Er wird immer noch mit dem einen verglichen. Der aber ist einzigartig, und schon deshalb ist Nani ganz anders als Cristiano Ronaldo. Da ihre Biographien aber Ähnlichkeiten haben und ihre Position im Spiel draußen auf den Flügeln ist, kann Nani dem Schatten des großen Ronaldo nie entkommen.
Versteht sich, dass vor dem großen iberischen Halbfinale bei der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine alle Welt vor allem, eigentlich ausschließlich über den 1,86 Meter langen Weltstar Cristiano Ronaldo redet und fast niemand über Nani, den 1,75 Meter messenden Rechtsaußen der portugiesischen Nationalmannschaft.
„Der Beste der Welt“, betitelt die portugiesische Sportzeitung „A Bola“ ihre jüngste Ronaldo-Huldigung, ehe der zweitbeste Stürmer der Primera División an diesem Mittwoch in Donezk (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) dafür sorgen soll, dass der Welt- und Europameister Spanien nach seiner vierjährigen Herrschaft vom Thron gestoßen wird.
Doch Vorsicht: Der von links außen zu seinen flächendeckenden Sprints und Dribblings ansetzende und von überall Torgefahr verströmende Modellathlet hat noch nie dreimal nacheinander für Portugal getroffen. Zwei Tore gegen Dänemark, eines gegen Tschechien - und nun? Ist jetzt etwa Sendepause nach zwei überragenden Auftritten, zumal Ronaldo noch nie gegen den Nachbarn erfolgreich war? Abwarten. Außerdem ist ja noch Nani da.
Wie Ronaldo, der auf Madeira aufgewachsene Wunderknabe, kommt auch Nani von einer Insel, den Kapverden, 460 Kilometer vor der afrikanischen Westküste gelegen. Wie Ronaldo, dessen Eltern nicht mit Reichtum gesegnet waren, musste sich der aus bettelarmen Verhältnissen stammende, im Lissabonner Slumbezirk Amadoro aufgewachsene und von einer Tante großgezogene Luis Carlos Almeida da Cunha, genannt Nani, im Fußball hochkämpfen.
Wie der zwei Jahre ältere Ronaldo genoss der Fünfundzwanzigjährige eine exzellente Ausbildung in der renommierten Jugendakademie von Sporting Lissabon. Wie Ronaldo schliff ihn die Trainerlegende Sir Alex Ferguson bei Manchester United zu einem erstklassigen Profi. Doch während die Koryphäe, in deren Liga nur noch der Argentinier Lionel Messi vom FC Barcelona seine Künste übertrifft, seit 2009 die Fans von Real Madrid mit Toren, Tricks und Tempo begeistert, ist der fast genauso schnelle, fast genauso trickreiche Nani beim englischen Rekordmeister geblieben.
Wie lange noch, das ist die Frage. Auf seine dringende Bitte, den bis 2014 laufenden Vertrag zu verlängern, hat der Klub noch nicht reagiert. Nani aber glänzt bei dieser EM wie noch nie auf der großen Weltbühne und hat zwei der sieben Treffer seiner Mannschaft zauberhaft vorbereitet. Tore zu ermöglichen ist inzwischen seine Spezialität, die ihn von Ronaldo unterscheidet. Der erzielte in der abgelaufenen Saison 60 Treffer in 55 Pflichtspielen für den spanischen Meister Real und ist deshalb ein unnachahmlicher, leidenschaftlicher, gefürchteter und bestaunter Torschütze.
Nani dagegen hat Trainer Ferguson das wilde Drauflosballern abgewöhnt, nachdem er allzu oft über sein Ziel hinausgeschossen hatte. Acht Tore in 29 Premier-League-Spielen standen am Ende der Spielzeit 2011/12 zu Buche - eine ordentliche Quote, die den flinken Ballbeschleuniger mit dem Feingefühl für den richtigen Pass im richtigen Moment nicht als klassischen Torjäger ausweist.
Dafür ist Nani, seit Portugal bei dieser EM, beginnend mit dem 2:1 gegen Holland, auftrumpft, zu Ronaldos bestem Zuarbeiter geworden. Die beiden wechseln oft die Position und bringen das Offensivspiel ihrer Mannschaft immer wieder auf Touren. Jenseits der Arenen verbindet die beiden aber nicht mehr als der gegenseitige Respekt vor der jeweiligen Leistung.
Vor allem Paulo Bento hat die Karriere Nanis nachhaltig begleitet und gefördert. Zuerst als Jugendtrainer bei Sporting, dann als Coach der ersten Mannschaft und nun als Portugals Chefcoach. „Er ist einer der Hauptgründe, warum ich hier bin“, hat Nani während der EM über seinen Chef gesagt, „er hat mir Türen und die Augen geöffnet, so dass ich erkennen konnte, was ich so oft falsch gemacht hatte.“
Nanis Übereifer, seine gelegentlich falschen Entscheidungen hat Bento auf ein überschaubares Maß reduziert. „Ich lasse ihn nicht einfach drauflosspielen“, sagt der Trainer über seinen Zögling, „denn Talent zu haben kann auch anstrengend sein. Also müssen wir ihm helfen.“
Der Wirbler hat sein Spiel bei dieser EM in geordnete Bahnen gelenkt, so wie sein Leben, das ihn herausgeführt hat aus einem von kriminellen Gangs beherrschten Elendsquartier in Lissabon. Wo Nani heute ist, fällt gleißendes Licht auf ihn - obwohl er im Schatten einer Übergröße des Fußballs steht. Auch damit kann Nani leben.