Home
http://www.faz.net/-hfm-70zki
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Italiens Balotelli Problemlöser Super-Mario

 ·  Egomane Balotelli gibt ausgerechnet gegen Deutschland den perfekten Team-Spieler ab. Nicht nur bei seinen Toren agiert er klug. Er arbeitet in der Defensive mit und behauptet viele Bälle.

Artikel Bilder (4) Bildergalerie Video (1) Lesermeinungen (40)
© dpa Stolzer Sieger: Balotelli (rechts) zeigt seine Muskeln, während Podolski geschlagen vom Platz geht

Mario“, hatte Trainer Cesare Prandelli in der Vorrunde über seinen schwierigsten Spieler gesagt, „Mario muss noch lernen, dass er nicht alle Probleme alleine lösen muss.“ Doch Mario Balotelli will einfach nicht lernen. Und so hat er am Donnerstag alle Probleme der italienischen Nationalmannschaft alleine gelöst. Mit seinen beiden wuchtigen Toren in der 20. und 35. Minute besiegte der in jeder Hinsicht unberechenbare Stürmer Deutschland 2:1.

Und bestätigte damit seinen Trainer, der trotz aller Eskapaden an ihm festgehalten hatte - zuletzt nach Balotellis wütenden Worten Richtung Trainerbank nach seinem Tor gegen Irland, eine Reaktion darauf, dass Prandelli ihn nicht von Beginn an aufgeboten hatte. Der Kollege Leonardo Bonucci verhinderte Schlimmeres, indem er Balotelli den Mund zuhielt.

Auch am Donnerstag musste etwas heraus aus Balotelli, als sein Ball im Netz zappelte. Nach dem 2:0 riss er sich das azurblaue Trikot vom Körper und spannte die imposanten Muskeln an wie ein Bodybuilder beim Posing. Super Mario, Superman.

FAZ.NET-Torvideo: Balotellis Kopfballwucht

Diese Szene könnte, wenn er Glück hat, seine andere bisher populärste Darbietung im visuellen Gedächtnis des Internets ablösen: jene Einlage vor einem Europa-League-Spiel mit Manchester 2011, als er gleich zweimal minutenlang daran scheiterte, sich das Leibchen der Ersatzspieler beim Warmmachen unfallfrei überzuziehen - es gelang ihm einfach nicht, Leib und Leibchen zusammenzubringen, also für die drei Löcher darin die drei komplementären Körperteile (rechter Arm, linker Arm, Kopf) zu finden. Der Zeugwart musste helfen.

Gegen Spanien hatte er sich noch zum Gespött gemacht

Und auch im ersten Spiel der Europameisterschaft gegen Spanien hatte der Einundzwanzigjährige sich noch zum Gespött gemacht, als er völlig frei vor Torwart Iker Casillas so lange überlegte, ob er besser schießen oder doch abgeben sollte, dass der längst abgehängte Verteidiger Sergio Ramos ihn wieder einholte und den Ball wegspitzelte. „Eingeschlafen“ sei der Kollege da leider, befand Mittelfeldspieler Daniele de Rossi.

Doch gegen Deutschland war Balotelli plötzlich hellwach, während die deutsche Abwehr ungewohnt schläfrig wirkte. Denn die Unwucht im deutschen Aufbauspiel, das die rechte Seite des Spielfelds in der ersten Hälfte fast unbesetzt und unbearbeitet ließ, wirkte sich nach und nach auch auf die Stabilität der Defensive aus.

Und so führten Balotellis Treffer binnen nur einer Viertelstunde der kompletten, zuvor so hoch gelobten deutschen Abwehr ihre Mängel vor, und zwar jedem einzelnen der vier. Zuerst ließen sich Mats Hummels und Jerome Boateng auf der rechten Abwehrseite von Antonio Cassano übertölpeln, und bei dessen Flanke kam Holger Badstuber nicht vom Boden weg, während in seinem Rücken Balotelli sich hochschraubte und mit seinem Kopfball Torwart Manuel Neuer keine Chance ließ. Und dann machte Philipp Lahm als letzte Absicherung der weit aufgerückten deutschen Elf alles falsch, was falsch zu machen war: Vor dem 40-Meter-Diagonalpass von Riccardo Montolivo verpasste er erst den Zeitpunkt, Balotelli abseits zu stellen, versuchte es dann doch - und gab dem Italiener dadurch einen Vorsprung von gut zehn Metern, den er nicht mehr einholen konnte. Allein lief Balotelli auf das Tor zu und testete dessen Stabilität mit einem Kracher in den oberen rechten Winkel.

Was war nur mit Balotelli los? Hatte ihn jemand ausgetauscht? Gegen seinen Bruder vielleicht, mit dem er in den letzten Tagen im italienischen Lager in Krakau mehrfach verwechselt worden war? Schon wegen der gemeinsamen Frisur: Beide tragen einen schmalen, geflochtenen Haarstreifen, der den rasierten Schädel teilt wie eine Mittellinie das Spielfeld.

Gegen Deutschland der perfekte Team-Spieler

Mario Balotelli, der von seinem früheren Trainer José Mourinho bei Inter Mailand als „untrainierbar“ bezeichnet wurde und von seinem jetzigen Chef Roberto Mancini bei Manchester City nach vier Platzverweisen binnen 16 Monaten und mehreren privaten Eskapaden aus dem Team geworfen und dann doch wieder begnadigt wurde - dieser notorische Egomane gab ausgerechnet am Donnerstag gegen Deutschland den perfekten Team-Spieler ab.

Er agierte nicht nur bei seinen beiden Toren klug. Er behauptete viele Bälle, holte Freistöße heraus, ging sogar bis in die eigene Hälfte zurück, wenn es nötig war. Und er terrorisierte vor allem Lahm weiter - in der 60. Minute ließ er den deutschen Kapitän aussteigen und verfehlte mit einem harten Flachschuss das lange Eck um einen Meter.

Einzelkritik: Gomez taucht ab, Lahm ohne Kompass

Doch Balotelli, den seine ghanaischen Eltern im Alter von drei Jahren an eine italienische Pflegefamilie gaben, bekommt im Finale noch die Chance, sein Torkonto zu erhöhen. Mit drei Turnier-Toren ist er der nun der einzige von vier Spielern, der seine Quote noch steigern und damit alleiniger Torschützenkönig des Turniers werden kann - anders als der Kollege Gomez, der zur Pause ausgewechselt wurde. An diesem Abend gab es nur einen Super-Mario.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

Jüngste Beiträge

Malocher unter dem Korb

Von Anno Hecker

Die Provinz hat der Metropole den Rang abgelaufen: Harte Arbeit hat den Basketball in Deutschland vorangebracht - nicht nur bei Meister Bamberg. Doch gerade Nachwuchsspieler werden manchmal zu schnell hochgejubelt. Mehr 1