Einen Tag vor der wegweisenden Parlamentswahl in Athen haben die Griechen ihren Euro-Austritt abgewendet – zumindest im Fußball. Ein 1:0-Sieg gegen Russland im letzten Spiel der Vorrundengruppe A reichte ihnen, um das Viertelfinale der Europameisterschaft zu erreichen – möglicherweise gegen Deutschland. Den Siegtreffer erzielte Giorgos Karagounis in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit.
Die Griechen waren ihre letzte Chance nicht so passiv angegangen wie ihre ersten beiden EM-Spiele, in denen sie schon in den ersten 17 Minuten drei Gegentore kassiert hatten. Nach sechs Minuten lenkte Katsouranis nach einer Ecke den Ball mit dem Fuß aus spitzem Winkel aufs russische Tor, wo Torwart Malafejew gerade noch die Hand an den Ball bekam. Es sollte allerdings für vierzig Minuten der letzte Schuss aufs Tor der Russen bleiben.
Vor rund 20.000 Landsleuten, die im polnischen Nationalstadion für russische Stimmungshoheit sorgten, übernahm die „Sbornaja“ bald das Kommando, beherrschte den Ball, versuchte alles aber eine Spur zu technisch, zu körperlos. Die Griechen, die eigentlich ein Tor nötiger hatten als ihr Gegner, lauerten nur. Wirklich in Gefahr gerieten sie in der ersten Halbzeit aber nur bei zwei Weitschüssen von Kerschakow und Schirkow, die das Tor um Zentimeter verfehlten, und bei einem herrlichen Solo Schirkows von der Mittellinie bis zum Fünfmeterraum, an dessen Ende der Russe mit seinem Rückpass aber keinen Mitspieler fand.
Und gerade als das Spiel in der Nachspielzeit der ersten Hälfte völlig einzuschlafen schien, tat das auch Sergej Ignaschewitsch, der russische Innenverteidiger, der sich bei einem harmlosen Einwurf völlig verschätzte und den Ball genau in den Lauf von Karagounis lenkte. Der Kapitän der Griechen lief allein auf Malafejew zu und überwand ihn mit einem harten Spannschuss aus zwölf Metern – passend zur Feier des Tages, an dem Karagounis mit seinem 120. Länderspiel Theo Zagorakis, den Kapitän des EM-Siegerteams von 2004, als Rekordnationalspieler einholte.
Mischung aus Gefälligkeit und Fahrigkeit
Das Halbzeitresultat war Fußball paradox – 2:13 Torschüsse, 1:0 Tore. Und paradox war auch, dass bei diesem Zwischenstand beide Teams im Viertelfinale standen, denn beim gleichzeitigen 0:0 im Parallelspiel waren die Polen virtuell Letzter und die Tschechen durch den schlechtesten Dreiecksvergleich mit den punktgleichen Russen und Griechen während der Pause nur noch Dritter der Gruppe A.
Doch ein einziges Tor in Breslau konnte alles ändern und die Russen aus dem Turnier werfen, und so setzte Trainer Dick Advocaat auf mehr Präsenz im Sturm und brachte den langen Pawjluschenko für Kerschakow. Doch es blieb bei der Mischung aus Gefälligkeit im Kombinieren und Fahrigkeit im Abschluss. So jagte Schirokow den Ball aus zwölf Metern weit übers Tor. Denisow schoss aus der Distanz knapp daneben. Im Gegenzug setzte sich Torossidis rechts durch, Anjukow rettete zwei Meter vor dem Tor. Und eine Minute später fädelte Karagounis bei einem Solo in den Strafraum allzu bereitwillig bei Ignaschewitsch ein und erhielt dafür eine Gelbe Karte, die ihn das Viertelfinale kostet.
Die Griechen spielten nun mit Beton, die Russen mit Brett vorm Kopf. Und der Favorit wurde bestraft – zwar noch nicht von dem früheren Frankfurter Giorgos Tzavellas, der nach 70 Minuten mit einem Freistoß das Lattenkreuz traf, aber vom Tschechen Petr Jiracek, der in derselben Minute 300 Kilometer entfernt in Breslau traf. Zwanzig Minuten vor Ende waren die Russen raus – und blieben es, denn ihnen fielen nur Distanzschüsse gegen die menschliche Wand vor dem griechischen Tor ein. Nur der 21-jährige Alan Dzagojew, eine der EM-Entdeckungen, hätte fast noch den rettenden Ausgleich geschafft. Doch sein Kopfball sechs Minuten vor Ende flog haarscharf am Pfosten vorbei.
Griechenland: Sifakis - Torosidis, Sokratis, Kyriakos Papadopoulos, Tzavellas - Maniatis, Katsouranis - Salpingidis (83. Ninis), Karagounis (67. Makos), Samaras - Gekas (64. Holebas)
Russland: Malafejew - Anjukow, Beresuzki, Ignaschewitsch, Schirkow - Schirokow, Denissow, Gluschakow (72. Pogrebnjak)- Dsagojew, Kerschakow (45. Pawljuschenko), Arschawin
Schiedsrichter: Eriksson (Schweden)
Tore: 1:0 Karagounis (45.+2)
Gelbe Karten: Holebas, Karagounis - Anjukow, Schirkow, Dsagojew, Pogrebnjak
Zuschauer: 55.614 in Warschau
Tolles Spiel
Jakob Fels (Camenzind)
- 17.06.2012, 11:47 Uhr
Karagounis auf dem Weg...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 17.06.2012, 10:22 Uhr
Sie habens verdient
Florian Wiesweg (flowsx)
- 17.06.2012, 03:13 Uhr
Vorfreude auf Vorberichterstattung
Richard Schessner (schessman)
- 16.06.2012, 23:37 Uhr