Der Letzte ist der Beste. Wird ein Torhüter zum siebten Mal Fußballer des Jahres, gibt es zwei Erklärungsansätze. Entweder hält er überragend oder unter den Landsleuten finden sich keine herausstechenden Individualisten, die bei solchen Ehrungen gerne gewählt werden.
In Tschechien lassen sich für beide Argumentationen Indizien finden. Die Zeit der Offensivkünstler Pavel Nedved, Karel Poborsky oder Jan Koller ist vorbei. Nur einer ragt seit Jahren heraus, und das nicht nur wegen seiner zwei Meter Länge von der Stollenspitze bis zum Helm. Petr Cech bekam die Auszeichnung von Sportjournalisten vor zwei Wochen nach 2005, 2006, 2007, 2008, 2010, 2011 auch im Jahr 2012.
Cechs imposante Siegesserie und die Namen auf den Plätzen hinter ihm beweisen, dass die Tschechen derzeit keinen außergewöhnlichen Feldspieler haben. Der frühere Dortmunder Tomas Rosicky, zuletzt bei Arsenal immerhin verletzungsfrei und Kapitän der Nationalelf, wurde Zweiter, dahinter folgte Petr Jiracek, der seit Januar Wolfsburger ist, in der Bundesliga aber noch nicht durch überdurchschnittliche Leistungen auffiel.
Cech, da waren sich nicht nur die tschechischen Stimmberechtigten einig, ist derzeit der einzige Weltklassespieler – und das nicht erst seit dem Champions-League-Finale in München.
Es war selbst für Profifußballer kein normales Geschenk, das sich Cech am Vorabend seines 30. Geburtstags am Sonntag machte.
Echtes 925er-Sterling-Silber, 7,5 Kilogramm schwer, 62 Zentimeter groß, vielmehr zählten bei der Chelsea-Party nach dem Endspiel gegen den FC Bayern aber die inneren Werte der Trophäe – und damit waren nicht die Getränke gemeint, mit denen der Pokal mit den praktischen Griffen gefüllt wurde.
Cech, von den Mitspielern „Mr. Google“ genannt, weil er im Internet alles über Fußball lesen will, hatte vor seinem Ehrentag alle Hände voll zu tun, wehrte Elfmeter von Arjen Robben, Ivica Olic und Bastian Schweinsteiger ab und konnte im Moment des bisher größten Triumphs seiner Karriere verschmerzen, dass die Gratulanten ihn schon eine halbe Stunde vor Mitternacht unter sich begruben. Etwas gedrückt war die Stimmung dennoch: Zehntausende Münchner wollten an diesem Abend eigentlich eine ganz andere Party feiern.
Cech ist der Prototyp eines Torwarts, wie ihn Trainer mögen: keine Fehler, keine Show, kein Risiko. „Ich bin da, um Bälle zu halten, und nicht, um durch die Gegend zu fliegen“, sagte er schon 2006. Das Erfolgsrezept wirkte. In seiner ersten Saison beim FC Chelsea kassierte Cech in 35 Spielen nur 15 Gegentore. Dabei sei ihm das gar nicht so wichtig, erzählte er damals der Neuen Zürcher Zeitung: „Lieber gewinne ich 5:4, als dass ich 0:0 spiele.“
Hätten die Verantwortlichen von Werder Bremen im Frühjahr 2001 ein paar Geldscheine mehr oder ein paar Zweifel weniger gehabt, womöglich würde der Bundesligaklub als Ursprung einer Weltkarriere genannt. Der damals 18 Jahre junge Hüne absolvierte ein Probetraining an der Weser.
Eine Million Mark Ablösesumme forderte Cechs Klub Chmel Blsany – zu viel für den Geschmack der Bremer, zumal Cech durch eine Magen-Darm-Grippe geschwächt nicht den allerbesten Eindruck hinterließ. Der Torwart wechselte für die gleiche Summe zu Sparta Prag, von dort 2002 für fünf Millionen – Euro wohlgemerkt – zu Stade Rennes in Frankreich und schließlich für dreizehn Millionen Euro zu Chelsea.
Wie viele Karrieren begann auch die von Drillingskind Cech – Bruder Michal starb im Alter von zwei Jahren – mit einem Ausfall. 1988 fehlte bei Skoda Pilsen der Torwart, der Größte musste aushelfen. Damals war Fußball nicht Cechs einzige Leidenschaft.
Vater Vaclav, einer der besten tschechischen Zehnkämpfer, nahm ihn zur Leichtathletik mit, auch im Eishockey versuchte er sich. Doch nur auf Rasen stellten sich Erfolge ein. Von der U 15 an war Cech Nationaltorwart, mit der U 21 wurde er Europameister – weil er im finalen Elfmeterschießen zwei Schüsse hielt.
