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Vor dem Halbfinale Die ewigen Spaßverderber

 ·  Nie gewann Deutschland gegen Italien bei einer EM oder WM. Doch vielleicht ist es jetzt an der Zeit, die Geschichte neu zu schreiben.

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© ASSOCIATED PRESS Der Staatspräsident spielt mit: Zoff (l.) , Causio (2.v.l.), Bearzot (r.) und Pertini auf dem Heimweg aus Madrid nach dem WM-Endspiel 1982

Deutsche Märchen enden mit den Worten: Und wenn sie nicht gestorben sind ... Nur nicht jenes, das am 4. Juli 2006 zu Ende ging. Es endete mit den Worten: „Pirlo! Pirlo! Pirlo! Pirlo! Pirlo! Gol! Gol! Gol! Grosso! Grosso! Gol! Gol di Grosso!“ (Sechsmalige Wiederholung, mit immer schwächer und rauher werdender Stimme. Dann, mit letzter Kraft:) „Incredibile! Incredibile!“

Unglaublich in diesen 31 Sekunden in der 119. Minute des WM-Halbfinals war nicht nur die vokale Ekstase des italienischen TV-Reporters. Unglaublich war auch, dass Italien in der Verlängerung des dramatischen Duells nicht auf alte Zerstörungsmuster gesetzt, sondern auf Sieg gespielt und Stürmer eingewechselt hatte.

Und dass es am Ende ein Verteidiger war, der das deutsche „Sommermärchen“ beendete; einer, der fünf Jahre zuvor noch als Stürmer in der vierten Liga herumgestümpert hatte. Fabio Grosso entschied das Halbfinale mit seinem Treffer zum 0:1 (dem Alessandro del Piero in der Schlussminute den Konter zum 0:2 folgen ließ). Fünf Tage später setzte er im Elfmeterschießen gegen Frankreich in Berlin den letzten WM-Treffer. Italien war Weltmeister, Deutschland sah frustriert zu.

Deutschland - Italien: Nullnummern und Dramen

An diesem Donnerstag, wenn das deutsche Team in Warschau Revanche nehmen will für jenen Abend in Dortmund, steckt das Spiel bei denen, die dabei waren, „noch in den Köpfen“, wie Bastian Schweinsteiger sagt. „2006 - da denkt man dran“, findet Philipp Lahm. „Da waren wir noch nicht so weit wie jetzt.“

Das deutsche Nationalteam hat den damals begonnenen Weg eines neuen, beschwingten, dominanten Spielstils nahtlos bis 2012 fortgesetzt. Aber auch die Italiener, die nach dem WM-Sieg stagnierten und zwei enttäuschende Turniere spielten, haben sich unter Trainer Cesare Prandelli als wieder einmal völlig unberechenbare Kraft neu erfunden - mit taktischen Winkelzügen und einer überraschend offensiven Spielanlage.

Und so sind wohl noch nie in der turbulenten Geschichte ihrer Fußballduelle zwei Nationalteams aus Deutschland und Italien aufeinandergetroffen, die so offensivlustig wirken wie die beiden, die das EM-Halbfinale 2012 bestreiten werden.

Schlangenmensch Stuhlfauth

Vielleicht ist es ja Zeit, die Geschichte neu zu schreiben. Es ist bisher eine Geschichte des gegenseitigen Spaßverderbens und der gemeinsamen Lust am 0:0 - die aber in einer einzigen unvergesslichen Partie einem wahnwitzigen Torspektakel Platz machte.

Traditionell gilt: Wie kein anderer im Fußball wissen der Italiener und der Deutsche, dass etwas Schaffen zugleich etwas Verhindern heißt. Nirgendwo sonst wurden solch gute Torhüter, solch sichere Verteidiger produziert, nirgendwo sonst wurden sie so geschätzt, auch gegenseitig.

