Robbie Keane wird der Name Eugene Polley vermutlich nichts sagen – und das ist auch besser so. Im Jahr 1955 brachte der Amerikaner, der vor zwei Wochen starb, den „Flash-Matic“, die erste kabellose Fernbedienung auf den Markt. Damals war das eine Sensation. Bis heute erleichtert die weiterentwickelte Erfindung nicht nur den Fernsehkonsum. Robbie Keane allerdings brachte eine Fernbedienung 1998 ins Krankenhaus.
Weil er das Gerät auf dem Tisch im Wohnzimmer erreichen wollte, aber nach dem harten Training bei den Wolverhampton Wanderers zu faul war, die Couch zu verlassen, machte er das, was als Standardverhalten eines Fußballers gilt – er fuhr das Bein aus. Die Aktion ging gründlich daneben. Anstatt des Objekt der Begierde heranzuziehen, stach ein Schmerz in den Unterschenkel des Iren – er hatte sich soeben einen doppelten Bänderriss zugezogen.
Die Wanderers mussten mehrere Wochen auf Robert David Keane, wie er mit vollem Namen heißt, verzichten, der schon mit 17 der beste Torschütze des Klubs war. Hätte er alleine auf sein Herz gehört, wäre der Ire nicht in Wolverhampton gelandet.
Nachdem er bei Crumlin United in Dublin groß geworden war, bekam er ein Angebot vom FC Liverpool – seinem absoluten Lieblingsverein. Weil Keane sich allerdings bei den Wanderers größere Chancen auf Einsätze erhofft, gab er seiner „Jugendliebe“ einen Korb.
Es sollte der erste von zehn Vereinen sein, bei denen Keane unter Vertrag stand. Durch den ersten Wechsel von Zweitligaverein Wolverhampton zu Premier-League-Klub Coventry wurde er der bis heute teuerste Teenager des britischen Fußballs. City zahlte damals sechs Millionen Pfund für Keane, der ein Jahr zuvor bereits seinen Einstand in der irischen Nationalmannschaft gegeben hatte. Damals war er noch nicht einmal volljährig.
Alex Ferguson, der auch ein Auge auf den mit 1,76 Metern recht kleinen Angreifer geworfen hatte, quittierte den Wechsel Keanes zu einem Konkurrenten leicht beleidigt: „Bei uns hätte er sowieso Probleme bekommen, überhaupt in der Reserve zu spielen.“
Der Trainer von Manchester United konnte sich den Hochmut erlauben – seine Stürmer Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjaer hatten ihn zuvor in Barcelona in der Nachspielzeit gegen den FC Bayern mit zwei Toren zum Champions-League-Sieger gemacht.
Mit 19 fühlte sich Keane bereit für ein erstes Auslandssemester – im wahrsten Wortsinne. Denn länger als sechs Monate dauerte seine Zeit bei Inter Mailand, das den Stürmer für 19,5 Millionen Euro gekauft und mit einem Fünfjahresvertrag ausstattete hatte, nicht.
Leeds United schreckte die Bilanz von sechs Einsätzen mit keinem Tor nicht ab und zahlte den Italienern den Einkaufspreis fast vollständig zurück – damit hatte Keane mit 20 Jahren schon annähernd umgerechnet 50 Millionen Euro an Transfergeld bewegt.
Am Selbstvertrauen mangelte es ihm schon in jungen Jahren nicht. Bei einem Länderspiel gegen Argentinien marschierte er in der Halbzeitpause schnurstraks in die Kabine der Schiedsrichter – und forderte sie auf, ihn besser gegen die Tritte der gegnerischen Spieler zu schützen.
Sie taten es, inzwischen ist Keane hinter Torhüter Shay Given der Ire mit den meisten Einsätzen für die Nationalelf und deren Rekordtorschütze mit 53 Treffern – nach jedem folgte der obligatorische Radschlag mit anschließendem Purzelbaum.
Auch nach seiner Zeit in Leeds hielt Keane das Geld in Bewegung, über Tottenham ging es zur einst verschmähten „Jugendliebe“ Liverpool und wieder zurück zu den Hotspur, dann nach Glasgow zu Celtic, zu West Ham United und schließlich vor einem Jahr in die Vereinigten Staaten zum Beckham-Klub Los Angeles Galaxy, unterbrochen von einem Leihgeschäft mit Aston Villa – insgesamt kostete Keane in all den Jahren mehr als 90 Millionen Euro an Ablöse. Nicht eingerechnet sind die Beträge, die seine angeblich mehr als zehn Berater in dieser Zeit bei den Transfers verdienten.
Die erfolgreichste Zeit erlebte Keane von 2002 bis 2008 bei Tottenham. Doch mehr als ein Titel im Ligacup mit den Spurs sowie die Meisterschaft 2011 in den Vereinigten Staaten hat Keane bisher mit seinen Klubs nicht gewonnen.
Dazu kommt der Erfolg bei der U-18-Europameisterschaft, als die Iren die deutsche Auswahl 1998 im Elfmeterschießen besiegten. Vier Jahre später spielte er bei der Weltmeisterschaft und traf gegen Deutschland in letzter Minute zum Ausgleich in der Vorrunde; das Aus kam für die Iren aber im Achtelfinale.
Von seiner kreativen Seite zeigte sich Keane im Dezember 2009, als er zum zweiten Mal für Tottenham spielte. Weil er wusste, dass Harry Redknapp nichts von Weihnachtsfeiern hielt, tarnte er den Ausflug nach Dublin als Golf-Trip.
Der Trainer musste geahnt haben, dass man zu dieser Jahreszeit eher suboptimale Platzbedingungen auf dem Grün der Insel vorfindet. Die wilde Party kostete jeden der sechzehn Spieler rund 20.000 Euro – nicht für die Getränke, sondern als Strafe vom Verein.
Kapitän Keane, der mit einer ehemaligen „Miss Irland“-Kandidatin verheiratet ist, gilt auch mit 31 Jahren noch die große Hoffnung der Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft, bei der die „Boys in Green“ in der Vorrunde auf Kroatien, Spanien und Italien treffen.
In den Qualifikationsspielen erzielte er trotz des Stresses mit der langen Anreise aus Los Angeles in elf Spielen sieben Tore. Die Oberschenkelprobleme, die ihn zuletzt immer wieder plagten, sind verschwunden. Jetzt muss er sich nur noch von Fernbedienungen fernhalten.
Spielplan bei der EM 2012:
Sonntag, 10. Juni, 20.45 Uhr: Irland – Kroatien (in Posen)
Donnerstag, 14. Juni, 20.45 Uhr: Spanien – Irland (in Danzig)
Montag, 18. Juni, 20.45 Uhr: Italien – Irland (in Posen)
Trainer: Giovanni Trapattoni
Plazierung in der Weltrangliste: 18.
Größter Erfolg: WM-Viertelfinale 1990
Bisheriges Abschneiden bei Turnieren:
Weltmeisterschaften:
1990: Viertelfinale
1994 und 2002: Achtelfinale
Europameisterschaften:
1988: Vorrunde
Man kann von Robbie denken was man will...
Uwe Wagner (view)
- 04.06.2012, 10:42 Uhr