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Spaniens Trainer del Bosque „Wir brauchen Demut und Bescheidenheit“

 ·  Spanien spielt am Sonntag (18 Uhr) gegen Italien. Im Interview der Sonntagszeitung spricht Nationaltrainer Vicente del Bosque über die Geheimnisse seines Erfolgs, die Rivalität zwischen Madrid und Barcelona und seine deutschen Lieblingsspieler.

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© dapd Mann mit Stil: Vicente del Bosque kommt es vor allem darauf an, sein Land würdig zu vertreten

Wie schaffen Sie es, Ihre Spieler, die in den vergangenen vier Jahren die beiden wichtigsten Titel der Welt gewonnen haben, für so ein Turnier, das für Spanien am Sonntag (18 Uhr) gegen Italien beginnt, noch einmal zu motivieren?

Es gibt da eine Taste, auf der steht „Emotion“. Die muss ich bedienen. Wenn ich das nicht hinkriege, ist es unmöglich, gut zu spielen. Meine Spieler wissen, worum es geht. Ihre Karriere ist kurz, und jetzt ist die Zeit, das Maximum aus ihren Möglichkeiten herauszuholen. Viele dieser Jungs spielen in großen Klubs, sie sind an Erfolge auf Vereinsebene gewöhnt. Niederlagen tun ihnen sehr weh.

Was ist denn das Geheimnis Ihres Erfolgs? Können Sie Spielern wie Iniesta, Torres oder Xavi noch etwas beibringen?

Zu den Kleinigkeiten zählt das Handwerkliche. Und egal wie großartig die Trainer sind, mit denen sie in ihren Vereinen arbeiten, sie profitieren von meinem unabhängigen Blick. Ich bin da, um ihnen zu helfen. Was unseren gemeinsamen Erfolg betrifft, sehe ich mehrere Ursachen. Menschlich haben wir eine gute Beziehung, was die Voraussetzung dafür ist, dass es im sportlichen Bereich läuft. Dazu kommen die technischen Fertigkeiten einer hochbegabten Spielergeneration. Und dann haben wir den früheren Minderwertigkeitskomplex abgelegt, als wir noch dachten, wir könnten nicht leisten, was die Mannschaften anderer Länder leisten: Dieser Irrglaube gehört der Vergangenheit an. Es ist gut für junge Spanier zu erkennen, dass und wie man im Kollektiv zum Erfolg kommen kann.

Früher war die Stimmung bei den Spaniern nach dem Ausscheiden ja meistens: Wieder verloren, also die Fahne eingerollt und ab nach Hause.

Na ja, im Sport kann man nun einmal verlieren. Das gehört dazu. Wir haben bei den Qualifikationsspielen zur Europameisterschaft einen ähnlich guten Eindruck gemacht wie vor zwei Jahren bei der Qualifikation zur Weltmeisterschaft. Hier und da gab es aber einen Schatten auf unserem Spiel. Das unterlief uns vor allem bei Freundschaftsspielen, in denen wir nicht ganz auf dem Niveau agiert haben, das man vom aktuellen Weltmeister erwarten darf. Die Unterschiede zwischen den Teams sind heute minimal. Deutschland hat in der Vorbereitung gegen die Schweiz - ohne einige Stammspieler - enttäuscht, und auch wir haben es gegen Serbien nicht leicht gehabt. Die Abstände sind klein, und uns allen drohen ähnliche Gefahren.

Was sind Sie für Ihre Spieler? Eher ein Berater? Der Übungsleiter? Die Vaterfigur?

Ich nenne es gern „geteilte Führung“. Das ist eine Führung, bei der die Präsenz des Trainers und seine Hand für die Spieler immer spürbar sind. Das gilt für die Umkleidekabine, das Spielfeld, für alles. Es muss diese Führung geben.

Also auch geteilte Autorität?

Ja, geteilte Autorität. Eine freundliche Autorität, wenn Sie so wollen. Wenn ich meine Rolle näher beschreiben sollte, würde ich sie wohl als „emotionalen Anführer“ bezeichnen. So ein Anführer muss gut zuhören können.

Wie stecken Sie den Ausfall von zwei so wichtigen Spielern wie David Villa und Carles Puyol weg?

Villa war unsere Torgarantie, Puyol die Führungspersönlichkeit auf dem Feld. Solche Leute ersetzt man nicht. Und doch wird genau das geschehen. Andere Spieler treten an ihre Stelle, und wir werden alles tun, dass man ihr Fehlen möglichst wenig merkt.

Spanien, so scheint es, identifiziert sich heute auf ganz andere Weise mit seiner Nationalmannschaft als früher. Wie lässt sich das erklären?

Unsere Spieler haben sich beliebt gemacht, ohne dass eine Absicht dahinter gestanden hätte. Sie sind normal geblieben. Selbst Menschen in unserem Land, denen Fußball nichts bedeutet, empfinden Sympathie für diese Spieler. Und das kommt mir gar nicht schlecht vor. Im Gegenteil. Bei uns spielen Leute aus vielen spanischen Regionen - Katalanen, Basken, Madrilenen, Andalusier -, und das funktioniert bis auf weniger Ausnahmen hervorragend. Ich glaube, diese Spielergeneration hat der spanischen Gesellschaft einen großen Dienst erwiesen.

Hat Ihre Mannschaft einen „Geist“? Und wenn ja, wie würden Sie ihn beschreiben?

