Die hochschwangere Frau im luftigen weißen Umstandskleid steht auf, schimpft sich die ganze Empörung über korrupte Politiker und all die Enttäuschung über die verschwundenen Hoffnungen von der Seele. Witali Klitschko hört auf der Bühne des drückend heißen, vollen Versammlungssaals in Gorodishche mit interessierter Miene zu.
Draußen lähmen 35 Grad die Kleinstadt in der Oblast (Verwaltungsbezirk) Tscherkassy. Drinnen verspricht der Boxchampion rund 600 Wutbürgern, dass seine Partei UDAR für Reformen, Demokratie, Perspektiven in der Ukraine und gegen die Korruption, gegen das System, gegen die Politik als Business kämpfen werde. Kampf gegen ein Netz der Käuflichkeit - das ist die Botschaft des Berufsboxers.
Es ist Fußball-Europameisterschaft. Doch der Volksheld geht nicht hin in die prunkvollen Stadien der Metropolen, sondern in die Kulturpaläste der Provinz mit dem sowjetischen Muff der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der Schwergewichtsweltmeister führt derzeit seine Kampagne für die Parlamentswahlen am 28. Oktober. Immerhin hat er sich vorgenommen, am 1. Juli das Endspiel im Olympiastadion von Kiew anzuschauen.
In dieser kolossalen Arena würde der 41 Jahre alte Champion am 7. September vor 70.000 Zuschauern gerne seinen Abschied vom Boxring geben. Aber der Antrag für eine Boxveranstaltung wurde vom zuständigen Ministerium abgelehnt. Trotz der Millionen-Einnahmen, die dabei für den Kiewer Stadthaushalt herausspringen würden. Der Rasen könnte Schaden nehmen, lautet die fadenscheinige Begründung. Einen derart populären „Wahlkampf“ eines Gegenspielers kann der autoritäre Staatspräsident Viktor Janukowitsch offensichtlich nicht zulassen.
Es ist Donnerstag, der 21. Juni. Abends beginnt das Viertelfinale, morgens für Klitschko die zweitägige Wahltour dieser Woche in die 200 Kilometer südlich gelegene Oblast Tscherkassy, ein Gebiet von der Größe Hessens. Hier, im Herzen der Ukraine, ist der Dnjepr zu einem bis zu 27 Kilometer breiten See gestaut. Um Tscherkassy tobte eine der größten Panzerschlachten des Zweiten Weltkriegs. Die flache Landschaft wird im Volksmund Schewtschenkowe genannt, weil Taras Schewtschenko (1814-1861), der Goethe der Ukraine, aus der Gegend stammt.
Alles ist minutiös durchgeplant
Fahrer Andrij hat pünktlich um 7.30 Uhr einen 272 PS starken, schwarzen japanischen Hummer mit sechs Sitzen vor Klitschkos Haus, einem imposanten Barockbau aus dem Jahr 1900, in der Bohdana Chmelnyzkoho geparkt. Direkt gegenüber der deutschen Botschaft. Die Bodyguards Dimitri und Roman warten, während der Chef in einem Luxusrestaurant noch hastig sein vorbestelltes Frühstück verschlingt: Spiegeleier, Porridge, Quark mit Honig und Nüssen.
Unterwegs steigt Pawel Riabikin zu, der Wahlkampfmanager. Der 47 Jahre alte promovierte Jurist mit randloser Brille, dünnem Backen-, Kinn- und Oberlippenbart spricht sehr gut Deutsch, hat zu DDR-Zeiten in Leipzig seine Diplomarbeit geschrieben, war Vizetransportminister und drei Jahre lang Botschafter in Kopenhagen unter der orangen Regierung. Nach der zweifelhaften Wahl Janukowitschs trat er zurück. Der Wahlkampfstratege hat das Tagesprogramm für die Hauptstadt Tscherkassy arrangiert: Interview bei Radio Rus, Pressekonferenz, Eröffnung eines Kinderspielplatzes der „Klitschko Brothers Foundation“, Mittagessen, Gesprächsrunde mit lokalen Politikern, Diskussion mit den örtlichen Mitgliedern der UDAR (Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen), Großkundgebung auf dem Theaterplatz, Live-Fernsehinterview mit dem staatlichen Regionalsender.
