Home
http://www.faz.net/-hfm-70va7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schmerzmittel im Fußball Der überlastete Körper wird ausgequetscht

 ·  Der Einsatz von Schmerzmitteln gerade während großer Fußballturniere steigt weiter. Nach Hochrechnungen betäubt etwa die Hälfte der EM-Spieler ihre Schmerzen. Kritiker fordern, die Mittel als Doping zu verbieten.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)
© dpa Prominentes Beispiel: Ivan Klasnic streitet seit Jahren mit seinem früheren Klub Werder Bremen vor Gericht

Zwei Tritte auf das Sprunggelenk, einen in die Wade, 90 Minuten durchgespielt und vier Tage später das nächste Spiel: Auf mehr als 60 Spiele kommen Fußballprofis von internationalem Niveau innerhalb von zehn Monaten. Viele nehmen Schmerzmittel, um so ein Programm durchstehen zu können. Besonders groß ist die Belastung bei Turnieren nach dem Ende einer Liga-Saison, so auch bei dieser Europameisterschaft.

In einer bisher noch nicht veröffentlichten Studie des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) haben Wissenschaftler untersucht, warum die Spieler so häufig Schmerzmittel nehmen.

Professor Jens Kleinert ist Sozialpsychologe an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Im neunten Stock forscht er seit Jahren zu Psychologie, Gesundheit und Motivation im Sport. Für die Fifa hat Kleinert gemeinsam mit Schmerzforscher Toni Graf-Baumann und Doping-Analytiker Mario Thevis gut 400 Sportler gefragt, warum sie Schmerzmittel nehmen.

Die Antwort: „Entweder wollen sie einen bestimmten Trainingsumfang aushalten oder in einem Spiel spielen, obwohl sie normalerweise nicht fit genug wären. Daran sieht man schon die Zwiespältigkeit der Schmerzmitteleinnahme“, sagte Jens Kleinert dier F.A.Z. Die Fifa-Studie soll in einigen Monaten veröffentlicht werden.

Finanzielle Abhängigkeit kein Motiv

Kleinert hat in Deutschland, Österreich und der Schweiz Bundesliga-Fußballer und Amateure befragt, dazu Handballer, Basketball- und Hockeyspieler. 36 Prozent der Sportler gaben an, zum Zeitpunkt der Befragung Schmerzmittel zu nehmen, davon fast die Hälfte sogar mehrere Wirkstoffe gleichzeitig.

Zwischen den Sportarten stellten die Forscher kaum Unterschiede fest, lediglich Handballspieler scheinen etwas häufiger zu Medikamenten zu greifen. Gibt es Unterschiede zwischen Hobbykickern und Profis?

„Gar nicht so viel, wie wir erwartet hätten. Stellen Sie Sich vor, sie haben einen Bezirksligaspieler, für den dieser Sport alles in der Welt bedeutet. Dessen Motivation, Schmerzmittel zu nehmen, ist genauso groß wie bei einem Profi, der Bundesliga spielt.“ Finanzielle Abhängigkeiten haben nach der Studie keinen Einfluss auf die Entscheidung, Schmerzmittel zu nehmen.

Beispiel Klasnic

Kleinert hat zudem festgestellt, dass viele Spieler die Wirkung von Schmerzmitteln überhaupt nicht kennen. So nähmen Fußballprofis die Tabletten auch prophylaktisch, was Unsinn sei.

Außerdem sind sich die Athleten wohl nicht über die möglichen Folgen im Klaren. Ein Missbrauch kann nicht nur zu irreversiblen Gewebe-, Gelenk- und Bänderschäden führen. Hohe Dosierungen gefährden auch Magen oder Nieren. Ivan Klasnic hat diese Erfahrung gemacht. Der ehemalige Bremer Stürmer verklagte Werder Bremens Mannschaftsarzt Götz Dimanski auf mehr als eine Million Euro Schmerzensgeld.

Vermutlich schluckt jeder Zweite bei der EM

Er wirft dem Mediziner vor, eine Nierenerkrankung nicht erkannt und mit hohen Mengen an Schmerzmitteln verschlimmert zu haben. Klasnic musste bislang zwei Nierentransplantationen über sich ergehen lassen. Seit vier Jahren warten die Beteiligten auf ein Urteil. Weder Dimanski noch Klasnic wollen sich derzeit zum laufenden Verfahren äußern.

Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika 2010 nahmen laut Fifa etwa 60 Prozent der Spieler Schmerzmittel. Fast 40 Prozent schluckten diese Medikamente sogar vor jedem Spiel. Der Vergleich mit vorangegangenen Turnieren zeigt: Es werden immer mehr Schmerzmittel genommen. „Für uns ist der Einsatz von Schmerzmitteln ganz klar ein Missbrauch von Medikamenten“, sagt Fifa-Chefmediziner Jiri Dvorak.

Die Fifa stellte in ihrer Studie kaum Unterschiede zwischen verschiedenen Kontinenten fest. Nach Hochrechnungen betäubt in diesen Wochen etwa die Hälfte der EM-Spieler ihre Schmerzen.

Die Deutschen gehören nach Angaben von Tim Meyer nicht zu dieser Gruppe. Der Teamarzt erklärte jedenfalls auf Anfrage, Schmerzmittel würden nur äußerst sparsam eingesetzt und überhaupt nicht, um einen Spieler für ein Spiel fit zu bekommen.

„Nicht Personen spielen, sondern Produkte“

Der Trend zur Anti-Schmerz-Pille aber lässt sich nicht übersehen. Kleinert glaubt, dass vor allem die geringe Hemmschwelle zu einem unverantwortlichen Umgang beitrage. Die Sportler müssen keine Strafen fürchten. Die Mittel stehen nicht auf der Liste der im Sport verbotenen Substanzen. Auch die Anerkennung in der Mannschaft leidet nicht. „Im Gegenteil. Es ist zum Teil sogar cool, vorher etwas zu nehmen. Man zeigt damit, dass man Schmerzen hat. Und wer Schmerzen hat, der ist auch gut. Das reduziert die Hürde“, sagt Kleinert.

Sein Kollege Ingo Froböse, Leiter des Kölner Zentrums für Gesundheit, forscht seit Jahren zu Regeneration und Rehabilitation im Sport und beschäftigt sich so auch mit dem Schmerzmittelmissbrauch im Fußball. Froböse ist entsetzt: „Das sind keine Personen mehr, die dort spielen“, sagte er, „das sind Produkte. Die Sportler verkaufen sich mit Haut und Haaren.“

Die Zeche wird zu Beginn der neuen Saison gezahlt

Froböse kennt einige Sportinvaliden, „die können mit ihren Kindern nicht mehr laufen gehen, weil ihre Knochen so kaputt sind. Der Körper wird ausgequetscht wie eine Zitrone. Es wird versucht, das Maximale herauszuholen, auch aus ökonomischen Gründen.“

Besonders schlimm wird es laut Froböse, wenn der Wettkampfkalender keine Pausen mehr lässt für eine Regeneration: „Es werden alle Mittel genutzt, um die Probleme während der EM in den Griff zu kriegen. Über diese drei Wochen kann man sich gerade noch rüberretten. Ich erwarte, dass Vereine und Spieler in den ersten Monaten der Bundesliga die Zeche zahlen werden.“

Dann wird die nächste Diskussion entstehen, wie immer nach großen Turnieren. Geändert hat sich dadurch bisher nichts. Deshalb plädiert Hans Geyer, Geschäftsführer des Zentrums für präventive Dopingforschung in Köln, dafür, über einen neuen Weg zur Minimierung des Schmerzmitteleinsatzes nachzudenken: „Schmerzmittel schalten den Schutzmechanismus des Körpers aus“, sagt er. „So kann eine Leistung erbracht werden, die ohne nicht möglich wäre. Schmerzmittel werden schon im Training genommen, dadurch sind höhere Trainingsumfänge und -intensitäten möglich.“

Je nach Umgang erfüllen Schmerzmittel nach Ansicht von Geyer und Froböse alle Bedingungen, die bei einer Einstufung eines Mittels als Doping-Substanz vorliegen müssen. Kleinert, Mitautor der Fifa-Studie, schließt sich an: „Wenn ich ein Schmerzmittel nehme, obwohl ich keine großartigen Schmerzen habe, dann brauchen wir gar nicht drüber zu reden, als was das dann gilt.“

Der Autor sammelt unter fussballdoping.de Informationen zu Doping und Schmerzmitteln im Fußball.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jubiläumsgeschenk als Verpflichtung

Von Daniel Meuren

Die Jubiläums-Saison ist vorbei. Das Geschenk für 50 Jahre Bundesliga gibt es aber erst in Wembley. Nun muss die Liga ihr gewachsenes Ansehen nutzen, um auf die Chancengleichheit zu achten. Mehr 2