Hugo Lloris ist erst 25 und hat noch einige gute Jahre als Fußballtorwart vor sich, schließlich hielt so mancher Profikollege noch Bälle fest nachdem er sein fünfte Lebensjahrzehnt begonnen hatte.
Doch schon seit einiger Zeit weiß der Franzose, was er nach dem Ende seiner Karriere gerne machen möchte – Tennisspielen. „Ich werde eine zweite Laufbahn starten und über die kleinen französischen Turniere tingeln“, verriet er der Stuttgarter Zeitung schon 2009.
Die Liebe zur gelben Filzkugel ist alt, schon im Alter von vier nahm der kleine Hugo erstmals einen Tennisschläger in die Hand und galt als überaus talentiert. Nebenbei schlug er aber nicht nur kleine Bälle, sondern hielt beim Cedac de Cimiez und später bei OGC Nizza an der Cote d’Azur die größeren aus Leder auch fest, sodass ihn der deutsche Trainer Gernot Rohr mit 18 in die erste Mannschaft holte.
Schon ein Jahr später gewann Lloris seinen ersten Titel – mit der französischen U-19-Nationalmannschaft wurde er in Nordirland Europameister. Aber auch in Nizza stand er immer mehr im Mittelpunkt, eroberte sich seinen Stammplatz und wurde schon nach der zweiten Saison zum besten Torhüter der Ligue 1 gewählt. Der schnelle Aufstieg passte so gar nicht zu seinem Motto: „Man muss geduldig sein können.“
Nicht mehr warten wollten einige Schwergewichte, die sich um die Dienste von Lloris, der bei 1,88 Meter Körpergröße nur 73 Kilogramm auf die Waage bringt, bemühten.
Der AC Mailand, der Liebling seiner Kindheit, und Tottenham Hotspur zeigten Interesse, doch der Torwart entschied sich, in Frankreich zu bleiben und gab Serienmeister Lyon für die Ablösesumme von 8,5 Millionen Euro sein Ja-Wort – nicht zuletzt weil sein Vorgänger Gregory Coupet ihm den Wechsel an die Rhone wärmstens empfahl.
Lyon gewann zwischen 2002 und 2008 sieben Mal in Folge den Titel in Frankreich, seit Lloris im Tor steht, wartet Olympique auf eine Meisterschaft. Die relative Erfolgslosigkeit – Lyon gewann im Mai immerhin den französischen Pokalwettbewerb, liegt aber nicht an Lloris‘ schlechten Leistungen.
Vielmehr fällt er immer wieder durch herausragende Paraden auf, die seine kleinen Mängel bei den fußballerischen Fähigkeiten wettmachen. „Lloris ist Lyons Messi“, verglich die französische Tageszeitung Figaro den Torwart mit dem Weltfußballer.
Abseits des Rasens ist Lloris alles andere als ein Lautsprecher. Geprägt durch seine Eltern – die 2008 verstorbene Mutter war Anwältin, der Vater ist Bankdirektor und inzwischen auch sein Berater – schloss er die Schule nicht nur mit dem Abitur ab.
Er verzichtete deswegen auch auf den Umzug in das Fußball-Internet des OGC Nizza. Vielmehr blieb er zuhause wohnen und nahm noch Privatunterricht, um seine schulischen Leistungen zu verbessern. Noch heute liest er am liebsten wissenschaftliche Texte.
Wenn Lloris überhaupt einmal öffentlich spricht, dann tut er das leise und diplomatisch. Kampfansagen sind nicht seine Sache. Wenn er doch einmal ein Interview gibt, dann bittet er darum, dass es nicht an einem Spieltag veröffentlicht wird. Er will nicht die Schlagzeilen durch seine Aussagen bestimmen, wenn eigentlich die sportlichen Leistungen im Vordergrund stehen sollten.
Nur eine Extravaganz erlaubte er sich einst mit dem Kauf eines italienischen Sportwagens. Aber auch dabei achtete Lloris darauf, dass er nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht – das Auto ist schwarz.
In Frankreich wird Lloris inzwischen Spiderman genannt, wegen seiner Beweglichkeit, zu der seine körperliche Konstitution beiträgt. „Sieht man ihn ohne Hemd, möchte man ihm etwas zu essen geben“, scherzte ein Kollege in Lyon einst.
Trotz der Robustheit, die ihm fehlt, ist er kein Torwart, der sich auf seine Reflexe – die er beim Tennis schulte – vertraut und auf der Linie stehen bleibt. „Ich will nicht nur einstecken“, sagt er.
In Lyon verlängerte er seinen Vertrag vor kurzem bis 2015, in der französischen Nationalelf ist Lloris inzwischen zum Kapitän aufgestiegen.
Vor dem Testspiel gegen Deutschland im Februar bestätigte ihn Trainer Laurent Blanc als Spielführer für die Europameisterschaft, bei der die Equipe tricolore zunächst auf England, die Ukraine und Schweden trifft. „Die Binde ist mehr als ein Symbol“, sagte Lloris nur. Er wird sie stolz tragen – und schweigen.
Spielplan bei der EM 2012:
Montag, 11. Juni, 18.00 Uhr: Frankreich – England (in Donezk)
Freitag, 15. Juni, 18.00 Uhr: Ukraine – Frankreich (in Donezk)
Dienstag, 19. Juni, 20.45 Uhr: Schweden – Frankreich (in Kiew)
Trainer: Laurent Blanc
Plazierung in der Weltrangliste: 16.
Größter Erfolg: Weltmeister 1998, Europameister 1984 und 2000
Bisheriges Abschneiden bei Turnieren:
Weltmeisterschaften:
1998: Weltmeister
2006: Zweiter
1958 und 1986: Dritter
1982: Vierter
1938: Viertelfinale
1934: Achtelfinale
1930, 1954, 1966, 1978, 2002 und 2010: Vorrunde
1962, 1970, 1974, 1990 und 1994: nicht qualifiziert
1950: nicht teilgenommen
Europameisterschaften:
1984, 2000: Europameister
1996: Halbfinale
1960: Vierter
2004: Viertelfinale
1992, 2008: Vorrunde
1964-1980, 1988: nicht qualifiziert