Nicht jeder Holländer ist ein Fußball-Romantiker - zu sehen an Nationalstürmer Klaas-Jan Huntelaar. Er betont: „Ich lege Wert auf Effektivität“. Bei Schalke 04 bewies er das eindrucksvoll: Bundesliga-Torschützenkönig mit 29 Treffern. Trotzdem setzt der Bondscoach bei der EM auf einen anderen Angreifer. Huntelaar aber kämpft um seinen Platz: „Ich bin keiner, der wegläuft.“
Sie haben im November vorigen Jahres mit der allerdings nicht top besetzten Nationalmannschaft (unter anderen ohne van Persie) 0:3 gegen den großen Nachbarn Deutschland verloren. Wie schätzen Sie die Kräfteverhältnisse vor dem Wiedersehen bei der EM in Charkiw ein?
Deutschland ist das viel größere Land mit einer größeren Auswahl an Spielern. Auch die Qualität im deutschen Fußball ist in den letzten Jahren deutlich besser geworden. Es gibt viele Talente, dazu bevorzugt die Nationalmannschaft unter Trainer Jogi Löw ein offensiv ausgerichtetes, modernes, schnelles Spiel, das mit wenigen Ballkontakten zum Ziel führen soll. Trotzdem bin ich sicher, dass wir ein gutes Spiel gegen Deutschland machen werden. Es kann so oder so ausgehen.
Es ist noch nicht so lange her, da deutsch-niederländische Duelle mit viel Hass und Auseinandersetzungen drum herum verbunden waren. Diese aufgeladene Atmosphäre hat sich nicht zuletzt dadurch verändert, dass Profis wie Sie oder Robben in der Bundesliga spielen, dass andere Kollegen aus der Elftal wie van der Vaart oder van Bommel sehr erfreuliche Deutschland-Erfahrungen gemacht haben und beim Publikum beliebt waren. Wie schätzen Sie das niederländisch-deutsche Fußball-Betriebsklima ein?
Es ist inzwischen eine rein sportliche Rivalität. Ich spiele sehr gern in Deutschland. Die Bundesliga ist die schönste Liga, die ich bisher kennengelernt habe, weil alle Mannschaften so eng beieinander sind, dass alles Mögliche passieren kann. Es kommen viele Zuschauer, die Atmosphäre in den Stadien ist super, und natürlich ist es für mich sehr angenehm, „auf“ Schalke so gemocht zu werden. Ich bin in der Bundesliga nach meinen Stationen in Heerenveen, bei Ajax Amsterdam, Real Madrid und dem AC Mailand mental wie konditionell stärker geworden, weil ich hier auch mehr nach hinten arbeite und mehr unterwegs bin. In dem bevorstehenden Spiel gegen Deutschland kommt meinerseits noch etwas mehr Ehrgeiz als sonst hinzu, da ich nicht als Verlierer zurück nach Gelsenkirchen kommen will.
Welche deutschen Spieler sähen Sie gern im Oranje-Trikot?
Özil, Höwedes, Neuer, Klose - Löw hat viele gute Spieler. Aber wir haben selbst viel Qualität in der Mannschaft.
Was mögen Sie besonders an der deutschen Nationalelf?
Die Mentalität. Sie ziehen ihr Spiel durch. Deutsche Mannschaften kommen bei den großen Turnieren oft sehr weit. Das ist kein Zufall. Sie wollen ihre Spiele vor allem gewinnen, wir Holländer aber wollten in der Vergangenheit zuerst schön spielen und danach deutlich siegen. Das hat sich inzwischen ein wenig geändert. Auch wir sind unter van Marwijk pragmatischer geworden, wie man bei der für uns mit Platz zwei sehr erfolgreichen WM 2010 gesehen hat. Den Kritikern in meinem Land gefiel dieser Ansatz nicht immer. Er kam ihnen gelegentlich zu langweilig vor. Ich finde, dass wir bei einem Turnier eine gute Balance brauchen, um weit vorn zu sein. Dazu gehören ein, zwei herausragende Spiele, aber auch befriedigende Spiele, in denen es unter dem Strich auf das richtige Ergebnis ankommt.
Anders als viele Holländer sind Sie kein Fußball-Romantiker.
Ich lege Wert auf Effektivität. Ich will dazu Tore und Assists beisteuern. Zuerst kommt die Effektivität, dann die Attraktivität des Spiels.
Was sagt dazu bloß Johan Cruyff, Hollands oberste Fußball-Autorität und Hüter der reinen niederländischen Lehre?
Er ist bei uns das, was in Deutschland Franz Beckenbauer, der „Kaiser“, ist. Was er sagt, ist Gesetz, aber er war auch der beste Fußballspieler, den es je gab in meinem Land. Er ist sehr intelligent, denkt viel über den Fußball nach und hat auch fast immer recht in dem, was er sagt.
Haben Sie ihn mal kennengelernt?
Ja. Ich bin von ihm 2006 als Talent des Jahres in den Niederlanden mit dem Johan-Cruyff-Preis ausgezeichnet worden. Da bekommst du einen kleinen Fußballplatz geschenkt, auf dem sechs gegen sechs spielen. Dieser Platz, auf dem die Kinder Fußball spielen, ist in meinem Heimatort Hummelo. Es war sehr eindrucksvoll, damals mit ihm an einem Tisch gesessen, geredet und gegessen zu haben. Cruyff ist eine große Persönlichkeit.
Mögen Sie eigentlich das 4-2-3-1-System mit nur einem Stürmer wie es die holländische Nationalmannschaft, ein wenig abweichend vom Cruyff-Dogma, spielt?
