Nach knapp drei Wochen gemeinsamen Trainings reisen die deutschen Nationalspieler an diesem Mittwoch zurück in die Heimat. Ganz nach Wunsch oder gar reibungslos ist die Zeit auf Sardinien und in Südfrankreich gewiss nicht verlaufen. Das war schon ganz zu Beginn in Joachim Löws Wort von der „zerrütteten“ Vorbereitung zu spüren, als er auf Sardinien nur eine Kleinstgruppe zum Üben vorfand. Erst nach und nach trudelten Deutschlands Beste beim Nationalteam ein. Und mit ihnen manche Hoffnung: dass etwa die Dortmunder etwas von der Leidenschaft und dem Esprit ihrer Double-Saison mitbrächten. Und auch manche Sorge: dass die Bayern ein größeres Trauma aus dem verlorenen großen Finale davongetragen haben könnten.
Dass dazu in Tourrettes unweit der Cote d’Azur manches Unwetter über den Trainingsplatz fegte, passte irgendwie. Immer wieder mal dachte man auch beim Nationalteam: Hier könnte etwas durcheinandergewirbelt werden.
Am Dienstag aber saß ein Bundestrainer auf dem Podium des DFB-Medienzentrums, dessen Fußballwelt in ihren Grundfesten ruhte. Entspannt, gelassen und auffallend zu Scherzen aufgelegt präsentierte sich Löw kurz vor dem letzten Test am Donnerstag in Leipzig gegen Israel.
Nicht einmal der nach wie vor unklare Gesundheitszustand von Bastian Schweinsteiger vermochte ihn in Aufregung zu versetzen. Mit dessen Bluterguss an der Wade, den der Ober-Bayer schon nach wenigen Minuten des Champions-League-Finales gegen Chelsea davongetragen hatte, verhalte es sich zwar „etwas schwieriger, als alle gedacht haben“, berichtete Löw. Und so klang es nicht nur, als würde Schweinsteiger den Test gegen Israel verpassen, sondern auch nach einer ungewissen Lage darüber hinaus. Doch Löw verkaufte die an sich ziemlich beunruhigende Nachricht, als habe sich der dritte Torwart einen Finger verstaucht.
Ganz ähnlich verhielt es sich mit Fragen nach der offenkundigen Problemzone des deutschen Spiels, der Abwehr, insbesondere der Innenverteidigung. „Das können Sie selbst entscheiden, ob Sie sich Sorgen machen“, antwortete der Bundestrainer launig. Während die Fußballnation nach dem 3:5 gegen die Schweiz noch immer darüber rätselt, ob nun Mertesacker oder Hummels den hilfloseren Eindruck hinterlassen hatte und wer von beiden also bei der EM das geringere Übel an der Seite von Badstuber sein würde, stellte Löw einfach allen dreien ein Spitzenzeugnis aus. Er sei „froh und glücklich“, sagte der Bundestrainer, dass er „drei solche Klasseleute auf dieser Position“ habe, die „mit auf dem höchsten Level sind, den man erreichen kann, auch international.“
Wie das zum unterirdischen Niveau in der Schweiz passte? „Abstimmungsprobleme“, sagte Löw. „Normal.“ Der Bundestrainer versucht, das Beste aus einer Vorbereitung zu machen, die ihm etwas mehr Improvisation abverlangt als vor vergangenen Turnieren.
„Wir sind absolut im Soll“
Vor der WM 2010 hatten zwar diverse Verletzungen, allen voran die von Michael Ballack, die öffentliche Zuversicht getrübt. Löw aber begriff das sogleich als Chance, den Aufbau eines ganz nach seinen Wünschen gestalteten Teams früher und beschleunigt voranzutreiben. Nun, zwei Jahre später, ist er diesem Idealbild schon ein gutes Stück näher gekommen. Und so hat es ihn vielleicht kurzzeitig irritiert, dass die gemeinsame Vorbereitungszeit so kurz ausfallen würde. Oder dass gleich drei Führungsfiguren, Schweinsteiger, Klose und Mertesacker, nach Verletzungen noch in der Aufbauarbeit stecken.
