Verlieren will gelernt sein - mit diesem Lehrsatz des Fußballsports werden in diesen Tagen die niederländischen Nationalspieler hartnäckig konfrontiert. Wie man aus einer Vorrunde ausscheidet, daran können sich selbst unter den Fans der Oranje-Mannschaft nur die älteren entsinnen, denn das geschah zuletzt 1980. Und ohne einen einzigen Punktgewinn reisten die Holländer überhaupt noch nie von einem großen Turnier ab. Nun also der schamhafte „Abgang durch die Seitentür“, wie das christlich-ökologische Tageblatt „Trouw“ mit calvinistischer Zurückhaltung die sportliche Katastrophe umschrieb.
Das Massenblatt „Telegraaf“ ist mit seiner fetten Schlagzeile „Abgeschminkt“ schon erbarmungsloser. Denn die Metapher spielt an auf das zu Tage gekommene Image der derzeitigen Oranje-Stars: Verwöhnte Diven, die sich auf dem fragwürdigen Lorbeer des WM-Zweiten ausgeruht haben und die ihren persönlichen Ehrgeiz über den Zusammenhalt stellten. Die Niederlage gegen Dänemark sei der Schlüssel zum Ausscheiden, ließen denn auch gleich mehrere Nationalspieler die Medien wissen. Danach sei die Atmosphäre im Eimer gewesen.
Arjen Robben, der dieses Frühjahr quasi von Niederlage zu Niederlage reist, unkte ominös, es seien in der Mannschaft üble Dinge geschehen; doch die müsse man nun intern halten. Diese Mischung aus diskreter Indiskretion und uneitler Eitelkeit hatte auch Rafael van der Vaart im Repertoire. Er beklagte den mangelnden Mannschaftsgeist, obgleich auch und gerade er über die Medien immer wieder einen Platz in der Startformation gefordert hatte. Nun gab Van der Vaart kleinlaut zu: „Streit suchen ist nicht meine Art. Wir waren einfach nicht gut genug.“
Verwöhnte Heroen
Das Aufsammeln der Scherben fügt der niederländischen Volksseele am Tag nach dem Ausscheiden bereits derart viele Schnittwunden zu, dass sich der Vorsitzende der Trainergewerkschaft dazu genötigt sieht, Bert van Marwijk in Schutz zu nehmen: „Man kann jetzt nicht einfach auf ihn einschlagen.“ Und als hätte er es gehört, spielte auch der erfolglose Trainer auf die Mitverantwortlichen an: „Ich habe versagt, aber die Spieler haben auch versagt.“ Teamgeist sieht anders aus - hinter den Kulissen gab es davon offensichtlich wenig. Die Risse im Gebälk eines drei Jahre lang überaus erfolgreichen Ensembles inspiriert die Tageszeitung „Volkskrant“ gar zu einer kulturphilosophischen Analyse: „Van Marwijk, geboren in den nüchternen Nachkriegsjahren, hat gegen die Eitelkeit und den Hedonismus des heutigen Fußballs den kürzeren gezogen.“
Darum zweifelt in den Niederlanden auch kaum jemand am Abschied des einstigen Erfolgtrainers. Daran, dass damit der „Elftal“ auch dessen Schwiegersohn, der unverwüstliche Mark van Bommel, erspart bleibt, äußerte gerade der immer noch bissige Fußball-Oldie mit 35 Jahren seine Zweifel: Er, so der gegen Portugal nicht mehr eingesetzte Van Bommel, werde über seine Zukunft im Nationaltrikot jetzt noch nicht entscheiden. Es könnte aber sehr gut sein, dass ein künftiger Trainer stattdessen den Schnitt wagt und einige verwöhnte Heroen wie Van Bommel, Robben, Van Persie oder Van der Vaart zugunsten junger Talente aussondern könnte.
Untypischer Defätismus
Außer an der Zerstrittenheit der Leitwölfe, darin sind sich alle Analysten einig, ist Holland neben einem idiotisch geplanten Reisepensum zwischen Polen und Charkiw auch an einer unzureichenden Verteidigung gescheitert. Deren Schwäche machte doppelte Absicherung im Mittelfeld erforderlich und verhinderte damit den traditionellen Totalfußball der Offensive.
Weil die Niederlande bereits bei der Weltmeisterschaft 2010 nur mit harter Defensivkunst bis ins Finale gekommen waren, hatten sich zahlreiche Fußballästheten von ihrer Mannschaft abgewandt und einen Systemwechsel gefordert. Dass die heutige „Elftal“ nicht an die Beliebtheit vergangener Helden wie Cruyff und Van Basten herankam - darüber täuschte auch die traditionelle Folklore im fußballverrückten Reisetross der Nationalmannschaft kaum mehr hinweg. Zeitweilig schalteten fast neun der siebzehn Millionen Niederländer den Fernseher für das Portugal-Spiel ein, doch am Ende waren davon nur noch gut zwei Millionen übrig. Dieser untypische Defätismus fand auch im Internet Ausdruck, wo sogleich Fotos von einem holländischen Fußballbären mit Oranjeschal im Müllbeutel kursierten - die hämische Unterschrift: „Das kann weg“.
„Warum die Deutschen die Besten sind“
Besonders bitter ist für unsere Nachbarn naturgemäß der Blick auf die Gruppentabelle, die der „Erzrivale“ Deutschland anführt. Doch auch hier hat sich die Mentalität gewandelt. Schon vor dem Spiel gegen Dänemark machte in den holländischen Staatsmedien der Fußball-Schriftsteller Raf Willems gegen Oranje Front und lobte stattdessen ausgerechnet die Phantasie und die Technik der Deutschen. Willems, ein Belgier notabene, hat ein tiefschürfendes Buch mit dem Titel „Mannschaftswunder“ verfasst. Hier erklärt Willems pünktlich zur Euro 2012 den niederländischen Fußballfeinschmeckern, „warum die Deutschen die Besten sind“.
Mit diesem bitteren Wissen müssen die Niederländer die drei Niederlagen und das Ausscheiden nun verdauen. Leicht wird das nicht. „Wir beginnen neu“, sagte Rafael van der Vaart in die Kameras, „doch wie und womit, das weiß ich im Moment nicht.“ Die Fußballzeitschrift „Hard Gras“ hat diese Ratlosigkeit sogleich literarisch übersetzt und ordnet jedem der elf Spieler ein wehmütiges Zitat des pessimistischen portugiesischen Nationaldichters Fernando Pessoa zu. Eine Kostprobe: „Ich bin gescheitert, ohne etwas zu wagen, ohne etwas zu tun oder zu sein.“ Eine gute Nachricht gibt es aber auch: Der holländische Schiedsrichter Björn Kuipers könnte das Finale pfeifen.
Holland wer?
perry hagedorn (perryhagedorn)
- 19.06.2012, 09:19 Uhr
Back to the roots
Richard Schessner (schessman)
- 18.06.2012, 19:45 Uhr
Angst essen Seele auf
Norbert Schiefer (nobbl63)
- 18.06.2012, 19:14 Uhr