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Jérôme Boateng im Gespräch „Hautfarbe und Herkunft machen für uns keinen Unterschied“

 ·  Er ist stolz, für Deutschland zu spielen, und bei der EM will der 23 Jahre alte Verteidiger von Bayern München endlich einen Titel in dieser Saison gewinnen. Jérôme Boateng im F.A.Z.-Gespräch.

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© AFP Stolz für Deutschland zu spielen: Jérôme Boateng

Jérôme Boateng stammt aus Berlin, spielte bei Hertha BSC und dem Hamburger SV in der Bundesliga und wechselte vor dieser Saison zu Bayern München. Der Fußball-Nationalspieler über seine Lehrzeit im Fußball-Käfig, die Familie als Romanstoff und die Wirkung der Nationalmannschaft auf die Gesellschaft.

Der stellvertretende Vorsitzende der Piratenpartei, Schlömer, gibt Interviews in der Böse-Buben-Bar. Wir treffen Sie zum Gespräch in der Bibliothek am Luisenpark in Berlin-Wedding. Müsste es nicht umgekehrt sein?

Warum?

Weil das Klischee das so sagt: die bösen Boatengs aus dem Wedding. Obwohl Sie selbst gar nicht von dort kommen, sondern aus dem bürgerlichen Wilmersdorf. Wie gehen Sie damit um?

Ach, die Leute, die mich kennen, wissen, dass wir nicht böse sind. Wir sind echt, wir verstellen uns nicht. Wir wollen niemandem etwas Böses.

Warum die Bibliothek?

Dort hinten ist der Käfig, in dem wir Fußballspielen gelernt haben. Wenn wir mal auf die Toilette mussten, sind wir hier reingegangen - und gleich wieder raus.

Was haben Sie mitgenommen aus dem Käfig an der Panke?

Dass ich mich behaupten kann; gegen Ältere, gegen Größere. Dass ich nie aufgebe, auch wenn es ausweglos erscheint. Hier habe ich mich getraut, offensiver Fußball zu spielen, härter, ich habe Sachen ausprobiert, die andere konnten - und ich bis dahin nicht.

Tricks?

Damals war ich noch Stürmer. Da brauchte ich Tricks. Der Platz hat mich schon geprägt.

Was haben Sie hier gelassen?

Ein bisschen die Schüchternheit. Am Anfang habe ich immer am Rand zugeguckt, außerhalb des Gitters. Und dann bin ich rein und habe volle Kanne gezeigt, was ich kann. Ich wollte beweisen, dass ich gut bin.

Sie haben mal geweint...

Da war ich zwölf. Meine Brüder, die hier aufgewachsen sind, kannten das gar nicht. Sie haben gesagt: ,Hör auf zu heulen, du bist kein Mädchen.’ Da habe ich die Tränen weggewischt, und von da an ging’s immer gut.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn der Weg aus dem Käfig Sie nicht in den Profifußball geführt hätte?

Ich wollte immer Fußballer werden. Wenn ich die Spiele gesehen habe, WM 98, EM 96, die Trikots, die Spieler - ich wollte nie etwas anderes werden. Ich konnte mir nichts anderes vorstellen. Es war aber nicht so, dass ich gesagt habe: Ich werde Profi. Es gab Phasen, da lief es nicht gut, da habe ich mich gefragt, ob es reicht, ob ich gut genug bin, um Profi zu werden. Klar ist jedoch: Ich würde immer noch Fußball spielen, auch wenn ich nicht Profi wäre. Was ich nebenbei tun würde, weiß ich nicht. Irgendwas mit Sport.

Sie stellen hier gemeinsam mit Michael Horeni dessen Buch über Sie und Ihre Familie vor. Ihr Bruder Kevin-Prince ist auch Profi geworden, George, der Älteste, nicht. Wie fühlt sich das an mit 23 Jahren: das eigene Leben in einem Roman nachlesen zu können?

Ich habe, bevor ich dem Projekt zugestimmt habe, mit meinem Vater darüber gesprochen. Wir hatten beide ein gutes Gefühl. Ist schon erstaunlich, wie viel ich in so jungen Jahren schon hinter mir habe, im Sport und mit der Familie. Und ich hoffe, da kommt im Fußball noch eine Menge auf mich zu. Das ist ja erst der Anfang.

Ist George, der als der Talentierteste von Ihnen galt, gescheitert?

Er hat das ein bisschen lockerer gesehen mit dem Fußball. Er war nicht so verbissen wie Kevin und ich. Er kann stolz sein auf sich, und wir sind stolz auf ihn.

