An Selbstvertrauen mangelt es Nicklas Bendtner nicht. Das hat der Däne sogar schriftlich. Regelmäßig reist Jacques Crevoisier aus Frankreich nach London, um die mentale Form der Spieler seines Freundes Arsène Wenger zu untersuchen. Bei der Auswertung der Ergebnisse im Januar 2011 staunte der Sportpsychologe nicht schlecht.
„Eine der Kategorien heißt: ‚Selbstwahrnehmung‘, also zum Beispiel die Frage, wie gut sich der Spieler selbst einschätzt“, erzählte er dem schwedischen Fußballmagazin Offside. „Auf einer Skala bis neun bekam Bendtner eine zehn. Das habe ich noch nie gesehen.“ Crevoisier war damals 63 Jahre alt und gilt als Kapazität seines Fachgebiets.
Arsenals Assistenztrainer Patrick Rice, der den Test beobachtete, lachte so sehr, dass er sich kaum auf dem Stuhl halten konnte, als Crevoisier ihm ungläubig das Ergebnis vorlegte. Rice kennt Bendtner seit 2005. Damals verpflichtete der englische Klub den Stürmer und zahlte an den FC Kopenhagen 250.000 Euro.
Ein Schnäppchen? Es war eher die hoffnungsvolle Wette auf eine torreiche Zukunft, denn Bendtner war gerade 17 Jahre alt. Zwar traf er in Arsenals Jugendteam häufiger als alle anderen, Cheftrainer Wenger fädelte aber zunächst ein Leihgeschäft mit Zweitligaklub Birmingham City ein, um dem großgewachsenen Bendtner die englische Spielweise näherzubringen.
Der Plan ging auf – auch weil der Däne keiner ist, der gerne länger wartet als notwendig. Bei seinem Debüt erzielte er Minuten nach seiner Einwechslung das Siegtor. Die Kurzgeschichte sollte sich nach der Rückkehr zum FC Arsenal wiederholen. Beim Duell mit Tottenham, dem großen Rivalen in Nordlondon, wartete Bendtner ungeduldig an der Seitenlinie auf seinen Einsatz.
„Ich treffe sofort bei der Ecke“, rief er nach eigener Aussage Zeugwart Vic Akers noch zu. Ein Sprint, ein Kopfball – und Tor. 1,8 Sekunden nachdem die Partie wieder freigegeben worden war, stand es 2:1 für Arsenal. Dass Bendtner danach den Spitznamen „Quick Nick“ bekam, war keine Frage der Zeit mehr.
Für die Dänen war der erfolgreiche Kaltstart keine Überraschung. Ihr großes Sturmtalent hatte schon bei seinem Debüt in der U 21 und in der Nationalmannschaft getroffen. Die Karriere in London wollte dennoch nicht richtig Fahrt aufnehmen. Zwar tauchte Bendtners Name immer unter den Torschützen auf, auf dem Blatt mit der Startaufstellung des FC Arsenal stand er aber selten, weil Wenger Robin van Persie und Emmanuel Adebayor vorzog.
Hinzu kam ein erster Fehltritt abseits des Rasens. Nach dem Champions-League-Aus 2009 wurde er mit heruntergelassener Hose vor einem Lokal fotografiert. Wenger war „not amused“, Bendtner bereute den „großen Fehler“.
Er verhielt sich dennoch weiter nach dem Motto „Gute Seiten, schlechte Seiten“. Kurz vor Saisonbeginn entschied sich Arsenals „26“ zur Verdoppelung seiner Trikotnummer. Alle, die ein Shirt gekauft hatten, durften es gegen eines mit der „52“ eintauschen – auf Bendtners Kosten. Dann aber zerlegte er auf dem Weg zum Training sein 150.000-Euro-Gefährt. Bendtner gründete eine Stiftung für kranke Kinder. Dann aber fuhr er vier Wochen Taxi, weil er seinen Führerschein verloren hatte.
Bendtner heiratete die Adelige Caroline Luel-Brockdorff, dreizehn Jahre älter und millionenschwer geschieden von Rory Fleming, dem Neffen des James-Bond-Erfinders Ian Fleming. Dann aber ließ er sich nach der Geburt seines Sohnes wieder scheiden. Bendtner entschuldigte sich in einem offenen Brief, es sei „alleine meine Schuld“. Dann aber bandelte er mit Schauspielerin Julie Zangenberg an.