Der Polizist lächelt und winkt: Weiterrasen
Der UDAR-Vorsitzende von Tscherkassy kommt entgegengefahren, um den Parteichef auf die Auftritte vorzubereiten. Er ist ein schlanker, 26 Jahre alter Jurist mit Napoleon-Frisur und heißt ebenfalls Witali. Mit Tempo 150 rast der Geländewagen über die Landstraße und wird von der Polizei gestoppt. Der Polizist sieht den prominenten Insassen, dessen Bekanntheitsgrad in der Ukraine immerhin bei 98 Prozent liegt, lächelt freundlich und winkt: Weiterrasen.
Auf der Pressekonferenz für vier Stadtzeitungen und mehrere Internetportale stellen nur Journalistinnen Fragen. Wie überhaupt bei allen Versammlungen auffällt, dass die Frauen im Auditorium das Wort führen. Gleichwohl: Ein Mann unter den politischen Experten zweifelt Klitschkos politische Führungsfähigkeit an: „Die Kosaken haben früher ihren unfähigen Anführern die Hosen mit Steinen gefüllt und sie in den Dnjepr geworfen.“ Klitschko entgegnet: „Wollen Sie mir Angst machen? Übrigens trage ich Jeans.“
Aufbrausender Jubel von geschätzten zweitausend Menschen empfängt Witali Klitschko auf dem großen Stadtplatz mit dem Denkmal Taras Schewtschenkos. Klitschko prangert die - verglichen mit der modernen Entwicklung aller Nachbarn im Westen - wirtschaftliche und soziale Rückständigkeit der Ukraine an. „Als ich vor zwanzig Jahren in Polen war, stand die Ukraine viel besser da. Jetzt ist das Leben in Polen wie in Deutschland. Überall herrscht Fortschritt. In Polen, in Tschechien, in der Slowakei.“ Eine Frau sagt seufzend: „Nur wir konnten es nicht schaffen.“ Das pulsierende Zentrum von Kiew mit zwei Wolkenkratzern und voller Nobelautos spiegelt nicht das Bild des zweitgrößten europäischen Flächenlandes und seiner 45 Millionen Einwohner wider.
Der Selfmademan steht für die Orientierung nach Europa
Der Selfmademan Klitschko in dunkelblauen Jeans und einem hellblauen Hemd steht in der Ukraine für das Moderne, die Orientierung nach Europa. Witali Klitschko zögert auch nicht, seinen Erfolg als Sportler in den Wahlkampf einzubringen. Er erzählt, wie er als Teenager Mike Tyson im Fernsehen bewundert und seinen Kumpels versprochen habe: „Den Gürtel werde ich eines Tages besitzen.“ Als Champion habe er sich in Kiew mit den Freunden von damals getroffen und den Gürtel auf den Tisch gelegt. Soll heißen: „Wenn wir uns vereinigen, können wir Berge versetzen.“
Sein Wahlkampfmanager Pawel meint: „Witali hat viel gelernt.“ Der Zwei-Meter-Mann Klitschko wirkt auf der Bühne souverän. Eine Frau ruft allerdings: „Ich vermisse bei Dir die ukrainische Melodie.“ Tscherkassy ist Urukraine. Hier muss Klitschko Ukrainisch sprechen. „Russisch kommt bei ihm besser rüber“, sagt Pawel. Witali, geboren in der kirgisischen Sowjetrepublik, hat erst mit 14 Jahren die Sprache seiner Heimat gelernt. Er muss sogar die Echtheit seiner Nationalität beteuern. Sein Stammbaum wurzelt ganz in der Nähe in dem Dorf Wilschana, wo sein Ururgroßvater geboren wurde. Fast alle Dorfbewohner heißen Klitschko und haben in einem kleinen Haus mit drei Räumen ein Klitschko-Museum eingerichtet.
Wieder will eine Frau wissen, was er denn mit den Richtern und den Staatsanwälten machen würde? „Erschießen“, tönt es aus der Menge. Klitschkos Antwort: „Alle aus dem Amt jagen.“ Die Fragen hören sich an, als ginge es am 28. Oktober bereits um die Wahl des Präsidenten. Gewählt werden 450 Abgeordnete für das Parlament, 225 über die Partei, 225 als Direktkandidaten. Die Wahl des Staatspräsidenten findet erst 2015 statt.