Sehr schnell aber gewann das Vertrauen in die Strukturen, die er geschaffen hat, wieder Überhand. Und ein 3:5 in der Schweiz - das war bei allem Ärger über die vielen individuellen Fehler nichts, was ihn an seinem grundsätzlichen Plan hätte zweifeln lassen. „Wir sind absolut im Soll, was die Trainingsleistungen betrifft“, versicherte er am Dienstag. Und fügte hinzu, dass es ja nicht darauf ankomme, jetzt, zum Abschluss der Vorbereitung „auf höchstem Niveau“ zu sein, sondern in zwei Wochen, zum ersten EM-Spiel gegen Portugal.
Generalisten mit Spezialaufträgen
Der deutsche Trumpf in Polen und in der Ukraine soll die Vielseitigkeit des Kaders sein, vor allem im offensiven Mittelfeld. Mit Genugtuung stellte Löw fest, dass keine Situation wie 2010 drohe, als im Halbfinale gegen Spanien der gesperrte Müller so schmerzlich vermisst wurde. Tatsächlich wirkt das deutsche Team einen Schritt weiter als vor der WM. Nicht nur vielseitiger und breiter aufgestellt. Auch erwachsener. Und das, obwohl der Altersdurchschnitt noch einmal gesunken ist. Von 24,96 auf 23,57 Jahre.
Bei der Nominierung des endgültigen Kaders hat Löw nun noch einmal einen kleinen Akzent gesetzt, indem er zwei seiner vielen Generalisten mit Spezialaufträgen versorgte: Marco Reus, der in einem engen Spiel die entscheidende Lücke vor des Gegners Tor reißen soll. Und Lars Bender, dessen Dienste gefragt sein sollen, wenn es nötig scheint, „die Kreise eines Spielers mal permanent zu stören“. Am gewachsenen Gefüge aber hat die Vorbereitung bestenfalls in Nuancen etwas geändert. Was vorher gut war, wird jetzt auch noch das Beste sein, so die simple Botschaft. Ob Löws Team aber auch gut genug in Form kommt? Sollte der Bundestrainer daran Zweifel hegen, hat er zumindest beschlossen, nicht mehr über sie zu sprechen.
Tor:
1, Manuel Neuer (Bayern München), 25 Länderspiele/0 Tore
12, Tim Wiese (Werder Bremen), 6 Länderspiele/0 Tore
22, Ron-Robert Zieler (Hannover 96), 1 Länderspiel/0 Tore
Abwehr:
3, Marcel Schmelzer (Borussia Dortmund), 6 Länderspiele/0 Tore
4, Benedikt Höwedes (FC Schalke 04), 8 Länderspiele/0 Tore
5, Mats Hummels (Borussia Dortmund), 14 Länderspiele/1 Tor
14, Holger Badstuber (Bayern München), 19 Länderspiele/1 Tor
16, Philipp Lahm (Bayern München), 85 Länderspiele/4 Tore
17, Per Mertesacker (FC Arsenal), 80 Länderspiele/1 Tor
20, Jérôme Boateng (Bayern München), 20 Länderspiele/0 Tore
Mittelfeld:
2 Ilkay Gündogan (Borussia Dortmund), 2 Länderspiele/0 Tore
6, Sami Khedira (Real Madrid), 26 Länderspiele/1 Tor
7, Bastian Schweinsteiger (Bayern München), 90 Länderspiele/23 Tore
8, Mesut Özil (Real Madrid), 32 Länderspiele/8 Tore
9, André Schürrle (Bayer Leverkusen), 13 Länderspiele/6 Tore
10, Lukas Podolski (1. FC Köln), 96 Länderspiele/43 Tore
13, Thomas Müller (Bayern München), 26 Länderspiele/10 Tore
15, Lars Bender (Bayer Leverkusen), 5 Länderspiele/0 Tore
18, Toni Kroos (Bayern München), 25 Länderspiele/2 Tore
19, Mario Götze (Borussia Dortmund), 13 Länderspiele/2 Tore
21, Marco Reus (Bor. Mönchengladbach), 5 Länderspiele/1 Tor
Angriff:
11, Miroslav Klose (Lazio Rom), 115 Länderspiele/63 Tore
23, Mario Gomez (Bayern München), 51 Länderspiele/21 Tore
Schaun mer mal...
Uwe Wagner (view)
- 30.05.2012, 07:13 Uhr