Als Deutschland erstmals gegen Italien gewann, 1929 in Turin, feierten auch die Italiener den Torhüter Heiner Stuhlfauth: „Gott selbst stand im deutschen Tor“, schrieb eine Lokalzeitung. Die „Fußball-Woche“ beschrieb dessen Leistung am Beispiel einer Szene, in der bei Rivoltas Schuss die Zuschauer schon jubelnd aufsprangen - bis „Stuhlfauth sein linkes Bein verlängerte, als wäre er ein Schlangenmensch, und zum Eckball abwehrte.“

Je wichtiger, desto ansehnlicher

Das erste Nachkriegs-Länderspiel gegen Italien bestritt man 1955 in Rom, Sepp Herbergers Weltmeister nahmen eine 1:2-Niederlage und den Segen von Pius XII. mit nach Hause. Der Papst hatte den Fußball bei einer Audienz der deutschen Elf als „gute Schule der Tugenden und Gemeinschaftstugenden“ gelobt. Der deutschen Fußballtugenden also. Von schönem Fußball oder gar Tor-Festivals hat Pius leider nichts gesagt.

Und so gibt es nichts, das je lähmender war als die Aussicht, bei einem Turnier in der Gruppenphase (da, wo auch ein 0:0 zählt) auf Italien zu treffen: WM 1962 0:0, WM 1978 0:0, EM 1988 1:1, EM 1996 0:0. Wenn man in K.o.-Spielen aufeinandertraf, wurde es immer ansehnlicher und torreicher, was hoffen lässt. Allerdings waren am Ende immer die Deutschen k.o.: Im WM-Endspiel 1982, im Halbfinale 2006 - und im epochalen Halbfinale von 1970.

Zum Glück hatte Herberger nicht Recht

Man nannte es schon bald „Spiel des Jahrhunderts“. Dabei war es nur eine Minute davon entfernt, als Langweiler wie fast jeder andere zwischen Deutschland und Italien in die Geschichte einzugehen. Es wäre ein Spiel zum Vergessen geworden - wenn Herberger recht gehabt hätte mit seinem berühmten Satz, dass ein Spiel 90 Minuten dauert.

Das Spiel im Aztekenstadion dauerte schon 91 Minuten und 47 Sekunden und Deutschland rannte bereits 83 Minuten einem Rückstand hinterher, als Jürgen Grabowski sich ein letztes Mal links durchwühlte - und als ein Kollege, der dort eigentlich nichts zu suchen hatte, im italienischen Strafraum auftauchte, sein rechtes Bein verlängerte wie einst der Schlangenmensch-Torwart Stuhlfauth und den Ball zum 1:1 ins Netz drückte.

„Noch eine Möglichkeit. Grabowski. Schnellinger!! Nein, nein, nein, nein. Tor durch Schnellinger. Unglaublich. Ausgerechnet Schnellinger. Werden die Italiener sagen. Ausgerechnet Schnellinger. Es ist nicht zu glauben.“ Während 36 Jahre später sein italienischer Kollege in Dortmund am Mikrofon schier ausrastet über das späte Tor, schildert der deutsche Fernsehreporter Ernst Huberty im Azteken-Stadion den dramatischsten Ausgleich der deutschen WM-Geschichte nahezu unterkühlt.

Ausgerechnet Schnellinger

Sein „unglaublich“ ist eher ein Kopfschütteln als eine Eruption. Ein bestimmtes Wort aus seinem Kommentar blieb hingegen unvergessen, es vermählte sich in der verbalen Folklore des Fußballs für immer mit dem Namen des Torschützen, als wäre es sein Vorname und nicht Karl-Heinz: Ausgerechnet Schnellinger.

Warum „ausgerechnet“? Weil er Verteidiger war. Weil er nie ein Tor im Nationaltrikot geschossen hatte (und nie wieder eins schießen würde). Und weil er zehn Jahre in Italien gespielt und mit dem AC Mailand den Europapokal gewonnen hatte. Ausgerechnet Schnellinger schlug aus seinem einzigen Tor sogar noch Kapital. In Italien warb er später für ein TV-Gerät: „Das ist deutsche Wertarbeit, genauso wie damals mein Tor in Mexiko.“

In seinem Romanessay „Die Reise“ (1977) schilderte der Schriftsteller Bernward Vesper den Ausgleich: „Es ist dunkel im Zimmer, aber als das Tor fällt (92. Minute), stürzen Biergläser um, panisch kreischende, sich umschlingende, gegen die Decke hin wachsende, kreiselnde, torkelnde, schlingernde Paare.“

Ein Spiel wie kein anderes

Die Intensität des Spiels, die Dramaturgie des frühen Rückstands und späten Ausgleichs, die Hitze und Höhenluft, die flirrenden Bilder, die Schulterverletzung des von Facchetti gefoulten Beckenbauer, der mit an der Brust festgezurrtem Arm majestätisch weiterspielte - all das steigerte sich nun zum unvergesslichen Schauspiel, zur Verlängerung des Jahrhunderts.

