Und er bewegt sich doch. Bert van Marwijk, der 60 Jahre alte holländische Sturkopf, hat in der Stunde der Not reagiert. „Wir haben zweimal nacheinander verloren“, sagte der Bondscoach vor dem Alles-oder-Nichts-Spiel der Niederlande bei der Fußball-Europameisterschaft, „jetzt werde ich etwas verändern.“
Das muss der Trainer der Elftal auch, will Holland wie durch ein Wunder doch noch das EM-Viertelfinale erreichen. Ein Sieg in Charkiw an diesem Sonntagabend gegen Portugal und gleichzeitig ein Erfolg der deutschen Tabellenführer in der Gruppe B über Dänemark, und dieses Turnier könnte doch noch mit einen Hauch von Glanz in Orange überzogen werden.
Was bisher geschah, war total verkorkst statt Totaal Voetbal, den die Niederländer einst zu ihrem Markenzeichen machten. Nun also lässt van Marwijk, die Flucht nach vorn ergreifend, erstmals von Anfang an Robin van Persie und Klaas-Jan Huntelaar, die beiden treffsichersten Stürmer der Premier League und der Bundesliga, ran.
Nun muss sich auch der endlich von vornherein gebrauchte Rafael van der Vaart, neben Wesley Sneijder der zweite Spielmacher im Team, nicht mehr „fühlen wie ein junger Hund, der heraus will aus dem Käfig“. Holland macht mobil und setzt ganz und gar auf die traditionelle Angriffslust, die sich in diesem Land schon immer mit einem hohen Maß an gestalterischer Phantasie paarte.
„Dann würden wir ihn gehen lassen“
Ob van Marwijk bei der Renovierung seiner ersten Auswahl auch sein Spielsystem über Bord wirft, ist fraglich. Der Trainer hat, seit er vor vier Jahren ohne überragende Meriten vorweg Bondscoach wurde, an dem von ihm bevorzugten 4-2-3-1 festgehalten. „Wenn Trainer sagen“, behauptete der Fußballlehrer, „ihr Team könne vier oder fünf Systeme spielen, halte ich das nicht für realistisch.“ Mit anderen Worten: van Marwijk, der nicht auf die niederländische Standardformation 4-3-3 setzt, bevorzugt klare Verhältnisse und keine systematischen Wechselspielchen.
Der silberhaarige frühere Coach von Borussia Dortmund, der immerhin schon vier Jahre auf seinem heißen Stuhl sitzt, gilt als großer Pragmatiker, aber nicht als großer Reformer. Ob er, dessen Vertrag erst vor kurzem bis 2016 verlängert wurde, nach der EM überhaupt weitermachen will oder kann, ist derzeit offen. Bert van Oostveen, der Sportdirektor des Königlich-Niederländischen Fußballverbandes (KNVB), sagte am Freitag: „Wir wissen, dass Bert noch einmal bei einem großen Klub anheuern will. Dann würden wir ihn gehen lassen.“
Der erste Ausscheiden seit 1980 droht
Die Zeichen zwischen Verband und Trainer scheinen also auf Abschied zu stehen - genauso wie bei der bisher gescheiterten Mission des Weltmeisterschaftszweiten von 2010 bei seinem Auftritt in Osteuropa. Schließlich sind die Holländer mit dem festen Vorsatz nach Polen und die Ukraine gereist, endlich ihren zweiten Titel nach dem Triumph bei der EM 1988 in Deutschland zu erobern.
Stattdessen droht das erste Ausscheiden bei einem großen Turnier nach der Vorrunde seit 1980. Wie es scheint, bekommt dem deutschen Fußball-Nachbarn der Erfolg nie gut. 1974 verlor die bisher beste niederländische Nationalmannschaft mit dem unwiderstehlichen Tausendsassa Johan Cruyff an und in der Spitze im Finale gegen die Bundesrepublik Deutschland 1:2; 1976 bei der EM in Jugoslawien folgte immerhin noch Platz drei. 1978 wurde Holland in Argentinien abermals WM-Zweiter; 1980 folgte das frühe EM-Aus. Der Europameister von 1988 verabschiedete sich nach einer 1:2-Niederlage gegen die späteren deutschen Weltmeister 1990 schon im Achtelfinale von der festa all’italiana.
Zwanzig Jahre später führte van Marwijk die Elftal 2010 auf WM-Platz zwei zurück - mit einem Ergebnisfußball, der niemand zum Träumen einlud. Und nun stimmen mit einem in die Jahre kommenden Kader, dessen beste Spieler um die Dreißig oder schon darüber sind, auch die Ergebnisse nicht mehr.
„Wir müssen“, forderte van Oostveen deshalb, „nach der EM den Verjüngungsprozess einleiten, ohne dabei unsere Qualität zu verlieren.“ Das alte Holland - so war es schon 1980, als das letzte Hurra verdienter Kräfte wie den de-Kerkhof-Brüdern René und Willy, Johnny Rep, Ruud Krol oder Arie Haan ohne Echo blieb. Versteht sich, dass bei dieser Gemengelage die daheim gebliebenen Altmeister des niederländischen Fußballs zu van Marwijks Chefkritikern geworden sind.
Der alte Traum von Schönheit und Triumphen
Zuletzt der eben erst zurückgetretene frühere Stürmerstar Ruud van Nistelrooy. Er ist der Ansicht, dass van Marwijk „schon vor der EM ein System hätte entwickeln müssen, in dem Huntelaar (29 Treffer für Schalke 04) und van Persie (30 Tore für den FC Arsenal) ihre Qualitäten gemeinsam hätten einbringen können“.
Ähnlich argumentierte davor schon Cruyff. Jeder Bondscoach außer Rinus Michels, der Gottvater des niederländischen Fußballs und vor ein paar Jahren gestorbene Lehrmeister der Europameister 1988 und WM-Zweiten von 1974, hat mit diesen Mäklern zu leben.
Voetbal Totaal wird längst woanders gespielt
Und jeder Bondscoach war irgendwann des Dauerdrucks aus den Medien und der Öffentlichkeit überdrüssig. Ob Leo Beenhakker, Dick Advocaat (dem sich Gullit bei der WM 1994 versagte), Guus Hiddink, Frank Rijkaard, Louis van Gaal oder Marco van Basten: Sie alle gingen von sich aus oder auf dringende Aufforderung.
Der nächste könnte van Marwijk sein. Er hat vor zwei Jahren zumindest den Erfolg zurückgebracht. Ist er erst einmal weg, darf der alte Traum wieder aufblühen von Schönheit und Triumphen zugleich. Tatsächlich wird so etwas wie Voetbal Totaal längst woanders gespielt - in Spanien vor allem, aber auch beim ungeliebten Nachbarn Deutschland.