Der Traum der deutschen Nationalelf, nach 16 Jahren mal wieder einen großen internationalen Titel zu gewinnen, ist geplatzt. Deutlicher, als es das Ergebnis aussagt, unterlag die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw dem ewigen Angstgegner Italien 1:2 im EM-Halbfinale von Warschau, nachdem sie sich angesichts der starken Leistungen der vergangenen Wochen so große Hoffnungen auf den Einzug ins Endspiel von Kiew an diesem Sonntag gegen den Welt- und Europameister Spanien (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) gemacht hatte.
Doch die disziplinierten, offensiv höchst effektiven als auch spielerisch überzeugenden Italiener entpuppten sich vor 57.000 Zuschauern im Warschauer Stadion mal wieder als uneinnehmbare Fußball-Festung. Beide Treffer für den Finalteilnehmer beim letzten Auftritt Polens als Co-Gastgeber dieser Europameisterschaft erzielte der überragende Angreifer Mario Balotelli (20. und 36. Minute).
Mesut Özil verwandelte einen Handelfmeter zum Anschlusstreffer in der Nachspielzeit – zu spät für eine Wende. Am Ende sah es so aus, als hätten auch die taktischen und personellen Veränderungen von Löw dem Spiel der Deutschen nicht gut getan. Die Korrektur nach der Pause half jedenfalls nichts mehr.
Nach der Mannschaftsumstellung im Viertelfinale gegen Griechenland suchte der Bundestrainer gegen die Italiener eine andere neue Lösung auf die taktische Vorgehensweise des Gegners. Es war schon wieder ein Griff in die Überraschungskiste: Diesmal brachte er Lukas Podolski für André Schürrle auf die linke Mittelfeldseite und den dreimaligen EM-Torschützen Mario Gomez für Miroslav Klose herein.
Dazu spielte der Münchner Mittelfeldspieler Toni Kroos erstmals von Beginn an – über rechts: eigentlich waren dort Marco Reus oder Thomas Müller erwartet worden. Hinter der Aufstellung lag bei Löw wohl die Annahme, dass die italienische Mannschaft durch ihr 4-3-2-1-System mit einer sogenannten Mittelfeldraute sehr auf das Zentrum ausgerichtet sein könnte und damit die Herrschaft über die Außenpositionen besser zu erreichen wäre.
Doch es kam alles anders. Es zeigte sich sehr schnell, dass Kroos eigentlich zur Mitbewachung des italienischen Spielmachers Andrea Pirlo abgestellt wurde und sich somit vor allem in der Mitte aufhielt. Aber erst einmal kam das deutsche Team gut in Schwung. Das verbreitete Hoffnung.
Hätte Mats Hummels gleich nach fünf Minuten nach einer Ecke von Kroos den Ball besser getroffen, er hätte den italienischen Torwart-Oldie Gianluigi Buffon wohl aus fünf Metern überwunden. So konnte Pirlo noch auf der Torlinie mit dem Oberschenkel klären. Dann hätte der Abwehrmann Andrea Barzagli (12. Minute) fast eine Hereingabe von Jérôme Boateng ins eigene Tor abgefälscht.
Taktische Umstellungen erweisen sich als Schwächen
Ein erster Warnschuss des stark aufspielenden Riccardo Montolivo, dessen Mutter aus Plön in Schleswig-Holstein stammt, zeigte, dass die Italiener nach einigen Verunsicherungen besser ins Spiel fanden. Noch hielt Torwart Manuel Neuer.
Als Schwäche der Deutschen erwies sich immer mehr die taktische Umstellung des Bundestrainers. Weil Kross zur Abwehr des gefährlichen Pirlo ins Zentrum des Spiels strebte, verwaiste die rechte Offensivseite der deutschen Elf immer mehr. Mal zeigte sich dort Mesut Özil, dann auch mal Sami Khedira. Aber ohne Effekt.
Und plötzlich führte der deutsche Angstgegner
Dann begann die große Show des Mario Balotelli. Erst ließ sich Hummels auf der linken Seite vom italienischen Angreifer Antonio Cassano ausspielen, dessen passgenaue Flanke landete direkt bei Balotelli, der den Ball zum 1:0 kraftvoll einköpfte. Holger Badstuber hatte das Luftduell gegen ihn verloren. Plötzlich führte der deutsche Angstgegner.
