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Im Gespräch: Per Mertesacker „Wir müssen wie Dortmund von vorne verteidigen“

 ·  Per Mertesacker ist Führungsspieler unter Bundestrainer Löw. Doch nach seiner Verletzung muss er um seinen Stammplatz in der Nationalmannschaft kämpfen. Mertesacker über die Dortmunder Erfolgstaktik, Bayerns Niederlage und Löws Vertrauen.

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© REUTERS „Zum ersten Mal einen Kader, der wirklich doppelt gut besetzt ist“: Das gilt auch für Mertesackers Position

Mann des Vertrauens: Der 27 Jahre alte Abwehrexperte war die vergangenen Monate verletzt. Bundestrainer Löw hat den Profi von Arsenal London dennoch in seinen EM-Kader berufen.

Joachim Löw hat in den letzten Tagen immer mal wieder Angriffszüge proben lassen, Sie als Innenverteidiger waren dann als Gegenspieler mittendrin. Auf was müssen sich die Gegner der Deutschen bei der EM gefasst machen?

Wir haben sehr viele Spieler im Kader, die ein sehr hohes Tempo gehen, auch unsere Kombinationen haben eine hohe Qualität - mit viel Zug zum Tor. Ich glaube, da kann man schon einiges erwarten.

Spüren Sie, dass Sie in den Trainingseinheiten stärker gefordert sind als vor früheren Turnieren - weil die Qualität höher ist?

Bisher war die Arbeit eher auf die Grundlagen ausgerichtet. Taktisch haben wir bisher noch nicht so viel gearbeitet, aber ich habe schon das Gefühl, dass es so sein wird. Weil viele unserer Spieler einfach diesen Tempofußball leben. Einige haben ja auch in der Bundesliga-Saison gezeigt, dass sie da neue Maßstäbe setzen. Spieler, die zum Teil noch sehr jung sind und neuen Ehrgeiz reinbringen.

Wenn sich eine Mannschaft mehr über die Offensive definiert - sehen Sie darin auch eine Gefahr? Sie haben das ja auch bei Werder Bremen schon erlebt.

Man profitiert natürlich viel von Offensivaktionen, die in erfolgreichen Werder-Zeiten zu Spielen geführt haben, die mit fünf eigenen Toren und vier Gegentoren geendet haben. Aber die Defensive gehört genauso dazu. Und da können wir uns Borussia Dortmund als Beispiel nehmen. Die haben dem Spiel ihren Stempel aufgedrückt, indem sie von Anfang an so früh attackiert haben, dass der Gegner gar nicht in seinen Rhythmus gekommen ist. Ich glaube, das wird das große Ziel sein: wirklich von vorne zu verteidigen und so wenig wie möglich zuzulassen.

In der öffentlichen Wahrnehmung wird die deutsche Defensive als Risikofaktor auf dem Weg zum EM-Titel gesehen. Finden Sie das gerecht?

Ich habe schon andere Gefühlszustände vor großen Turnieren mitbekommen, als regelrecht Angst geschürt wurde. Im Turnier hat es dann immer super funktioniert.

Wann immer in den letzten Spielen in der Defensive etwas schiefgegangen ist, hieß es immer: Halb so wild, die Abstimmung holen wir uns immer erst in den Wochen vor dem Turnier. Jetzt kommen Badstuber, Boateng, Lahm und auch Schweinsteiger erst sehr spät zum Team. Ist das nicht ein echtes Problem?

Es ist ja nicht so, dass alles neu ist, gerade für die Spieler, die schon lange dabei sind. Aber es sind schon andere Voraussetzungen als bei den anderen Turnieren. Dazu gehört auch, dass wir zum ersten Mal einen Kader haben, der wirklich doppelt gut besetzt ist. Das bedeutet auch, dass wir uns als Mannschaft erst noch finden müssen. Wir haben in dieser Zusammensetzung bei einem Turnier noch nicht bewiesen, dass die Mannschaft so gut ist, wie sie jetzt von allen beschrieben wird. Aber ich hoffe, dass wir unser Potential dann umsetzen, wenn es so weit ist.

