Spanien ist und bleibt das Maß aller Dinge im Fußball. Als erste Mannschaft in der Geschichte hat das Team von Trainer del Bosque drei große Turniere hintereinander gewonnen. Nach der Europameisterschaft 2008 und dem WM-Titel 2010 triumphierte Spanien auch im Kiewer Finale der EM 2012. Das 4:0 gegen Italien war Ausdruck spielerischer Klasse, kämpferischen Willens und mannschaftlicher Geschlossenheit.
Italien musste sich anders als Deutschland im Halbfinale keine Vorwürfe machen, irgendetwas falsch gemacht zu haben. Trainer Prandelli hatte seine Spieler wiederum hervorragend eingestellt und die Spanier vor einige Probleme gestellt. In der Offensive wirbelte diesmal Cassano, der gegen Deutschland überragende Balotelli nahm dagegen kaum am Spiel teil.
Auch ohne größeres Zutun ihres Torjäger erarbeitete sich die Squadra Azzurra mit hohem Aufwand einige Torgelegenheiten, aber es fehlte die letzte Präzision und ein wenig das Glück beim Abschluss. In der Abwehr verteidigten die Italiener insgesamt geschickt, zwangen die Spanier zu überdurchschnittlich vielen Fehlpässen. Aber in zwei Szenen versagte ihre hohe Abwehrkunst. Es bedurfte jeweils der Genauigkeit eines chirurgischen Eingriffs, um die Treffer zu erzielen. Aber die Spanier besitzen diese Qualität, dieses Niveau der absoluten Weltklasse.
In der 14. Minute standen acht Italiener im und am eigenen Strafraum drei Spaniern entgegen, sie vermochten nichts auszurichten. Iniesta belieferte den in den Strafraum sprintenden Fabregas mit einem millimetergenauen Steilpass. Bevor Chiellini eingreifen konnte, hatte Fabregas die Lieferung weitergesendet zu Silva, der die ganze Aktion vorhergesehen hatte und unbedrängt einköpfen konnte.
In der 41. Minute rannte Linksverteidiger Jordi Alba plötzlich los, als hätte ihn eine Hummel gestochen - es war kein Insekt, das ihn motivierte, sondern eine kleine Lücke auf der linken italienischen Abwehrseite, die er entdeckt hatte. Der balllführende Xavi erkannte die Möglichkeit sofort, wählte die richtige Zehntelsekunde für den Pass, und Jordi Alba lief dank seines Geschwindigkeitsüberschusses mit dem Ball am Fuß auf Torwart Buffon zu. Sein Abschluss war so kühl wie genau - 2:0.
Spielmacher Pirlo hat wenig Anteil an Italiens Spiel
Das Endspiel schien zur Pause entschieden, aber die Italiener taten ihren Fans und dem übrigen nichtspanischen Zuschauern den Gefallen, nicht aufzugeben. So erlebten die 63.170 Besucher im Stadion – nicht alle Plätze waren besetzt – ein hochklassiges und lange Zeit spannendes Finale.
Der Anteil Pirlos daran war überraschend gering. Der Spielmacher von Juventus Turin, einer der auffälligsten Spieler des gesamten Turniers, wurde schon tief in der eigenen Hälfte in Zweikämpfe verwickelt und konnte kaum einen Angriff gestalten. Für ihn übernahmen Marchisio und De Rossi diese Aufgabe.
Di Natale hätte die Partie noch einmal wenden können
An Cassano und Di Natale, der ihn in der zweiten Halbzeit ersetzte, war es, die Torchancen zu vergeben. Bundestrainer Löw und seine Spieler mag es vor dem Fernseher geärgert haben zu sehen, wie die Italiener den Ball serienweise am Tor vorbei oder auf Casillas schossen. Im Halbfinale gegen sie hatte Balotelli in der ersten Halbzeit jede Möglichkeit zu einem Tor veredelt.
Andererseits gestatteten die Spanier ihren Gegnern auch nur einmal einen Versuch aus nächster Nähe. Doch in der 50. Minute schoss Di Natale den spanischen Torwart Casillas an. Ein Tor zu diesem Zeitpunkt hätte die Begegnung noch einmal wenden können. Aber von Minute zu Minute wurde die Chance dazu geringer.
Den frischen Torres und Mata gelingen noch zwei Tore
Nach etwa 70 Minuten verloren die Italiener den Glauben an sich, noch zwei Tore schießen und eine Verlängerung erzwingen zu können, zumal der kurz zuvor in die Partie gebrachte Thiago Motta in der 67. Minute verletzt das Feld verlassen musste - und die Squadra Azzurra keinen neuen Spieler mehr einwechseln konnte.