Bendtner-Förderer Wenger verlängerte den Vertrag dennoch bis 2014. Eine Rolle mag der Status bei Nationaltrainer Morten Olsen gespielt haben. Die dänische Mannschaft schoss „Big Ben“, wie er wegen des Wahrzeichens seiner Wahlheimat und der Körpergröße auch genannt wird, mit drei wichtigen Treffern zur Weltmeisterschaft 2010; die EM-Qualifikation zuvor hatten die Dänen noch verpasst.
Der individuelle Lohn passte ins Selbstbild des Einzelkindes: Bendtner bekam die Auszeichnung für das Tor des Jahres und wurde bester dänischer Spieler 2009.
Bescheiden tat er vor der WM, die mit dem Aus nach der Vorrunde enden sollte, kund, dass er „der beste Stürmer der Welt“ werde. Ein ambitioniertes Ziel – nicht für Bendtner, wie Arsenals Sportpsychologe später verwundert feststellen sollte.
„Wenn er eine Chance vergibt, ist er fest überzeugt, dass es nicht seine Schuld ist“, fasste Jacques Crevoisier die Antworten auf seine 117 Testfragen in Worte. Chancen verpasste Bendtner auf dem Weg zur EM 2012 kaum. Durch seine Tore gegen Norwegen und Portugal setzte sich Dänemark als Gruppenerster in der Qualifikation durch. Auch bei der 1:3-Niederlage im Test am Samstag in Hamburg gegen Brasilien traf der Stürmer.
In London spielte Bendtner selten eine entscheidende Rolle. Wenger stimmte im August 2011 einem Leihgeschäft mit Premier-League-Konkurrent Sunderland zu. In neunundzwanzig Partien erzielte der Däne acht Treffer, litt aber unter einer Gesichtsverletzung und Rückenproblemen.
Nach der EM kehrt Bendtner zu Arsenal zurück – theoretisch. Dass Wenger dem Stürmer, der „zu wenig aus seinen Fähigkeiten macht“, eine weitere Chance gibt, ist unsicher. Im dänischen Magazin Tipsbladet ließ Bendtner Wechselabsichten erkennen: „Ich bin bereit für eine neue Herausforderung. Es gibt einige Klubs, die Interesse haben.“ Die Zeitung Ekstra Bladet nannte Borussia Dortmund als einen von ihnen, weil Bendtner in Deutschland „einige tolle Vereine“ ausgemacht hat.
Zunächst treffen der Vierundzwanzigjährige und die Dänen aber bei der EM in der Vorrunde auf die Niederlande, Portugal und die deutsche Elf – eine Auslosung, die einem Weltfußballer in spe wenige Sorgen bereiten sollte.
Vielmehr verstimmte ihn eine Anordnung des eigenen Verbandes, der ein Twitter- und Facebook-Verbot für seine Nationalspieler während des Turniers erließ. Ein Graus für die Generation Internet, ein Spaß für die Buchmacher: Wer bricht das Verbot zuerst? Die geringste Quote (7,5:1) gibt es, obwohl er sich bereits offiziell für den Zeitraum der EM verabschiedete, für – „Vielzwitscherer“ Bendtner.
Spielplan bei der EM 2012:
Samstag, 9. Juni, 18.00 Uhr: Niederlande – Dänemark (in Charkow)
Mittwoch, 13. Juni, 18.00 Uhr: Dänemark – Portugal (in Lwiw)
Sonntag, 17. Juni, 20.45 Uhr: Dänemark – Deutschland (in Lwiw)
Trainer: Morten Olsen (seit 2000)
Plazierung in der Weltrangliste: 10.
Größter Erfolg: Europameister 1992
Bisheriges Abschneiden bei Turnieren:
Weltmeisterschaften:
1998: Viertelfinale
1986 und 2002: Achtelfinale
2010: Vorrunde
Europameisterschaften:
1992: Europameister
1984: Halbfinale
1964: Vierter
2004: Viertelfinale
1988, 1996 und 2000: Vorrunde