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Platini teilt aus „Lahm kann sagen, was er will, er ist nicht mein Chef“

 ·  Uefa-Präsident Platini verteidigt mit drastischen Worten die unpolitische Haltung der Uefa gegenüber der Ukraine - und gibt zu, dass etwa Russland eine andere Haltung nicht akzeptieren würde.

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© REUTERS „Ich habe gelernt: Wir spielen Fußball“: Michel Platini (r., mit dem ukrainischen Präsidenten Janukowitsch (l.) bei der Eröffnung des Flughafens in Lemberg im April)

Gut zwei Wochen vor dem Beginn der Europameisterschaft hat Präsident Michel Platini die unpolitische Linie der Europäischen Fußball-Union (Uefa) in der Diskussion um die Menschenrechte im Co-Gastgeberland Ukraine verteidigt. Der Franzose wies die Forderung des deutschen Nationalmannschaftskapitäns Philipp Lahm nach einer Positionierung und einem Eingreifen der Uefa mit scharfen Worten zurück. „Er kann sagen, was er will. Das ist mir egal. Herr Lahm ist nicht mein Chef. Er hat von mir nichts zu fordern. Er ist Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, nicht Kapitän der Uefa“, sagte Platini in Nyon.

Auch für künftige Ausschreibungen lehnt er einen Mindeststandard in Menschenrechtsfragen als Bewerbungsbedingung ab. „Die Mitglieder des Exekutivkomitees müssen nach ihrem besten Wissen und Gewissen wählen“, sagte Platini und betonte: „Am Anfang waren alle zufrieden mit der Wahl Polens und der Ukraine. Und was machen wir, wenn eine Regierung wechselt? Nehmen wir dann das Turnier aus politischen Gründen wieder weg? Schwierig, schwierig.“

Lahm hatte im „Spiegel“ die politische Führung der Ukraine wegen des Umgangs mit der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko kritisiert. Der 56 Jahre alte frühere Weltklasse-Profi Platini hatte öffentlich lange geschwiegen - was ihm nicht nur von Lahm zum Vorwurf gemacht wurde. „Jeder hat sein Aufgabengebiet auszufüllen. Ich mache keine Politik, ich mache Fußball. Wenn ich Politik machen wollte, würde ich in die Politik gehen“, sagte Platini nun. Er bestätigte, dass Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, ihn in dieser Sache kontaktiert hat.

„Ich habe ihm gesagt: Hör zu, Wolfgang. Ich kann keine Politik machen. Wir werden ein Kommuniqué veröffentlichen und die Behörden auf die Probleme, insbesondere im Umgang mit Frau Timoschenko, hinweisen. (...) Ich weiß, dass der Druck auf den DFB und Wolfgang groß war. Wir sind neutral und unabhängig. Ich glaube nicht, dass Russland es beispielsweise hinnehmen würde, dass ich etwas über die Ukraine sage. Die Länder im Osten haben vielleicht andere Probleme als Deutschland, Spanien oder Italien. Aber ich bin Präsident von 53 Verbänden, nicht nur Präsident der Deutschen.“

„Die Reaktion ist klar“

Die Uefa werde sich auch in Zukunft nicht in politische oder religiöse Belange einmischen. Er habe gleichwohl die Regierung in der Ukraine auf die Sorgen in Bezug auf den Umgang mit Timoschenko hingewiesen. „Aber die Reaktion ist klar: ,Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Kram. Das ist nicht Ihr Zuständigkeitsgebiet, das ist ein Problem der ukrainischen Justiz’“, schilderte Platini.

Einigen Politikern warf der Europameister von 1984 Unglaubwürdigkeit vor. „Ich kann Ihnen die damaligen Reaktionen zeigen, als die EM an Polen und die Ukraine vergeben wurde. Alle haben applaudiert und die Öffnung zum Osten begrüßt.“ Diejenigen, die jetzt den Spielen in der Ukraine fernbleiben wollten, seien „die Gleichen, die vor vier Jahren gesagt haben, wie toll es ist, dass wir uns Polen und der Ukraine öffnen“, sagte der Uefa-Chef.

Anfang Mai hatten beispielsweise EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und die anderen 26 Mitglieder der EU-Kommission angekündigt, aus Protest gegen die Behandlung der Oppositionsführerin Timoschenko den EM-Spielen in der Ukraine fernbleiben zu wollen. Auch zahlreiche deutsche Politiker wollen nicht in die Ukraine reisen, wo die Elf von Bundestrainer Joachim Löw ihre drei Vorrundenspiele gegen Portugal (9. Juni in Lwiw), die Niederlande (13. Juni in Charkiw) und Dänemark (17. Juni in Lwiw) bestreitet.

Verweis auf 1978

Seine heutige Haltung als Sportfunktionär erklärte Platini mit seinen Erfahrungen als junger Spieler. „Ich war bei der WM 1978 dabei. Wir hatten uns erstmals seit zwölf Jahren qualifiziert. Das war ein großartiger Erfolg. Dann kamen all die Intellektuellen und Politiker und sagten, ihr dürft nicht nach Argentinien reisen, weil dort die Generäle das Sagen haben. Ich war Anfang 20. Ich war über die Situation nicht auf dem Laufenden. Da habe ich gesagt: ,Ihr habt gefordert, dass wir uns qualifizieren sollen, und jetzt fordert ihr, dass wir nicht mehr hinfahren sollen?’ Daraus habe ich gelernt: Wir spielen Fußball.“

Er verwies vor dem Eröffnungsspiel des Co-Gastgebers Polen gegen Griechenland am 8. Juni im Nationalstadion von Warschau auf die große Bedeutung der ersten EM im ehemaligen Ostblock. „Alles ist bereit. Wir sehen keine großen Probleme mehr“, sagte Platini, der auch zugab: „Ich habe damals nicht für Polen und die Ukraine gestimmt, ich habe für Italien gestimmt. Dort wäre es jetzt wahrscheinlich wegen der Krise auch nicht viel leichter.“

Platini scheut auch beim Blick in die Zukunft klare Worte nicht: „Wenn sie sich bewirbt, werde ich für die Türkei stimmen und mich dafür einsetzen, dass die Türkei den Zuschlag erhält. Aber nur, wenn es 2020 dort keine Olympischen Spiele gibt.“

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