Er hat seine Rückkehr auf die Weltbühne genossen, obwohl er nicht glänzen konnte, obwohl Frankreich nur 1:1 gegen England gespielt hatte, obwohl ihm die Gegenspieler auf den Füßen standen wie die von Chelsea im Champions-League-Finale oder die von Borussia Dortmund in der Fußball-Bundesliga. Dennoch: Der 29 Jahre alte Franck Ribéry, auf seinem Spielfeld getrieben von seiner Emotionalität und seinem Jägerinstinkt, blieb noch lange nach dem Schlusspfiff in der Donbass-Arena von Donezk, um durchzupusten, sein erstes Spiel bei dieser Europameisterschaft zu verarbeiten und einfach mal bei sich zu sein.
Als seine Mannschaftskameraden längst wieder in ihrem Quartier auf dem großzügigen Trainingsgelände von Schachtar Donezk waren, verließ Ribéry in seinem weißen Trainingsanzug, den Kulturbeutel unterm Arm, die Katakomben des Stadions. „Uns hat das letzte Stück gefehlt“, sagte er, „nun müssen wir gegen die Ukraine gewinnen.“ Diese Forderung muss an diesem Freitag gegen Gastgeber Ukraine (18 Uhr/Live im FAZ.NET-Ticker), wiederum in der hochmodernen Donbass-Arena, eingelöst werden. Der Star vom linken Flügel des FC Bayern München wird wie gegen die Engländer aufs Neue alles versuchen, ein leuchtendes Vorbild für den gelebten Vorwärtsdrang der Équipe Tricolore zu sein, denn: „Ich trage eine große Verantwortung.“
Die französischen Fans beäugen ihn kritisch
Vive la France - von diesem Bekenntnis war derselbe Ribéry im März dieses Jahres nach dem Champions-League-Viertelfinalspiel in Marseille weit entfernt. Ja, er schien sogar für einen Moment die Seiten gewechselt zu haben, als er sagte: „In München frage ich mich oft, ob ich ein Deutscher oder ein Franzose bin. Ich fühle mich hier wie ein Deutscher, als wäre ich hier geboren. In Frankreich dagegen herrschen nicht die besten Bedingungen für mich und meinen Fußball.“ Wieder einmal war der einstige Liebling der französischen Fußballfans in einem Stadion ausgebuht worden, in dem er sich einst wie zu Hause vorkam.
Einst, das war von 2005 bis 2007, als der Trickser und Tempodribbler im Stade Vélodrome noch für Olympique und im Stade de France für Frankreich wirbelte. Es war die Zeit, da er umjubelt wurde nach seinem grandiosen Einstand bei der Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, bei der Frankreich erst im Endspiel im Elfmeterschießen an Italien scheiterte. Nichts und niemand schien diesen Freigeist auf dem Platz, diesen Irrwisch am Ball, diesen künstlerisch wertvollen Draufgänger aufhalten zu können.
Vom Straßenarbeiter aus dem Städtchen Boulogne-sur-Mer zum Superstar seiner schönen neuen Welt: Alle Tore schienen diesem Individualisten mit dem großen Kämpferherzen sperrangelweit offenzustehen. Als der Mann mit der markanten Gesichtsnarbe - Folge eines Autounfalls, der den zweijährigen Franck für sein Leben zeichnete - im Sommer 2007 zum FC Bayern nach München wechselte, schwärmte der damalige Vereinspräsident Franz Beckenbauer von dem nur 1,70 Meter großen linken Flügelflitzer: „Als wir ihn verpflichtet haben, war das wie ein Hauptgewinn im Lotto.“
In Südafrika ist er der Rädelsführer der Revolte
Während der größte und reichste deutsche Klub sich auch dann schützend vor Ribéry stellte, wenn der mal wieder eine Torheit begangen hatte, erlosch die Liebe seiner Landsleute für den Nordfranzosen aus Frankreichs größter Fischereihafenstadt, Marseille. Die Spieler des WM-Zweiten von 2006 gewannen kein Spiel bei der Europameisterschaft 2008 und benahmen sich während der WM 2010 in Südafrika bei anhaltend chronischer Erfolglosigkeit auch noch schwer daneben. Dort verloren sie ihren Anstand, als sie während des Turniers gegen ihren kauzigen Trainer Raymond Domenech putschten und nach der Vorrunde heimreisten.
Ribéry war damals einer der Rädelsführer der Revolte von Knysna, wo die Franzosen in Südafrika logierten. Er bekam danach drei Spiele Sperre vom Französischen Fußball-Verband aufgebrummt und kehrte erst im März 2011, begnadigt vom neuen Cheftrainer Laurent Blanc, in die Équipe Tricolore zurück. Seine einstigen Anhänger aber hatten sich von Ribéry abgewendet - spätestens, als auch noch eine Affäre mit einer minderjährigen Prostituierten ruchbar wurde. Sie wollten dem gefallenen Volkshelden, der längst für seine Verirrungen um Entschuldigung gebeten hatte, nicht verzeihen. Aus dem Freund war ein Fremder geworden.
Blanc vertraut auf die Stärken Ribérys
Blanc aber hielt eisern an Ribéry fest, besuchte ihn ein paar Mal in München und machte dem sensiblen Hallodri Hoffnungen auf den Tag, da sich sein Schicksal wieder einmal wenden sollte - zum Positiven. „Das“, sagte Ribéry, „werde ich ihm nicht vergessen, er hat immer an mich geglaubt.“ Manchmal rauh, meistens herzlich, will dieser Franck Ribéry wie die meisten Menschen einfach nur geliebt werden.
In München haben sie ihn über all die wechselhaften Jahre stets gemocht. Auch deshalb hat der Franzose 2010 nach dem verlorenen Champions-League-Finale gegen Inter Mailand seinen Vertrag mit dem Rekordmeister um fünf Jahre bis 2016 verlängert. „Isch habe gemacht fünf Jahre mehr“, rief er den Fans vom Rathausbalkon in seinem damals noch schütteren Deutsch zu. Inzwischen kann der Deutschland-Liebhaber schon ganze Konversationen in seiner zweiten Heimatsprache führen; inzwischen ist er auch in Frankreich wieder gern gesehen.
Drei Testländerspiele vor der Reise zur EM in Polen und der Ukraine haben ihm zu neuem Ansehen bei den Anhängern der „Bleus“ verholfen. Ribéry kam, sah, siegte und traf: einmal beim 3:2 gegen Island, einmal beim 2:0 gegen Serbien, einmal beim 4:1 gegen Estland. Besser noch: Der vorher so verkrampfte Spieler, der alles gut machen wollte und dabei oft genug nur noch schlimmer gemacht hatte, entfaltete endlich wieder seine ganze Pracht und Spielkunst. Nun erlebte und genoss auch Frankreich wieder den wahren Ribéry, der sich dazu berufen fühlte, seiner Heimat frischen Ruhm bei der Europameisterschaft zu verschaffen.
“Ich bin kein Heiliger“, sagt Ribéry über sich selbst, „ich bin nicht gebildet, aber ich bin auch nicht dumm oder falsch.“ Auch als Star hat sich dieser muslimische Mann, der mit seiner Jugendliebe Wahiba verheiratet ist und drei Kinder hat, den rauhen Charme des Straßenfußballers bewahrt. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Er selbst sagt dazu: „Es ist verdammt schwer, nicht mehr das Recht zu haben, auch mal einen Fehler zu machen.“ Wer aber sein Fehlerkonto in Südafrika derart überzog, für den sind die Kreditlinien nun einmal eng begrenzt.