Sie sind davon überzeugt, das „Neue Frankreich“ zu repräsentieren. Sie haben schon als Jugendliche für ihr Land Ehre eingelegt. Sie halten sich manchmal selbst für unwiderstehlich - und machen dann anderen das Leben schwer. Sie sind die Generation ’87 und wollen zu einem internationalen Markenbegriff werden, möglichst schon nach diesem Turnier in Polen und der Ukraine. Europameister waren diese fünf im Jahr 1987 geborenen Profis schon einmal: 2004 bei der Endrunde der U-17-Nationalmannschaften durch einen 2:1-Erfolg im Endspiel gegen Spanien, bei denen unter anderen Cesc Fabregas und Gerard Piqué auf dem Platz standen.
Es war die Zeit, von der der französische Spielmacher und Ballkünstler Samir Nasri noch immer schwärmt: „Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt auf einem Fußballplatz. Wir haben uns damals mit geschlossenen Augen gesucht und gefunden.“ Aus diesem verschworenen Haufen hat der französische Nationaltrainer Laurent Blanc für diese EM auch Karim Benzema, Jérémy Ménez, Hatim Ben Arfa und Blaise Matuidi berufen. An diesem Samstag (Anstoß: 20.45 Uhr / Live in der ARD und im F.A.Z.-Ticker) treffen sie einige der alten Gegner wieder: Frankreich trifft im EM-Viertelfinale auf Spanien.
Die bösen Geister von Knysna
Die fünf Franzosen gingen mit einem Bonus in dieses Turnier. Keiner von ihnen war dabei, als die Kollegen bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Südafrika das „Fiasko von Knysna“ anrichteten, als Stürmerstar Nicolas Anelka nach beleidigenden Äußerungen über den damaligen Trainer Raymond Domenech nach Hause geschickt wurde und die „Bleus“ wenig später im Bus beschlossen, eine Trainingseinheit zu boykottieren.
Es war ein beschämendes Schauspiel, das die sieglos nach der Vorrunde heimgeschickten Franzosen am Kap der Guten Hoffnung lieferten. Die Jungen, die 87er, sollten es nun besser machen. Doch ein Teil der hohen Erwartungen in Frankreichs Öffentlichkeit ist schon wieder aufgebraucht, nachdem sich zwei dieser Junioren-Europameister in der Ukraine alles andere als erwachsen benahmen.
Nasris Jubel nach seinem Tor gegen England (1:1), als er mit dem Zeigefinger auf den Lippen kritische Reporter der „L’Équipe“ dazu aufforderte, künftig die Klappe zu halten, war noch ein kleiner Fauxpas zu Beginn des Turniers. Der Kabinenkrach, den der leicht reizbare Kollege Ben Arfa nach der 0:2-Niederlage gegen Schweden auslöste, war da schon schwerer einzuhegen. Der suchte den lautstarken Wortwechsel mit Blanc, nachdem er in der 59. Minute ausgewechselt worden war.
Dazu gerieten die Kameraden Nasri und Diarra aneinander, so dass der erfahrene Nationalspieler Florent Malouda für ein paar Minuten das Gefühl hatte, die bösen Geister kehrten zurück. „Was ich da gesehen habe“, sagte der Knysna-geschädigte Spieler des FC Chelsea, „hat die alten Dämonen in mir geweckt.“ Inzwischen haben sich alle wieder die Hand gegeben und vertragen, doch wie lange hält der Frieden?
Zerbrechliche Balance
Malouda glaubt, dass „die Balance zerbrechlich“ sei. Ob die Équipe Tricolore diesen Zoff kurz vor dem Spiel gegen Spanien produktiv verarbeitet hat, ist eine der Fragen, die am Samstagabend in der Donbass-Arena von Donezk beantwortet werden. Ihre Buße müssen die Franzosen wegen der ersten Niederlage nach 23 Spielen als Zweite der Gruppe D gegen die vielleicht beste Mannschaft der Welt leisten - und dabei sollen auch die herausragenden Vertreter der Generation ’87 - Mittelstürmer Benzema vorneweg, aber auch Nasri, einer der Besten beim englischen Meister Manchester City, und der womöglich ebenfalls für die erste Wahl berücksichtigte Ménez - ein Reifezeugnis ablegen.
Von Benzema, 24 Jahre alt und vor kurzem Meister mit Real Madrid geworden, werden endlich Tore erwartet. 21 Treffer hat er für Real in der vergangenen Saison erzielt. Sie markieren seinen Aufstieg in die internationale Stürmerelite - doch für sein Land hat der Abkömmling einer algerischen Arbeiterfamilie aus Lyon bei diesem Turnier außer zwei Torvorlagen zum 2:0-Erfolg über die Ukraine noch nicht viel geliefert.
Benzema, nach zwei schwierigen Jahren in Höchstform gebracht von seinem Vereinstrainer José Mourinho („er ist wie ein Vater zu mir“) und in bester körperlicher Verfassung, seit er sieben Kilo abgespeckt hat und sich gesund ernährt, kann auch als Zuspieler wertvoll genug sein. Er gehört zu jenem Typ Stürmer, der mit Ausweichmanövern auf die Flügel Platz für andere schafft und dank seiner überragenden Ball- und Passqualitäten über vielseitige Offensivoptionen verfügt. Vielleicht hat er auch deshalb erst 15 Mal für Frankreich in 47 Länderspielen getroffen.
„Warum sollte ich nicht Weltfußballer des Jahres werden?“
Trainer Blanc sieht den sensiblen Benzema in einem vielversprechenden Entwicklungsprozess: „Er ist viel athletischer geworden, denn früher neigte er zu einem unprofessionellen Lebensstil außerhalb des Platzes.“
Aus dem Jüngling, der einst, mit 16, ausgelacht wurde, als er bei Olympique Lyon ein paar holprige Worte zu seiner Aufnahme in den Profikader sagte, ist ein Mann mit hohen Ansprüchen geworden: „Ich bin nicht weit weg vom Niveau eines Cristiano Ronaldo und eines Lionel Messi. Warum sollte ich nicht Weltfußballer des Jahres werden?“ Die Wahrscheinlichkeit, dass seine Worte in diesem Jahr wahr werden, tendiert indes gegen null. Benzema muss erst einmal an diesem Samstag den Zweikampf mit seinem Madrider Mannschaftskollegen Sergio Ramos bestehen.
Ob er, der ähnlich hochbegabte Nasri, der Reißer Ménez, der schwer erziehbare Individualist Ben Arfa oder der brave Mannschaftsdiener Matuidi im defensiven Mittelfeld die noch ziemlich unterschiedlich anmutende Generation ’87 wirklich im Bewusstsein der Franzosen verankern und den Fußball der Nationalmannschaft prägen können, erscheint bei dieser EM eher zweifelhaft. Zu labil und ichbezogen wirken die U-17-Europameister von gestern noch, zu wenig austariert und manchmal auch zu unprofessionell, um jetzt schon ein Ruhmeskapitel für das „Neue Frankreich“ schreiben zu können.
Andererseits sagt Yohan Cabaye, einer der vierzehn EM-Kaderspieler im Alter von 26 und darunter: „Wenn eine Mannschaft etwas Besonderes erreichen will, braucht sie Talent. Diese Generation ist talentiert. Sie muss sich vorn frei bewegen können, und wir müssen sie dahinter unterstützen.“ Dann wird früher oder später vielleicht wahr, was Benzema mit dem Satz zusammenfasste: „Die Generation ’87 kann etwas Schönes erreichen.“