Das System ist für uns perfekt und hat dazu beigetragen, dass wir in der Qualifikation zur Europameisterschafts-Endrunde sehr stark waren. Für den Trainer ergeben sich daraus in der Offensive viele Lösungen. Es kommt darauf an, wer gerade gut drauf ist.
Bondscoach Bert van Marwijk hat in Ihnen und dem für den FC Arsenal stürmenden Robin van Persie gleich zwei Weltklasseangreifer in seinen Reihen. Er hat sich gegen Sie entschieden. Wäre es nicht aber sinnvoll, beide gleichzeitig einzusetzen?
Es kommt darauf an, was der Trainer will. Robin und ich haben ja auch schon oft zusammengespielt. Aber im Moment bin ich enttäuscht, dass sich der Trainer nicht für mich entschieden hat. Ich hatte das Gefühl, dass alles schon von vornherein feststand. Dennoch bin ich keiner, der wegläuft. Mein Ziel bleibt es, zu spielen.
Vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft in Südafrika durften Sie gerade mal fünfzig Minuten ran - in einem langen Turnier, das die Niederlande bis ins Endspiel brachte.
2010 war nicht so gut für mich. Ich bin zwar in einigen Spielen zum Zuge gekommen, meistens jedoch in den letzten zehn Minuten. Das macht zwar auch Spaß, ist aber ein bisschen wenig für einen wie mich, der mehr am Spiel beteiligt sein will.
Im Februar, beim 3:2-Sieg im Wembley-Stadion über England, waren Sie, bei Halbzeit für van Persie eingewechselt, auch nur eine Viertelstunde im Spiel, ehe sie mit einer leichten Kopfverletzung wieder rausmussten. Damals wurde Ihnen nicht nur wegen Ihres Treffers zum 2:0 und dem Münchner Bayern-Star Arjen Robben, der zweimal traf und dabei einmal von Ihnen mit einer Vorlage bedient wurde, ein großer Anteil am Prestigeerfolg zugeschrieben. Hat dieses Spiel Ihre Chancen erhöht, bei der EM vielleicht doch mal erste Wahl zu sein?
Natürlich ist danach viel diskutiert worden, und natürlich will ich auch möglichst immer spielen - so wie in der Qualifikation, in der ich stets dabei war und viele Tore erzielen konnte. Jetzt geht es darum, daran anzuknüpfen und weiterzumachen.
Verstehen Sie sich gut mit van Persie, und wie beschreiben Sie ihn als Spielertyp?
Wir haben ein ganz normales Verhältnis und kennen uns schon lange. Robin ist ANTWORT: von Haus aus ein Zehner. Er kommt mehr aus der Tiefe als ich. Deshalb können wir auch beide zusammen spielen. Letztlich entscheidet die Form, wer spielt - und natürlich brauchst du auch einen Trainer, der auf dich setzt. Ich kämpfe immer darum, zu spielen. Mit meinen Leistungen „auf“ Schalke (Bundesliga-Torschützenkönig mit 29 Treffern) und in der Nationalmannschaft versuche ich meine Ansprüche zu untermauern.
Warum sind die Holländer eigentlich von ihrem früheren Standardsystem 4-3-3 abgewichen auf ein 4-2-3-1, in dem der defensive Aspekt stärker verankert ist?
Ich sehe zwischen beiden Systemen keinen großen Unterschied. Robben und Kuyt oder Elia sind in meinen Augen Außenbahnspieler mit Stürmerblut, und der Mann in der Mitte der Dreierreihe hinter dem zentralen Angreifer agiert oft als zweiter Stürmer. Das 4-2-3-1 wird mittlerweile von vielen großen Mannschaften praktiziert - auch in der Bundesliga, wo Meister Dortmund, der FC Bayern München oder wir beim FC Schalke 04 mit dieser Grundausrichtung vertraut sind. Meine Aufgabe ganz vorn ist es dann, am Rande der Abseitslinie auf ein Anspiel zu lauern und mir den Platz zum Knipsen zu verschaffen, wenn wir in Ballbesitz sind und das Spiel „breit“ gemacht haben.
In Holland wird anders als in Deutschland fast schon missionarisch das Bekenntnis zum Positionsspiel und zum Offensivfußball hochgehalten, wie wir spätestens seit den Tagen von Louis van Gaal als Fußballlehrer des FC Bayern München wissen. Mit der Defensivarbeit aber scheinen sich die Niederlande schwerzutun. Ist das so?
Wir hatten immer viele gute Stürmer und Offensivspieler. Schon in der Jugend orientieren sich holländische Nachwuchsspieler im Zweifel nach vorn. Abwehrkräfte, etwa Rechts- oder Linksverteidiger, sind bei uns häufig Spieler, bei denen es vorne nicht ganz gereicht hat. Die gehen dann eben eine Position zurück.
Würden Sie gerne gegen die Abwehr der Elftal spielen?
Ich trainiere ja oft gegen unsere Defensive. Auch die hat bei uns den Auftrag, richtig und schnell nach vorn zu spielen, Druck zu machen auf den Gegner, den Ball zu erobern und so umzuschalten, dass der Gegner weit weg von unserer Verteidigungszone ist. Das ist manchmal nicht ganz ungefährlich, weil dabei Räume hinter der Abwehr sind, in die der Gegner, wenn wir Fehler machen, vorstoßen kann. Das System ist anspruchsvoll, aber auch sehr reizvoll, weil man damit sehr viel Druck nach vorn entwickeln kann.
Sie sind mit holländischen Stürmerlegenden wie van Basten und van Nistelrooy verglichen worden. Woran sollen sich die Menschen später erinnern, wenn sie den Namen Klaas-Jan Huntelaar hören?
Dass er die meisten Tore geschossen hat. Daran arbeite ich Spiel für Spiel.