Ich spreche lieber von Gefühlen. Dieser Sport ist sehr gefühlsgeladen, und ohne starke Gefühle wäre es überaus schwierig, am Wettbewerb teilzunehmen. Wenn wir schon Geist wollen, dann Kampfgeist, Wettbewerbsfähigkeit: Ohne die wäre an solche hohen Ziele überhaupt nicht zu denken.

Bemerken Sie hin und wieder einen Widerspruch zwischen Wettbewerbsfähigkeit auf der einen und der von Ihnen oft beschworenen Demut auf der anderen Seite? Wie ist man als Mannschaft gierig und bescheiden zugleich?

Für mich gehört das zum Fundament. Je mehr einer gewinnt, desto mehr sollte er sich verpflichtet fühlen, korrekt und bescheiden aufzutreten. Am Ende sind wir doch nur Fußballtrainer und Fußballspieler, nicht mehr. Normalität sollte für uns selbstverständlich sein, genauso wie Demut und Bescheidenheit.

In der spanischen Liga hat Real Madrid erstmals nach vier Jahren wieder den Meistertitel errungen. Der FC Barcelona wurde nur Zweiter. Hatten Sie nach den harten, teils giftigen Duellen, die die beiden Erzrivalen in den letzten Jahren ausgetragen haben, mehr Mühe als sonst, Ruhe und Einigkeit herzustellen?

So schlimm war es auch wieder nicht. Ja, es haben sich zwischen den beiden Vereinen ein paar Episoden abgespielt, die niemand erbaulich fand. Aber hier bei der Nationalmannschaft herrscht Geschlossenheit. Und das ist die absolute Voraussetzung dafür, als Mannschaft Erfolg zu haben.

Sie mussten seinerzeit also kein Machtwort sprechen?

Nein, überhaupt nicht. Es war eher die Großzügigkeit der Spieler, die das wieder eingerenkt hat. Sie haben ja eine wichtige Erfahrung gemacht: dass diese aggressive Form der Auseinandersetzung nirgendwo hinführt. Das hat wirklich jeder begriffen: Die „Feindschaft“ zwischen den beiden großen spanischen Klubs ist Unfug.

Wenn Sie einen oder mehrere deutsche Spieler verpflichten könnten, wen würden Sie wählen?

(Lacht) Also, die haben schon ein paar sehr gute. Das Fundament sind die Spieler von Bayern München, aber ich wüsste wirklich nicht, für wen ich mich entscheiden sollte.

Kommen Sie! Zwei oder drei.

Na gut. Mir gefällt Lahm in der Defensive, ich mag Schweinsteiger, ich mag Özil, und auch Mario Gomez war in der Champions League sehr stark.

Der passt schon wegen des Namens in Ihre Mannschaft, klar. Was gefällt Ihnen denn am deutschen Team?

Die Deutschen haben sich erneuert und modernisiert, und zwar auf der Basis ihrer alten Tugenden. Von der körperlichen Energie muss ich nicht reden, das wissen wir alle. Aber bei der Weltmeisterschaft in Südafrika haben Spanien, Deutschland und Holland einen besonderen Fußball gespielt.

Fußballerisch, so scheint es, gibt es eine gewisse Nähe zwischen Spanien und Deutschland...

Ich mag die Deutschen, ja. Wir haben persönlich ein gutes Verhältnis, ohne dass ich behaupten könnte, die Mannschaft gut zu kennen. Ich schätze den Bundestrainer, und alle haben sich uns gegenüber großartig verhalten. Sie sind zu uns nach Spanien gekommen, um sich unsere Sporteinrichtungen anzusehen und sich aus erster Hand zu informieren. Was die deutschen Spieler angeht, so haben sie vor zwei Jahren im WM-Halbfinale bei der Niederlage gegen uns ihren Sportsgeist bewiesen. In der Niederlage zeigt man, aus welchem Holz man geschnitzt ist. Darüber hinaus sind sie eine ausgezeichnete Mannschaft, und wie alle Nationalteams stützen sie sich auf eine Kerntruppe. In diesem Fall ist das der Bayern-Block, so wie heute der FC Barcelona und Real Madrid das Gerüst der spanischen Nationalmannschaft bilden. Einerseits hat Deutschland die Essenz früherer Jahrzehnte bewahrt - Kampfgeist, Energie, physische Stärke -, andererseits haben sie mit einem gut konstruierten Fußball und wirklichen Klassespielern ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Was erwarten Sie in Polen und der Ukraine? Was muss geschehen, damit es für Sie eine gute EM wird?

Ich hoffe, dass wir auf der Höhe der Anforderung sind. Und die Ansprüche sind hoch bei einem Team, dass in den letzten Jahren erst Europameister und dann Weltmeister geworden ist. Wir sind uns bewusst, dass noch keine Mannschaft der Welt drei große Turniere nacheinander gewonnen hat. Aber das streben wir an.

Nach all diesen Jahren: Was ist der Fußball heute für Sie?

Meine Leidenschaft und mein Laster. Das hat sich nicht verändert, seit ich Kind war. Hinzugekommen ist ein Gedanke, der früher nicht so wichtig schien: mein Land würdig zu vertreten. Eigentlich kommt es mir vor allem darauf an: dass sich die Menschen, die uns anfeuern, gut von diesen Jungs vertreten fühlen.

Das Gespräch führte Paul Ingendaay.

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Von Paul Ingendaay

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