Er ist der Bad Boy des italienischen Fußballs - aber auch die große Hoffnung Italiens für das Erreichen des EM-Endspiels. Aus Sicht der deutschen Defensive könnte Mario Balotelli zum Problemfall werden, spielte der Angreifer an diesem Donnerstag (20.45 Uhr/FAZ.NET-Liveticker) beim Halbfinale in Warschau seine Qualitäten aus. Davon ist Jerome Boateng überzeugt, der den Angreifer aus einem gemeinsamen Jahr bei Manchester City kennt. „Wir müssen bei der Ballannahme gleich dran sein bei ihm. Wir dürfen ihn nicht zum Schuss kommen lassen, er ist sehr gefährlich“, sagt der Münchner, der in der deutschen Elf wieder auf der rechten Verteidigerposition erwartet wird. Interessant wird das Aufeinandertreffen mit den Italienern gerade auch wegen Balotelli.
Kaum ein anderer Spieler in Europa sorgte zuletzt für mehr Aufsehen, auf und neben dem Platz. Einem armen Schlucker, den er in Manchester am Straßenrand sah, steckte er zum Beispiel 5000 Pfund zu. Wegen seiner fehlenden Disziplin wurde er andererseits schon von seinen Trainern Mourinho (damals Inter Mailand) und Mancini (Manchester City) aus der Mannschaft geworfen. Kein leichter Fall also. Manchmal gibt Balotelli sich aber auch ziemlich cool.
Mit dem Cowboy-Lächeln zum Punkt
Mit einem Cowboy-Lächeln trat der Italiener mit ghanaischen Wurzeln zum ersten Schuss beim Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen die Engländer an und überwand seinen Torwartkollegen aus Manchester, Joe Hart, fast so abgebrüht wie später Pirlo mit seinen Schupfer. „Eines kann ich sagen: Er hat vor nichts Angst, nicht vor dem Trainer, nicht vor Gegenspielern, auch nicht vor einem Elfmeterschießen.“ So Boatengs Einschätzung.
Zwischen dem Münchner und Balotelli gibt es einige Gemeinsamkeiten. Nicht nur, dass die beiden Spieler 2009 im Halbfinale der U-21-Europameisterschaft im Halbfinale aufeinandertrafen, das die Deutschen 1:0 gewannen. Im Sommer 2010 wurden sie von Manchester City verpflichtet. Im Training gerieten Boateng und Balotelli mal aneinander, doch sie haben sich danach wieder schnell vertragen. 2011 wechselte Boateng dann zum FC Bayern. „Er ist ein guter Mensch und ein witziger Kerl. Er mag es, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Fußballerisch liegt Mario zwischen Genie und Wahnsinn“, sagt Boateng.
Das Verrückte ist nicht fern
„Ich hoffe, dass er seine Qualitäten auf dem Platz in Zukunft noch mehr zeigen wird, damit man sieht, dass er nicht nur Blödsinn im Kopf hat. Er muss natürlich aufpassen, dass er nicht zu negativ auffällt. Sonst wird ihn niemand mehr ernst nehmen und keiner mit ihm zusammenarbeiten wollen.“
Das Verrückte ist bei Balotelli nie ganz fern. Manchmal war es wohl auch eine Reaktion auf die teilweise Ablehnung durch seine Umwelt. In italienischen Stadien wurde er wegen seiner Hautfarbe oft verunglimpft. Auch bei dieser EM gab es offenbar rassistische Beleidigungen von den Rängen. Vor dem Turnier hatte Balotelli mit drastischer Wortwahl angekündigt, dass er jeden „umbringen“ wolle, der eine Banane nach ihm werfe.
Ähnliche verletzende Erfahrungen hat auch Boateng schon gemacht. Das größte Negativerlebnis des Deutschen beschränkte sich bei diesem Turnier bislang auf das Bekanntwerden eines nächtlichen Ausflugs in Berlin mit einer Blondine vor der Abreise nach Danzig. „Der Druck auf mich war schon groß. Ich wollte zeigen, dass ich klar im Kopf bin und mich auf die EM konzentriere. Ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen.“ Für den skandalerprobten Balotelli wären dies Peanuts gewesen.