Es wird viel darüber geredet, wie die Bayern nach dem Final-Drama wieder aufzurichten sind. Haben Sie sich schon etwas überlegt?

Ein Allheilmittel habe ich da nicht parat. Natürlich muss man als Fußballer auch Negativerlebnisse verkraften. Aber diesmal war es schon eine Nummer bitterer. Finale zu Hause, spektakuläres Spiel, drei Mal schon am Pott gegriffen. Das ist schon etwas ganz anderes als ein verlorenes EM-Finale, bei dem man früh gemerkt hat, dass man chancenlos ist, so wie 2008. Ich glaube aber, dass die betroffenen Spieler charakterstark genug sind. Und wir haben bei der Nationalmannschaft so ein Wohlgefühl, dass man sich schnell wieder einfinden und zu alter Stärke zurückfinden kann.

Sie selbst haben wegen einer Sprunggelenksverletzung seit Februar kein Spiel mehr bestritten. Könnte die EM jetzt für Sie losgehen, oder brauchen Sie noch eine Weile?

Ich habe erstmal ein gutes Gefühl. Dass ich das ganze Programm von Anfang an mitgemacht habe, um gewisse Defizite aufzuholen, war schon gut für mich. Jetzt brauche ich noch die Testspiele, um mich vorzubereiten. Das sind Generalproben, die schon wichtig sind.

Es gibt drei heiße Anwärter auf die beiden Plätze in der Innenverteidigung, Sie, Holger Badstuber und Mats Hummels. Sehen Sie einen oder mehrere als gesetzt?

Das kann man so nicht sagen. Erstmal, weil wir noch nicht alle beisammen sind. Und es kann noch so viel passieren in der Vorbereitung. Ich glaube, wenn Sie den Bundestrainer fragen würden, würde er sich nicht dazu verleiten lassen, einen als gesetzt zu bezeichnen.

Ist es schwer als erfahrener Spieler, das zu akzeptieren?

Bei den letzten Turnieren habe ich dann ja immer gespielt. Das ist mir schon bewusst und gibt mir ein gewisses Selbstvertrauen. Deshalb hat der Bundestrainer mich ja auch trotz der Verletzung nominiert. Weil er gesagt hat: Wir vertrauen dir, dass du fit werden kannst.

Viele halten Mats Hummels für den besten deutschen Innenverteidiger, zudem kommt er mit dem Selbstbewusstsein des Dortmunder Doubles. Könnten Sie verstehen, wenn er spielt und nicht Sie?

Er ist ein sehr, sehr guter Innenverteidiger, das hat er bewiesen. Ich glaube aber, wir sollten nicht so viel in Einzelkritiken gehen. Wichtig wird das Kollektiv sein, auch bei diesem Turnier.

Was hat Ihnen das Jahr beim FC Arsenal gebracht?

Ich bin froh, dass ich den Schritt gemacht habe. Ich habe als Fußballer und als Mensch auf der Insel Fuß gefasst, deshalb bin ich sehr zufrieden mitdem Jahr, auch wenn es natürlich mit der Verletzung am Ende etwas schwierig war.

In welchem Bereich haben Sie als Fußballer konkret noch etwas dazulernen können?

Im täglichen Training ist es natürlich das Kurzpassspiel, auf das sehr viel Wert gelegt wird. Da kann man sehen, dass man sich in zwei, drei Wochen intensiver Arbeit dann schon verbessern kann.

Im nächsten Jahr wird Lukas Podolski Ihr Mannschaftskollege. Was haben Sie ihm mit auf den Weg gegeben?

Die Entscheidung hat er natürlich mit seiner Familie getroffen. Ich habe da nur ein paar Informationen weitergegeben, die ihn vielleicht in seinem Entschluss ein bisschen bestärkt haben. Fußballerisch habe ich bei Lukas überhaupt keine Bedenken, menschlich auch nicht. Englisch sprechen, ein bisschen die Kultur dort annehmen, das muss er dann schon selber machen. Aber da habe ich ein gutes Gefühl.

Das Gespräch führte Christian Kamp.

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