Einige wenige Ausgleichaktionen von Özil (27.) und Podolski (34.) waren aber nicht gefährlich genug, um der deutschen Mannschaft den Ausgleich zu bringen. Nur der knallharte Schuss von Khedira aus etwa 30 Meter (35.) wäre wohl im Tor gelandet, wenn nicht wieder Buffon sich gestreckt hätte.
Balotelli schießt zum 2:0 genau in den Torwinkel
Derweil kam es für Löws Team vor der Pause noch schlimmer. Ein traumhafter Pass von Montolivo aus der eigenen Hälfte landete beim anstürmenden Balotelli, der davon profitierte, dass der deutsche Kapitän Philipp Lahm als letzter Mann vor Neuer zu spät schaltete und den italienischen Angreifer nicht ins Abseits laufen ließ. So zog Balotelli aus 16 Meter ab – der Ball landete zum 2:0 genau im Torwinkel.
Der Bundestrainer musste reagieren: Reus kam für Podolski und besetzte dann wirklich die rechte Offensivseite. Klose kam für den glücklosen Gomez herein. Gleich entwickelten sich zwei gefährliche Chancen, doch Reus (48.) und Lahm (49.) verfehlten das Tor.
Das 2:1 von Özil per Elfmeter kommt definitiv zu spät
In der 62. Minute rettete Buffon mit einem Reflex ein Freistoßtor von Reus. Auch Hummels Chance (89.) blieb ohne zählbaren Erfolg. Die deutsche Mannschaft mühte sich redlich, doch die Profis aus Italien präsentierten sich mal wieder als zu ausgebufft. Sie hätten die Führung sogar ausbauen können, weil ihr Gegner natürlich gegen Ende fast alles nach vorne warf.
Zweimal hätte Claudio Marchisio (68. und 75. Minute) zum Tor treffen können. Doch er verzog. Später traf der eingewechselte Antonio Di Natale noch das Außennetz (82.). Der Treffer per Handelfmeter zum 2:1 durch Özil in der Nachspielzeit kam definitiv zu spät.
Italien und Spanien trafen sich schon in der Vorrunde
So blieb gegen Italien aus deutscher Sicht alles beim Alten. Zum Leid der Elf von Löw. Die einzigartige Bilanz der Italiener wird auch über den Donnerstag hinaus fortbestehen: Sie hat keine einzige Niederlage bei einem Turnier gegen die Deutschen zu verzeichnen. Alle Pflichtspiele gegen dieses Team wurden von ihnen bisher gewonnen.
Zu den bitteren Momenten mit der deutschen Finalniederlage bei der WM 1982 (1:3) und dem 0:2 im Halbfinale der Heim-WM 2006 in Dortmund kommt jetzt noch die Enttäuschung von Warschau dazu. Die Italiener werden jetzt an diesem Sonntagabend wieder Spanien herausfordern. Beide Teams hatten sich in der Gruppenphase 1:1 getrennt.
Deutschland: Neuer - Boateng (71. Müller), Hummels, Badstuber, Lahm - Khedira, Schweinsteiger - Kroos, Özil, Podolski (46. Reus) - Gomez (46. Klose)
Italien: Buffon - Balzaretti, Barzagli, Bonucci, Chiellini - Marchisio, Pirlo, De Rossi - Montolivo (64. Thiago Motta) - Cassano (58. Diamanti), Balotelli (70. Di Natale)
Schiedsrichter: Lannoy (Frankreich)
Zuschauer: 55.540
Tore: 0:1 Balotelli (20.), 0:2 Balotelli (36.), 1:2 Özil (90.+2/Handelfmeter)
Gelbe Karten: Hummels / Balotelli, Bonucci, De Rossi, Thiago Motta
EM 2012
Franz Josef Stuhrmann (prim)
- 30.06.2012, 23:11 Uhr
Zumal es ja noch nicht einmal stimmt, dass ALLE Italiener kräftig
mitgesungen haben, ...
Hermann Boller (HermBoller)
- 30.06.2012, 15:55 Uhr
Gratulation Italien
Arnulf Haubold (statlerundwaldorf)
- 30.06.2012, 12:01 Uhr
National-Heuler
Arnulf Haubold (statlerundwaldorf)
- 30.06.2012, 11:45 Uhr
Bzgl. der Loddar-Vorschläge...
Tom Schoppmeyer (Paukertom)
- 30.06.2012, 09:17 Uhr