Spanien übernahm die Kontrolle und hatte mehrfach die Gelegenheit, das dritte Tor zu erzielen. Dank der geschickten Verteidigungsarbeit, manchmal in letzter Sekunde, vermochten die Italiener das Gegentor bis zur 84. Minute zu vermeiden. Dann gelang der frisch ins Spiel gebrachte Torres das 3:0. Kurz darauf legte er auch noch Mata zum 4:0-Endstand auf.
Auch in diesem Endspiel zeigte Spanien, dass sein fußballerischer Ansatz ganzheitlich ist: Offensivfußball ohne die Defensive zu vernachlässigen. Die Furia Roja musste im ganzen Turnier nur ein Gegentor hinnehmen - im ersten Gruppenspiel beim 1:1 gegen Italien. Ansonsten geriet die Abwehr nur noch gegen Kroatien einmal unter Druck. Irland, Frankreich und Portugal vermochten sich kaum eine Torchance zu erspielen.
Der Europameister kann auch im 4-6-0-System funkeln
Spanien hat sich eine unglaublich erscheinende Bilanz erspielt. In allen zehn K.o-Spielen seit der EM-Endrunde 2008 blieben die Iberer ohne Gegentreffer. Nach dem Finale wirkte die Kritik an den Spaniern, seine Spielweise wäre langweilig geworden, überzogen. Das Team bewies, dass es auch mit der Lieblingsformation ihres Trainer del Bosque, dem 4-6-0, funkeln und glänzen kann.
In seinem vierten Spiel von Beginn an auf der Position des vordersten Mittelfeldspielers schlug Fabregas voll ein. Ohne einen Torschuss abzugeben war der Mann des FC Barcelona eine ständige Gefahr für das italienische Tor. Mit seinen Sprints und Finten schuf er Lücken, mit seiner Ballkontrolle schuf er die Zeit, dass seine Kollegen in den Strafraum nachrücken konnten, mit seinen Pässen spielte er die Italiener aus.
Spanien wird den Thron wohl nicht so schnell verlassen
Als Fabregas nach 75 Minuten gegen den echten Stürmer Torres ausgetauscht wurde, verabschiedeten ihn die Fans mit stehenden Ovationen. Die Konkurrenz muss fürchten, dass die Ära der Spanier nach ein paar Jahre Bestand hat. Außer Xavi und Xabi Alonso ist kein Feldspieler 30 oder älter. Und es stehen viele Mitzwanziger bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen, wenn den beiden die Jahre einmal anzumerken sein werden.
Noch schlimmer ist die Tatsache, dass Spanien nicht nur einen Weg zum Erfolg kennt, wie die drei Tore des zum Ergänzungsspieler gewordenen Star-Mittelstürmers Torres beweisen. Trainer del Bosque kann zwischen einem 4-6-0 und einem 4-3-3 in vielen Varianten zurückgreifen. Es hatte 44 Jahre gedauert bis sich Spanien zu Europas Fußball-König krönen lassen konnte, es sieht danach aus, dass es keine Lust hat, den Thron so schnell zu verlassen.
Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Jordi Alba - Xavi, Busquets, Xabi Alonso - David Silva (59. Pedro Rodriguez), Fàbregas (75. Torres), Iniesta (87. Mata)
Italien: Buffon - Abate, Barzagli, Bonucci, Chiellini (21. Balzaretti) - Pirlo - Marchisio, Montolivo (57. Thiago Motta), De Rossi - Balotelli, Cassano (46. Di Natale)
Schiedsrichter: Proença (Portugal)
Zuschauer: 63.170
Tore: 1:0 David Silva (14.), 2:0 Jordi Alba (41.), 3:0 Torres (84.), 4:0 Mata (88.)
Gelbe Karten: Piqué / Barzagli
Glückwunsch zum verdienten EM Titel nach Spanien
Christoph Runge (Chris271)
- 02.07.2012, 13:34 Uhr
Gut, daß Spanien gewonnen hat
Franz Siebrech (rosi110)
- 02.07.2012, 13:08 Uhr
Schon vor dem Anstoß war ja klar...
Thomas Seifert (Thomas_Seifert)
- 02.07.2012, 11:23 Uhr
Das Spiel war hervorragend
Johann Vittel (havitt)
- 02.07.2012, 11:01 Uhr
Super Spiel, verdient gewonnen - aber nicht von einem anderen Stern
Martin Klocke (mampo)
- 02.07.2012, 10:29 Uhr