Es sind bewegende Momente, auch für die hartgesottenen Profis unter den ukrainischen Nationalspielern. Andrij Schewtschenko hat beim AC Mailand und FC Chelsea schon viel erlebt, Anatoli Timoschtschuk in St. Petersburg und beim FC Bayern reiche internationale Erfahrung gesammelt. Aber sie haben noch nie trainiert, während ein Sechstausendstimmenchor die Nationalhymne intoniert.
Opernsänger Alexei Kusnetsow gibt den Ton an. Der Tenor hat seinen Jung-Siegfried-Körper in ein viel zu knappes, gelbes Trikot der Nationalmannschaft gepresst, aber das fällt niemandem im Stadion von Dynamo Kiew auf. Während die Spieler über den Rasen rennen, schmettern die Zuschauer auf den Tribünen inbrünstig mit: „Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben, noch wird uns lächeln, junge Brüder, das Schicksal.“
In diesem Augenblick hat sich die Absicht des ukrainischen Fußballverbandes hinter diesem öffentlichen Training erfüllt: Fans und Nationalspieler sind am Vorabend des Eröffnungsspiels der Europameisterschaft eins geworden. Aber wie viel Begeisterung wird das Publikum bei den drei Gruppenspielen entfachen? Wird es, wie erhofft, zum „12. Mann“?
„Wir müssen mit Herz und Begeisterung spielen“, sagt Timoschtschuk. „Nur dann klappt es.“ Auf einen Heimvorteil, wie ihn die Deutschen bei der WM 2006 genossen, darf die Mannschaft von Nationaltrainer Oleg Blochin nur hoffen, wenn sie mit Toren in Vorlage geht. Fußball ist in der Ukraine kein Teil der Kultur, sondern eine Sportart wie andere auch.
Das Dynamo-Stadion, nach der verstorbenen Trainer-Legende Lobanowski benannt, liegt kaum einen Kilometer vom Kreschtschatik-Boulevard entfernt. Dort, mitten im Kiewer Zentrum, haben die Organisatoren die offizielle Fanzone eingerichtet. Trotz der Nähe nehmen nicht mehr als 6000 Fußballfreunde das Angebot wahr, kostenlos das moderierte Training anzuschauen.
Was wäre wohl in Berlin los, wenn in Kudamm-Nähe Jogis Jungs einladen würden? Andrej Woronin ist jedoch zufrieden: „Zum ersten Mal merken wir, dass die EM vor der Tür steht.“ Der frühere Bundesligaprofi von Mönchengladbach, Mainz, Köln, Leverkusen und Hertha, der nun mit Kevin Kuranyi bei Dinamo Moskau sein Geld verdient, mag die Öffentlichkeit. Ihm ist aufgefallen: „Bisher hatten wir null Presse.“
Das wiederum ist ganz im Sinne von Nationaltrainer Blochin, der sozialisiert wurde, als Kiew noch zur Sowjetunion gehörte. Der große Stürmerstar der siebziger und achtziger Jahre, als Dynamo unter Trainer Lobanowski zu den besten europäischen Teams gehörte, verlangt immer noch die Konzentration auf das Wesentliche. Harte Arbeit, vor allem harte physische Arbeit. Deshalb ist Woronin bei ihm auch zunächst nur zweite Wahl: „Er ist nicht mehr so fit wie früher, seit er in Moskau spielt“, sagt das mittlerweile 59 Jahre alte Fußball-Idol.
Manchmal wirkt Blochin wie ein Mann von gestern. Wenn er stereotyp nichtssagende Antworten gibt, wenn er auf dem Trainingsplatz unbeteiligt herumsteht, mit kurzen Pfiffen den Übungstakt angibt, wenn er die Spieler lange laufen lässt, ohne Ball am Fuß. Dann lassen nur die wachen, manchmal verschmitzt blickenden Augen erahnen, dass mehr hinter der Fassade stecken könnte.