In Ihrer Jugend waren Sie rassistischen Beleidigungen ausgesetzt, von Gegenspielern und vor allem von deren Eltern. Spüren Sie heute so etwas?

Damals hat es mich nach einer Weile angespornt: Ich wollte zeigen, dass ich gut Fußball spielen kann. Jetzt habe ich so etwas schon ganz lange nicht mehr erlebt. Das letzte Mal ist mir das beim Fußball passiert, aber ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, sehen die Leute mehr den Erfolg und nicht so sehr die Hautfarbe. Dann sagen sie: Boateng, der deutsche Nationalspieler, der bei Bayern spielt.

Sie spielen seit zwei Jahren in der sogenannten Internationalmannschaft. Haben Sie den Eindruck, dass die so unterschiedliche Herkunft der Spieler, von Polen bis Ghana, von der Türkei bis Tunesien, den Blick auf die Nationalmannschaft verändert hat?

Man sieht, dass unsere Mannschaft etwas bewegt, egal wo einer herkommt. Da zählt nicht, ob einer halb Pole oder halb Afrikaner ist, wir haben alle dasselbe Ziel. In unserer Generation sind viele halb-halb. Fußball macht es möglich, aufeinander zuzugehen und Unterschiedliches anzunehmen. Egal, woher unsere Eltern kommen: Wir sind alle stolz, für Deutschland zu spielen. Noch dazu macht es Spaß. Ich glaube, das merkt man.

Sie sind im Spiel gegen Israel, im Gegensatz zu Ihrer Position bei den Bayern, nach außen gerutscht. Sie hatten die Chance, Ihr erstes Länderspieltor zu machen. Hilft Ihnen das beim Kampf um den Platz im Team?

Jeder kämpft um seinen Platz. Klar gibt es welche, die haben ihre Position sicher: unser Kapitän (Philipp Lahm), Neuer, im Sturm vielleicht Miro (Klose), im Mittelfeld Schweinsteiger. Aber sonst? Selbst, wer seinen Stammplatz hat, muss sich behaupten und sich verbessern. Ich denke, dass meine Leistung ordentlich war. Aber es gibt immer etwas zu verbessern. Ich muss noch meinen Rhythmus finden nach einem halben Jahr in der Innenverteidigung, dann mache ich auch bei der EM gute Spiele.

Wie gehen Sie in die Europameisterschaft am Ende einer Saison, in der Sie dreimal Zweiter geworden sind?

Sehr motiviert. Ich habe keine Lust, zum vierten Mal ins Finale zu kommen und Zweiter zu werden. Wir haben eine schwere Gruppe, da müssen wir erstmal beweisen, was wir draufhaben und wie eng wir beisammenstehen. Vielleicht werden wir nicht wie 2010 super Fußball spielen. Aber mir wäre es diesmal auch recht, wenn wir nur die Spiele gewinnen und damit Europameister werden.

Wie reagieren Ihre Brüder auf Ihre Saison?

Wir haben alle Kontakt. Ab und zu ziehen die beiden mich auf. Aber im Moment ist nicht die Zeit dafür. Nach dem Champions-League-Finale hätte ich keinen Spaß vertragen. Sie sagen natürlich: Ist bitter, aber so ist Fußball, es geht weiter.

Kommt Kevin in die Bundesliga zurück?

Das dauert noch ein bisschen. Wir machen manchmal Scherze darüber, dass er zu den Bayern kommen könnte. Und er sagt, ich solle nach Mailand kommen. Er fühlt sich wohl in Mailand, das tut ihm gut. Aber klar kann ich mir vorstellen, wieder zusammen mit ihm zu spielen.

Philipp Lahm, Lukas Podolski und Miroslav Klose sind gemeinsam mit DFB-Präsident Niersbach und Bundestrainer Löw zur Holocaust-Gedenkstätte Auschwitz geflogen. Wie stehen Sie als Berliner mit afrikanischen Wurzeln zu diesem schwierigen deutschen Erbe?

Der Auschwitz-Besuch sollte auch von unserem Team ein Zeichen sein, dass diese schlimme Vergangenheit nicht vergessen werden darf. So etwas darf nie wieder passieren. In der Nationalmannschaft wollen wir verkörpern, dass jeder Mensch als Mensch gesehen wird. Wir wollen in Polen und der Ukraine zeigen, wie schon in Südafrika, dass Hautfarbe und Herkunft für uns keinen Unterschied machen.

Michael Horeni: Die Brüder Boateng, Drei deutsche Karrieren. Tropen Verlag, Stuttgart 2012, 272 S., 18,95 Euro.

Das Gespräch führte Michael Reinsch.

Quelle: F.A.Z.
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