Das Volk will hauptsächlich Autogramme
Nach der einstündigen Kundgebung mischt sich Klitschko unters Volk. Deswegen sind Jung und Alt wohl hauptsächlich gekommen. Sie wollen den berühmten Klitschko anfassen, sich mit ihm fotografieren lassen, sein Autogramm haben, ihm Blumen reichen. Der Boxer ragt aus dem dichten Gedränge heraus, verteilt packenweise signierte Fotos, malt Autogramme auf Boxhandschuhe. Dimitri und Roman müssen alle Kräfte für den Rückzug ins Auto aufbieten. Die Menge skandiert zum Abschied „Klitschko, Klitschko“. Seine Popularität als Superstar, seine Fähigkeit, auf die Menschen zuzugehen, dürften seiner Partei nach letzten Umfragen 10 Prozent bringen. Nach dem anschließenden Besuch im Fernsehstudio hat Witali Klitschko noch nicht Feierabend. Im Hotel warten Männer, die mit ihm sprechen wollen. Im Fernsehen zaubert Ronaldo. Doch wie schon beim entscheidenden Spiel der Ukraine gegen England, als er in einem Restaurant mit einer Abordnung von Krimtartaren über deren Unterstützung im Tausch gegen Direktmandate feilschte, schaut Witali Klitschko „nur mit einem Auge“ hin.
Freitag, der 22. Juni: Abends spielt Deutschland gegen Griechenland im weit entfernten Danzig. Klitschko muss nach Gorodishche, Swenigorod und Uman. Es stehen vier einstündige Kundgebungen plus Bad in der Menge auf dem Programm. In Uman, der zweitgrößten Stadt, ist zusätzlich der Auftritt im größten Unternehmen der Oblast, einem Hersteller von pharmazeutischen Produkten mit 350 Angestellten, terminiert. In seinen Vorträgen will er auch die Forderung nach einer Freilassung Julija Timoschenkos stellen.
Viele sehen in ihm einen Gegenpol zu Janukowitsch
In der mit rund tausend Menschen überfüllten Stadthalle von Uman fragt wieder eine Frau, ob Klitschko Janukowitsch ins Gefängnis stecken werde. Denn ein vergleichbares Vergehen wie das Gasabkommen mit Russland zum angeblichen Schaden der Ukraine, für das die ehemalige Ministerin verurteilt wurde, habe ihrer Ansicht nach auch Janukowitsch mit dem Abkommen von Charkiw begangen. „Ein sehr gute Frage“, antwortet Klitschko, runzelt die Stirn und kneift die Augen zusammen. „Die Möglichkeit ist durchaus da.“ Im Charkiw-Abkommen hat Janukowitsch - „verfassungswidrig“, sagt Pawel - den Russen Sewastopol auf der Krim als Stützpunkt ihrer Schwarzmeerflotte zugestanden.
Für 90 Millionen Dollar „Hafengebühr“ pro Jahr. „Nach internationaler Gepflogenheit und Einschätzung wären 500 Millionen Dollar angemessen“, sagt Pawel. Nächste Frage, diesmal von einem Mann: „Wie kannst Du die Freiheit einer korrupten Verbrecherin fordern?“ Der Provokateur wird niedergebrüllt. Klitschkos Anwort, „Julija ist keine Kriminelle“, geht in dem Lärm unter.
Auf der Heimfahrt über 200 Kilometer Autobahn nach Kiew zieht Witali Klitschko Bilanz: „Ich bin zufrieden. Die Hallen waren voll. Die Leute unterstützen mich und haben Hoffnung. Ich habe eine große Verantwortung, denn ich darf sie nicht enttäuschen.“ Vier Reden von jeweils einer Stunde - „das kostet sehr viel Energie. Ich muss mich unheimlich konzentrieren. Es ist eine andere Konzentration als in einem Kampf, aber das gleiche Timing. Ich muss gegen die Leere, die Müdigkeit im Kopf ankämpfen. Boxen ist für mich einfacher.“