In der 95. Minute nutzt Gerd Müller ein Missverständnis zwischen Torwart Albertosi und zwei Verteidigern, stochert den Ball hinter die Linie. „Wenn Sie je ein echtes Müllertor gesehen haben“, sagt Huberty, „dann jetzt“. Die Verlängerung taumelt weiter, Tor um Tor. Burgnich gleicht nach Helds Fehler zum 2:2 aus. Riva läßt Vogts stehen: 3:2. Müller macht sich lang: 3:3. Eine Minute später erwischt Rivera Torwart Maier auf dem falschen Fuß: das 4:3, der Sieg. Ein Spiel wie kein anderes.

Romano Giardini beschrieb es in seiner „Anleitung, die Deutschen zu lieben“ (1996) so: „Weiße und Azzurri sind keine Gegner, sondern Interpreten einer Oper wie die Capuleti und die Montecchi in einem Romeo und Julia des Fußballs, der damals noch klassisch lederfarben war.“

Pertini springt

1982 trafen sich Deutschland und Italien im Finale wieder. Es wurde die schwächste Leistung, die ein deutsches Team je in einem Endspiel bot. Fast willenlos ergab es sich in die 1:3-Niederlage, wobei sich mancher weniger bewegte als Italiens 85-jähriger Staatspräsident Pertini, der auf der Ehrentribüne jubelnd herumsprang.

War es die Erschöpfung nach dem Halbfinaldrama gegen Frankreich nur drei Tage zuvor? War es die Wirkung der negativen Reaktionen in Presse und Publikum auf das Skandalspiel gegen Österreich (dem „Nichtangriffspakt von Gijon“)? Oder auf Schumachers brutales Foul gegen den Franzosen Battiston? Oder doch die Schlaflosigkeit, die einige der nervösen, überreizten Spieler vor dem Finale beklagten? Schon nach dem 0:1 wusste man jedenfalls, so Stürmer Klaus Fischer, „da geht nichts mehr, wir konnten es nicht umbiegen, so platt waren wir.“

Die Schadenfreude war groß, und das muss man verstehen - umgekehrt kosten sie auch die Deutschen gern aus gegenüber den italienischen Spielverderbern. Diese Schadenfreude ist wie Lambrusco, süß und prickelnd. 1966, als sie sich gegen Nordkorea blamierten und zu Hause mit Tomaten empfangen wurden. 1990, 1994, 1998, als sie die WM-Chance am Elfmeterpunkt vergaben, so wie 2008 bei der EM. 2002, als ein Schiedsrichter aus Ekuador sie gegen Korea um ein Tor und um Totti bestahl. 2010, als sie, der Titelverteidiger, sieglos Letzter der Vorrunde wurden - hinter Neuseeland.

„Einmal Pizza Endstazione!“

Vor allem aber im letzten EM-Gruppenspiel 1996, als Italien einen Sieg brauchte, um das Viertelfinale zu erreichen - und als Deutschland, auf dem Weg zum bislang letzten Titelgewinn, auf fast italienische Art mauernd, mit einem überragenden Köpke, der Zolas Elfmeter hielt, den Italienern, ausgerechnet ihnen, mit einem 0:0 den Zahn zog.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung brachten die Karikaturisten Greser & Lenz tags darauf die deutsche Stimmung gegenüber den heimgeschickten Italienern auf den Punkt. Sie zeichneten eine Pizzeria, in der ein Gast im Deutschland-Trikot grinsend eine Bestellung aufgibt: „Einmal Pizza Endstazione!“

Bis heute hat Deutschland in sieben WM- und EM-Partien noch nie gegen Italien gewonnen. So muss man sich auf der Suche nach Erfolgserlebnissen an diesem 0:0 festhalten. Oder am Donnerstag die richtige Bestellung aufgeben.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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