Der Größte ist Jakub Blaszczykowski schon, bevor der erste Ball der EM rollt. Über fünfzig Meter groß hängt der Kapitän der polnischen Nationalmannschaft an einem Hochhaus gegenüber dem Warschauer Hauptbahnhof und verkündet die Botschaft: „Jetzt ist meine Zeit“. Zeit für Helden in Polen. Zeit für Nationalgefühle und Marktanteile.
Blaszczykowski und die beiden anderen Dortmunder Double-Gewinner, Robert Lewandowski und Lukasz Piszczek, bilden für die EM das Rückgrat von Polens Werbewirtschaft. Und sie bilden für Trainer Franciszek Smuda „das Skelett des Nationalteams“.
Es soll an diesem Freitag im Eröffnungsspiel gegen Griechenland (18.00 Uhr/ FAZ.NET-EM-Liveticker) eine nationale Hochstimmung auslösen, wie sie Polen im Fußball bisher nur einmal erlebte, und das auf der falschen Seite: 2006 in Dortmund, als Oliver Neuvilles später Siegtreffer gegen Polen das deutsche „Sommermärchen“ auf Touren brachte.
Die Bühne ist geschmückt. Es wimmelt von großflächiger EM-Werbung, die sich auf den vielen Wolkenkratzern Warschaus gut macht. Es flattern die rot-weißen Fähnchen aus den Autofenstern. Und einen Tag vor der Eröffnung ließ ein strahlendes Hochzeitspaar vor dem gekrönten Dach des neuen Nationalstadions am Weichselufer die Fotos von sich machen, die man hoffentlich noch bei der goldenen Hochzeit einmal mit feuchtem Blick auf den Sommer 2012 aus dem ehelichen Wohnzimmerschrank holen wird: sie mit Schleier, er mit Ball und Fan-Schal.
Zwei Franzosen, zwei Deutsche
Doch abseits dieser routinierten Vermarktung von Produktwelten und Nationalfolklore herrscht noch eine spürbare Reserviertheit, ja Distanz gegenüber dem eigenen Team. Das hat auch damit zu tun, dass Smuda seit seinem Amtsantritt 2009 einige Ausländer mit manchmal nur einem sehr dünnen polnischen Ast im Stammbaum fürs Nationalteam akquiriert hat; wie die Franzosen Damien Perquis und Ludovic Obraniak, die kaum Polnisch sprechen.
Auf einen Platz in der Startelf können auch zwei in Polen geborene Deutsche hoffen, der Bremer Sebastian Boenisch und der Mainzer Eugen Polanski. Polanski ist allerdings in Polen eher unbeliebt, seit er erklärte, dass er sich eher „als Deutscher fühlt“.
Es sei am Anfang schwierig gewesen, die Öffentlichkeit von der Integration dieser Spieler zu überzeugen, räumt Smuda ein. „Die Fans haben sie nun akzeptiert.“ Aber nicht Jan Tomaszewski, der Torwart des legendären polnischen Teams von 1974 und heutige konservative Abgeordnete. Er lehnt es ab, das Nationalteam zu unterstützen, „wegen der vielen Ausländer“.
Sein Parteichef Jaroslaw Kaczynski wiederum hält den Ball nun flach und bringt sich bereits in Stellung für jene Art patriotischer Stimmung, die zu stören nur politische Nachteile bringen kann. Er hat für die Dauer der EM einen Waffenstillstand gegenüber der Regierung angekündigt.
Kein Tor im Auftaktspiel seit 1974
Bevor die Begeisterung zünden kann, ist der leise polnische Fatalismus zu überwinden, der vor Anpfiff in der Nationalhymne durchklingen wird: in den Worten „Noch ist Polen nicht verloren“. Noch - also nur eine Frage der Zeit? Der Pessimismus findet Argumente in der Statistik. In der Weltrangliste steht Polen auf Platz 62, weit hinter den anderen EM-Teilnehmern. Und die Vergangenheit ist zwar glorreich, aber fern. Man beschwor sie kurz vor der EM, als der Leichnam des 1989 in Kalifornien tödlich verunglückten Kazimierz Deyna, des Kapitäns der besten polnischen Nationalelf, in die Heimat überführt und dort beigesetzt wurde.
Seit 1974, als Polen mit Deyna WM-Dritter wurde, hat man bei keiner von sechs WM- oder EM-Teilnahmen im jeweiligen Auftaktspiel auch nur ein Tor geschossen. Der Letzte, dem das gelang, war Grzegorsz Lato, der heutige Verbandspräsident.
Chopin zur Eröffnung
Als der Mann, der diese Durststrecke beenden könnte, wenn er an Dortmunder Form anknüpfen kann, gilt Lewandowski. Der Torjäger ist zuversichtlich, sieht Polen als „gefährlichen Außenseiter“. Und Smuda hofft, dass sein unerfahrenes Team, nach Deutschland das jüngste der EM, „dem Turnier den Stempel aufdrückt“. Blaszczykowski dagegen warnt davor, wegen der scheinbar leichten Gruppe zu früh vom Erreichen des Viertelfinals auszugehen: „Der Druck ist seit der Auslosung noch größer geworden. Alle denken, es ist einfach zu schaffen.“
Nicht nur von ihren Fußballern wissen die Polen nicht so recht, was sie erwarten sollen - auch von ihren Fans. Diese gelten, zumindest im harten Kern, als gewaltbereit und fremdenfeindlich. Michel Platini, der Präsident der Europäischen Fußball-Union, warnte, man habe dafür gesorgt, dass „der Schiedsrichter ein Spiel abbrechen oder unterbrechen kann“, wenn es zu rassistischen Beschimpfungen von den Rängen komme. Dass die Gefahr besteht, zeigte zuletzt eine drastische Dokumentation des britischen Fernsehens über Fußball-Rassismus in den beiden Gastgeberländern.
Und auch das öffentliche Training der Niederländer, deren dunkelhäutige Spieler in Krakau von einigen Zuschauern mit Urwaldlauten geschmäht wurden. An diesem Freitag sollen ganz andere polnische Töne zu hören sein, bei der Eröffnung wird Chopin erklingen. Und dann hoffentlich befreiender Jubel. Denn jedes Turnier braucht, um den Rest der Welt zu begeistern, einen Gastgeber, der es von sich selbst ist.
Immer wieder das gleiche
Stefan Wahowski (Wahowski)
- 08.06.2012, 14:36 Uhr
leider gibt es sehr gewaltbereite angebliche Fans in Polen
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 08.06.2012, 12:36 Uhr