, wie enttäuscht er war, zwei Spiele verpasst zu haben. Hoffentlich schlägt er jetzt für uns alle Nutzen aus seinem Frust.“

Das ist für Wayne Rooney bei Europa- oder Weltmeisterschaften keine Selbstverständlichkeit. Bei der EM 2004 in Portugal ging der Stern des damals 18 Jahre alten jugendlichen Angreifers des FC Everton auf, als er gegen die Schweiz und Kroatien jeweils zwei Tore schoss. Und doch war das Turnierende für ihn persönlich tragischer als das englische Ausscheiden im Elfmeterschießen gegen Gastgeber Portugal.

„Fast alle meine Turniere waren eine Enttäuschung“

Rooney brach der Fuß, was sich zwei Jahre später vor der WM in Deutschland wiederholte. Der inzwischen für Manchester United stürmende Jungmann mit der leisen Stimme fand nie seine Form und trat im per Elfmeterschießen verlorenen Viertelfinale dem Portugiesen Ricardo Carvalho so kräftig auf den Fuß, dass er anschließend die Rote Karte sah und gehen musste. 2010, bei der WM in Südafrika, litt Rooney an den Folgen eines Bänderanrisses im Knöchel, den er sich in München beim Champions-League-Viertelfinalspiel gegen die Bayern zugezogen hatte.

Die Folge: Wie 2006 kam er ohne Form und Fitness nach Südafrika und verabschiedete sich von dort nach dem Achtelfinale und einer 1:4-Niederlage gegen die Deutschen. „Um ehrlich zu sein“, hat der im Verein oft glänzende Spieler dieser Tage gesagt, „alle meine bisherigen Turniere - mit Ausnahme von 2004 - waren bisher eine Enttäuschung für England und für mich. Bei der Geschichte, die unser Land hat, muss England Trophäen gewinnen. Hoffentlich geschieht das diesmal.“

England bei der EM: „Rooney spielt“

In Polen und der Ukraine soll die Welt den wahren Wayne kennenlernen. Der aber gibt sich abseits der Stadien weiter bescheiden. „Ich gewinne die Euro nicht allein“, hat er am Sonntag gesagt, „es gibt 23 Spieler, die dabei mithelfen, unsere Ziele zu erreichen.“ Doch wen herausnehmen aus der bisher nach einem 1:1 gegen Frankreich und einem 3:2 über Schweden recht erfolgreichen Team? Die drei Junglöwen aus dem Team der „Three Lions“, Andy Carroll, Theo Walcott (beide 23 Jahre alt) und Danny Welbeck (21), trafen alle gegen Schweden.

Einer von ihnen wird nun weichen und dem auch erst 26 Jahre alten Rooney Platz machen müssen. Aus dem mannschaftsinternen Integrationsbeauftragten wird ab sofort wieder ein Reißer, den die Gegner fürchten müssen. „Er ist“, sagt sein Lobredner Hodgson, „ein sehr spezieller Weltklassespieler.“ Wie speziell, das können an diesem Abend als Erstes die Ukrainer erfahren. Ihnen soll schon ganz mulmig zumute sein vor dieser Begegnung mit einem Rückkehrer der besonderen Art.

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