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Italiens Andrea Pirlo Die Renaissance des Architekten

 ·  Der Italiener Andrea Pirlo ist 33 und sieht eher aus wie 44. Seine Zeit schien vorbei. Doch bei der EM beweist er, dass er noch immer einer der besten Mittelfeldspieler der Welt ist.

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© AFP Nicht mehr der Jüngste, aber immer noch einer der Besten: Andrea Pirlo

Sergio Busquets ist der defensive Anker des besten Mittelfelds der Welt, des FC Barcelona und des Weltmeisters Spanien. Es passiert ihm nicht oft, dass er von einem alten Mann überlaufen wird. Doch in der vergangenen Woche in Danzig geschah ihm genau das. Zumindest fühlte es sich so an. Andrea Pirlo, im vergangenen Sommer sogar vom Altherren-Ensemble des AC Mailand ausgemustert, ließ ihn stehen wie eine Slalomstange. Hatte Busquets sich einlullen lassen von den 33 Jahren, die der Spielerpass des Italieners ausweist? Oder von einem Blick in dessen Gesicht, das eher nach 44 aussieht? Oder gar von der lässigen, fast schlendernden Körpersprache des alten, schlauen Spielmachers?

Pirlo trabte in der eigenen Hälfte herum, bekam den Ball in der Nähe des Mittelkreises, und schwupps, in einer einzigen flüssigen Kombination von Ballmitnahme und Beinbeschleunigung, flitzte der Schein-Senior an dem jugendlichen Katalanen vorbei und spielte einen zentimetergenauen Pass in den Lauf des 34 Jahre alten Antonio di Natale, der die Blitzattacke zur italienischen Führung beim 1:1 gegen die Spanier veredelte. Und so wurde Busquets das erste Opfer der Renaissance jenes Mannes, den sie daheim „l’architetto“ nennen.

Pirlo? Deutsche Fußballfans werden sich ungern an die Vision und Präzision dieses feinen Fußballers erinnern. Es war Pirlos Klasse, die das deutsche Sommermärchen in der 118. Minute des WM-Halbfinales 2006 beendete - als Metzelders Kopfballabwehr ausgerechnet ihm, dem Maestro des überraschenden Passes, vor die Füße fiel und er in einer genialen Improvisation den Torschützen Grosso freispielte. Sowohl in dieser Partie als auch beim WM-Finalsieg gegen Frankreich wurde Pirlo zum „Man of the Match“, zum besten Spieler, gewählt.

Dann schien seine beste Zeit vorbei, als er bei der italienischen WM-Blamage 2010 mit einer Wadenverletzung nur eine Randfigur blieb und ihn Milan-Trainer Massimiliano Allegri ein Jahr später nicht mehr wollte. Juventus Turin bekam ihn ablösefrei - und Pirlo wurde der Spieler der Saison in der Serie A. Unter seiner Regie gewann Juventus die Meisterschaft und blieb dabei in allen 38 Ligaspielen unbesiegt - in 37 stand Pirlo in der Startelf. „Ich muss Allegri danken, der mich nicht mehr wollte“, so lautete Pirlos Botschaft an den Trainer des entthronten Meisters.

„Neben Xavi ist Pirlo der beste Mittelfeldspieler der Welt“, sagt sein Juve-Kollege Simone Pepe. „Er hat unser Team völlig verändert. Er verwandelte eine Gruppe guter Spieler in eine Spitzenmannschaft.“ Diese Verwandlung könnte sich nun im italienischen Nationalteam fortsetzen, das Trainer Cesare Prandelli rund um Pirlo und weitere sechs Spieler aus dem Meisterteam formiert hat. Dreimal ging Italien in den drei EM-Vorrundenspielen in Führung, dreimal war Pirlo beteiligt mit seinem Pass auf di Natale gegen Spanien, mit seinem Freistoß beim 1:1 gegen Kroatien, mit seiner Ecke auf Antonio Cassano beim 2:0 gegen Irland. „Pirlo ist mehr als die halbe Nationalelf“, schrieb die „Gazzetta dello Sport“.

Spielmacher alter Schule

„In der Form seines Lebens“ fühlte der Regisseur sich vor der EM. An dieser Form nagt aber die Last von mittlerweile 53 Saisonspielen. Nach den Glanzvorstellungen gegen Spanien und Kroatien wirkte Pirlo gegen Irland nicht mehr frisch. Für das Viertelfinale am Sonntag wird er deshalb von Prandelli im Training geschont. Es dürfte ihn auf die bisher wohl härteste Probe der Saison stellen. Denn anders als in der Serie A, wo kaum ein Team Druck auf den ballführenden Gegner in dessen Hälfte ausübt, werden die Engländer wohl versuchen, ihn früh zu attackieren und ihm eine physische Spielweise aufzwingen, die ihm nicht liegt.

Pirlo ist ein Spielmacher alter Schule, einer, der nie zu spurten scheint, dessen Schnelligkeit sich dem Auge entzieht. Weil er Spielsituationen so rasch erfasst und nie Zeit mit der Kontrolle des Balles verliert, kann er sich bei der Ausführung seiner Aktionen jene Ruhe erlauben, die am Ende die Präzision ausmacht - und ihn immer so aussehen lässt, als müsse er sich nie mit irgendetwas beeilen. Die gemächliche Eleganz seines Spiels scheint der Beschleunigung des Fußballs in den vergangenen zehn Jahren zu trotzen. Sie funktioniert aber nur, wenn die anderen im Team ihm den nötigen Freiraum verschaffen.

Wie ein Quarterback

Anders als Xavi, der mittendrin im Kurzpasswirbel die Winkel und Wendungen des „Tiki-taka“ der Spanier bestimmt, muss Pirlo das Spiel vor sich haben wie ein Quarterback im American Football - ein Spielmacher nicht auf der klassischen Zehner-Position oder auf der Achter-Position von Xavi, sondern auf der des Sechsers, die früher den Abräumern und Zerstörern vorbehalten war.

Daniele de Rossi, neben Pirlo und Torwart Gianluigi Buffon der letzte verbliebene Weltmeister von 2006 und in der EM-Vorrunde ebenfalls sehr stark, spielt daheim beim AS Rom am liebsten auch auf der Pirlo-Position, gibt sie im Nationalteam aber gern her: „Hier ist dieser Platz besetzt - von einem der größten Spieler in der Geschichte des italienischen Fußballs.“

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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