Manchmal aber gibt Blochin auch etwas von sich preis. „Die Leute glauben zwar, ich wüsste nicht, was das Land von uns erwartet. Aber ich bin mir meiner Verantwortung voll bewusst. Ich habe nur in meiner Trainerkarriere gelernt, dass es nicht gut ist zu zeigen, wie es in mir aussieht.“
Das Idol inszeniert sich als unerschütterlicher Fels, der die Wogen der aufgeregten Fußballwelt davon abhält, über seinen Spielern zusammenzuschlagen. „Ich bitte die Presse, nicht allzu große Erwartungen zu schüren, sonst werden meine Spieler bei Fehlern ausgepfiffen. Das ist doch kontraproduktiv“, sagt er.
Blochin antwortet meist indifferent, wenn er auf seine Ziele angesprochen wird. „Fußball ist ein unvorhersagbares Spiel.“ Aber zwischendurch gibt er zu verstehen, dass er fest an die Chancen seiner Mannschaft glaubt. „Als ich vor der WM 2006 davon sprach, dass wir die Gruppenphase überstehen wollen, erklärten mich viele für verrückt. Aber ich habe bewiesen, dass es möglich ist.“
Damals scheiterte er mit der Ukraine erst im Viertelfinale am späteren Weltmeister Italien. Es war der größte Fußball-Erfolg der jungen Nation. Blochin deutet an, dass er bei diesem Turnier sogar noch mehr für möglich hält. „Es hat doch auch niemand damit gerechnet, dass 1992 Dänemark und 2004 Griechenland Europameister wird. Es muss zwar sehr viel zusammenlaufen, aber auch wir können das schaffen.“
Die Voraussetzungen für einen Coup sind allerdings schlechter als 2006. Die Säulen Schewtschenko, Woronin und Timoschtschuk haben ihren Zenit überschritten, die jüngere Generation besitzt nicht ganz die Klasse. Und es hat sich noch ein Torwartproblem ergeben. Mit Schowkowski (Schulterverletzung), Dikan (Kopfverletzung) und Ribka (Dopingsperre) fehlen alle drei Nationaltorhüter.
Ihre drei Vertreter bringen es auf die gesammelte Erfahrung von 29 Länderspielen. Die letzten beiden Tests gegen Österreich (2:3) und die Türkei (0:2) wirkten nicht besonders ermutigend, vor allem die Vorstellung gegen die Türken war niederschmetternd. „Das ist analysiert und abgehakt“, sagt Blochin.
„Wir hatten eine unüblich lange Mannschaftssitzung von einer Stunde, es war ein ernstes Gespräch.“ Blochin wäre nicht Blochin, wenn er den Inhalt verriete. Offiziell erklärt er die Niederlage mit verdorbenem Essen, das bei vielen Spielern zu Magenverstimmungen geführt hätte. Wahrheit oder Schutzbehauptung? „Aber jetzt ist alles in Ordnung“, sagt er.
Die verschiedenen Trainingsspielchen, die Blochin im Dynamo-Stadion den Fans vorführt, bestätigen den Eindruck nicht. Da ist kaum eine Spur von spielerischem Esprit oder einer gewissen Durchschlagskraft zu spüren, sondern eher mittlerer fußballerischer Standard. Blochin lässt sich nicht beirren.
„Die Presse sagt doch schon, dass der Verlierer der Partie Ukraine gegen Schweden schon ausgeschieden ist, weil sie gegen die Favoriten Frankreich und England keine Chance haben. Aber lassen sie uns doch erst mal spielen.“ Dann verrät er noch etwas über sich: „Ich war ein Spieler, der unvorhersehbare Dinge tat und ich bin ein Trainer, der unvorhersehbare Dinge tut.“
Wie zum Beweis beendet Blochin das Showtraining mit einer spontanen Choreographie. Er lässt die ganze Mannschaft in einer Reihe zum Sprint antreten. Auf Pfiff muss jeder einen Purzelbaum schlagen und losrennen - mit der Besonderheit, dass sich alle nach dem Aufstehen an den Händen fassen und gemeinsam über die Ziellinie laufen sollen. Beim dritten Versuch gelingt das Gemeinschaftserlebnis. Blochins Augen blitzen wieder, die Spieler lachen und die Fans auch.