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Tuchels Thema Spanien ist nicht müde!

 ·  Beide Finalisten stehen verdient im Endspiel. Italiens Stärke sind automatisierte Spielzüge, bei denen alle wissen, was sie zu tun haben. Spanien wird Europameister, wenn es Tempo auf die Außenbahnen bekommt.

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© Robert Wenkemann Unser EM-Kommentator: Thomas Tuchel

Im Grunde hat Mario Balotelli gegen Deutschland nicht viel anders gespielt als gegen England und alle anderen Mannschaften zuvor. Er spekuliert auf Steilpässe, oft gespielt von der Position zehn aus, meistens direkt, mit einem Ballkontakt. So nutzt er so ziemlich jede Gelegenheit, in die Tiefe zu starten, immer am Rande des Abseits. Eine weitere überragende Qualität ist sein Durchsetzungsvermögen nach Flanken und Standards im Sechzehnmeterraum, auch das war im gesamten Turnierverlauf zu beobachten. Der einzig wirkliche Unterschied zum Spiel gegen England: Gegen Deutschland hat er aus zwei Situationen, die sich ihm boten, zwei Tore gemacht.

So hatten es unsere Jungs extrem schwer, zurückzukommen, zumal Italiens Konterspiel immer gefährlich ist. Ein Querpass in der gegnerischen Hälfte, dann sofort vertikal auf einen der Stürmer. Stehen diese zu breit, schiebt einer der Halbspieler aus dem Mittelfeld mit in die Spitze, zu sehen beispielsweise bei Marchisios Großchance in der zweiten Halbzeit. Das sind automatisierte Standardspielzüge der Italiener, bei denen alle, auch die beiden Stürmer, genau wissen, was sie zu tun haben. Italien steht verdient im Finale dieser Europameisterschaft.

Italien steht verdient im Finale

Und Spanien? Auch sie haben sich das Finale verdient. Obwohl sie gegen Portugal träge wirkten. Uninspiriert, ohne Zug zum Tor, 90 Minuten lang. In der Verlängerung aber wurde plötzlich ein Klassenunterschied sichtbar. Die Einwechslungen von Pedro und zuvor Jesus Navas machten sich deutlich bemerkbar. Iniesta rückte auf die Halbposition im Mittelfeld. Von den beiden eingewechselten Außenspielern waren in der Verlängerung deutlich mehr Sprints in die Tiefe zu sehen, sowohl mit als auch ohne Ball. Zuvor, mit Iniesta und Silva auf den Außenbahnen, wirkte der ewige Ballbesitz der Spanier wie ein Selbstzweck. Und nicht, wie so oft in Spielen zuvor, als Mittel, um Räume zu öffnen und mit Diagonalbällen in die Tiefe zu kommen. Alle drei erwähnten Spieler waren an den herausgespielten Torchancen in der Verlängerung maßgeblich beteiligt. Diese „eingewechselte“ Leistungssteigerung der Spanier nach 90 Minuten ist ein deutliches Qualitätsmerkmal und spricht gegen die viel diskutierte These, dass Spanien müde sei.

Die Bilder des Halbfinals: Spanische Glücksritter

Die Italiener wiederum kokettierten nach dem Viertelfinale ganz bewusst mit ihrer Müdigkeit. Die zwei Tage kürzere Regenerationszeit nutzten sie als Argument, die Favoritenrolle gegen Deutschland weit von sich zu schieben. Dabei hat die absolute Mehrheit der Spieler Italiens zehn bis zwanzig Pflichtspiele weniger in dieser Saison absolviert als ihre deutschen und spanischen Gegner vom FC Bayern, von Real Madrid und dem FC Barcelona. Ich bin mir sicher, beide Teams werden im Finale körperlich noch einmal voll auf der Höhe sein.

Beide können Elfmeterschießen gewinnen

Natürlich kann es sehr eng werden. Natürlich ist es möglich, dass nach 120 Minuten noch kein Sieger feststeht. Für diesen Fall haben beide Mannschaften im Turnierverlauf gezeigt, dass sie Elfmeterschießen gewinnen können. Über Pirlo und Buffon wurde in den vergangenen Tagen in dieser Hinsicht alles gesagt. Auch Spanien hat Spieler, die in dieser höchsten Drucksituation absolutes Selbstvertrauen ausstrahlen und so ihre Mannschaftskollegen unterstützen. Die Bierruhe, die beispielsweise Iker Casillas während des Elfmeterschießens ausstrahlte, ließ ihn fast gelangweilt wirken. Da hat nur noch ein herzhaftes Gähnen gefehlt.

Eine Bemerkung am Rande: Cristiano Ronaldo ist ein hervorragender Elfmeterschütze, er hat seiner Mannschaft gegen Spanien aber nicht weitergeholfen. Weil er vor lauter Eitelkeit der Held sein wollte, ließ er sich als fünfter Schütze eintragen. So war, wie so oft in solchen Fällen, alles vorbei, ehe er an den Punkt stolzieren konnte.

Wie das Finale ausgeht? Ich lege mich fest: Spanien gewinnt, wenn es gelingt, Tempo auf die Außenbahnen zu bekommen. Jesus Navas und Pedro haben im Halbfinale bewiesen, dass sie dafür genau die Richtigen sind.

Der Kommentator ist Bundesligatrainer des FSV Mainz 05

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