Seit 2002 ist er im A-Team die Nummer eins. Dort gewann der Torwart, der Tschechisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Englisch spricht und am liebsten Psychologie-Bücher liest, bisher keine Pokale, was nicht an ihm lag – mit einer Ausnahme.
2004 waren die Tschechen nah an einem Titel, doch scheiterten sie im Halbfinale an Überraschungseuropameister Griechenland. Cech erhielt dennoch die Auszeichnung zum besten Schlussmann des Turniers und wurde 2005 Welttorhüter.
Die WM in Deutschland endete schon nach der Vorrunde, vier Jahre später fehlte Tschechien ganz. Die Schuld am Aus nach den Gruppenspielen der EM 2008 nahm der Torwart ganz auf sich. „Mr. Perfect“, wie ihn englische Medien damals nannten, flutschte drei Minuten vor dem Abpfiff ein leichter Flankenball durch die Hände. Nihat Kahveci staubte im Regen von Genf, den Cech nie als Ausrede anführte, zum Ausgleich ab. Am Ende gewann die Türkei sogar noch und kam weiter.
Cech litt einige Zeit unter seinem Fehler, dabei hatte er die schwerste Phase seiner Karriere schon überstanden. An den Auslöser kann er sich bis heute nicht erinnern. Am 14. Oktober 2006 prallte der Torwart schon in der ersten Minute bei einer Rettungsaktion gegen das Knie von Reading-Stürmer Stephen Hunt. Cech wurde ohnmächtig. Eine halbe Stunde musste der Verletzte mit einer Schädelfraktur, wie die Ärzte später diagnostizierten, in der Kabine auf einen Krankenwagen warten.
Trainer José Mourinho, der im gleichen Spiel auch Ersatzmann Carlo Cudicini mit einer weniger schlimmen Kopfblessur verlor und John Terry ins Tor schicken musste, echauffierte sich darüber später lautstark.
Seitdem hat sich die medizinische Erstversorgung in der Premier League deutlich verbessert, wie zuletzt der Fall Patrice Muamba zeigte. Bis zu sechs Monate Pause veranschlagte der Arzt – am 20. Januar 2007 spielte Cech wieder für Chelsea.
Angst vor einer abermaligen Verletzung verspürte er nach eigener Aussage nicht, einen Kopfschutz ließ er sich dennoch anfertigen. Ein neuseeländischer Rugby-Hersteller passte dem Tschechen einen achtzig Gramm schweren Helm mit Löchern für die Ohren an.
Eine schwere Trainingsverletzung im Gesicht, die in einer zweistündigen Operation mit fünfzig Stichen genäht wurde, wenige Wochen vor dem verlorenen Champions-League-Finale 2008 verhinderte der schwarze Schutz nicht – kurzfristig wurde er danach erweitert, um auch das lädierte Kinn Cechs zu umhüllen.
Die Fäden sind längst gezogen, der Kopfschutz bleibt bis zum Karriereende, zumal die Knochen des Kopfes erst nach mehreren Jahren wieder vollständig zusammenwachsen. Mit den Tschechen spielt Cech, der mit Chelsea drei Mal Meister und vier Mal Pokalsieger wurde, in der EM-Vorrunde gegen Russland, Griechenland und Gastgeber Polen.
An mangelnder Konzentration wird Cech, der am Wochenende seinen Vetrag bei Chelsea bis 2016 verlängerte, dort nicht scheitern. „Mr. Google“ stellt sein Smartphone stets drei Stunden vor dem Spiel aus und ist nicht einmal für seine Frau und die beiden Kinder erreichbar.
Spielplan bei der EM 2012:
Freitag, 8. Juni, 20.45 Uhr: Russland – Tschechien (in Breslau)
Dienstag, 12. Juni, 18.00 Uhr: Griechenland – Tschechien (in Breslau)
Samstag, 16. Juni, 20.45 Uhr: Tschechien – Polen (in Breslau)
Trainer: Michal Bilek
Plazierung in der Weltrangliste: 26.
Größter Erfolg: Europameister 1976 (Tschechoslowakei), EM-Zweiter 1996 und EM-Halbfinale 2004
Bisheriges Abschneiden bei Turnieren:
Weltmeisterschaften:
2006: Vorrunde
Europameisterschaften:
1996: Zweiter
2004: Halbfinale
2000 und 2008: Vorrunde
Ein echter Welklasse Torwart
Uwe Wagner (view)
- 28.05.2012, 10:38 Uhr