Erst vierzig Tage im Amt - und schon eine Sehenswürdigkeit. An den Klippen von Dover steht sie, die dreißig Meter hohe Statue von „Roy dem Erlöser“. Und soll noch auf der anderen, der französischen Seite des Kanals, rund 25 Kilometer entfernt, zu sehen sein.
Denn rechtzeitig vor dem englischen EM-Auftakt gegen Frankreich an diesem Montag (18.00 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) hat ein britisches Wettunternehmen dem neuen Nationaltrainer Roy Hodgson dieses Denkmal gesetzt. Es spiegelt die typisch britische Mischung aus Fußball-Fatalismus und Selbstironie.
Seit Jahrzehnten waren die Erwartungen der Engländer an ihr Nationalteam nicht so gering wie diesmal. Vielleicht ist gerade das die Chance. 2006, vor der WM in Deutschland, schwärmte man von der „goldenen Generation“ rund um Beckham & Co. Nun schreibt der „Guardian“, das Team für die EM 2012 sei das am wenigsten aufregende in Englands neuerer Geschichte.
Englands Kader fehlt, was Deutschland im Überfluss hat: Spieler im besten Fußballalter, immer noch jung, aber schon erfahren. Neben Steven Gerrard gilt das nur für Wayne Rooney, der aber wegen einer Roten Karte in der Qualifikation in den ersten beiden Spielen gesperrt ist. Die anderen im Team sind entweder dem Ende der Karriere schon nahe, wie John Terry oder Ashley Cole, oder stehen noch am Anfang.
Cahills Verletzung trifft Hodgson hart
Als wäre das nicht schon Problem genug, verletzten sich auch noch die erfahrenen Mittelfeldstrategen Frank Lampard und Gareth Barry und fielen für das Turnier aus. Dann musste Stürmer Jermaine Defoe die EM-Vorbereitung unterbrechen, um zur Beerdigung seines Vaters zu fliegen. Und im letzten EM-Testspiel gegen Belgien erlitt Verteidiger Gary Cahill einen Kieferbruch.
Diese Verletzung brachte Hodgson besonders in Nöte. Denn er hatte den Veteranen Rio Ferdinand nicht nominiert und holte das auch nach Cahills Ausfall nicht nach - allein aus „fußballerischen Gründen“, wie er betonte. Doch glaubt das kaum jemand in England.
Kelly wird nominiert - nicht Ferdinand
Denn Hodgson setzte trotz Formschwäche und trotz wiederholter Eskapaden auf John Terry als Abwehrchef. Weil aber Terry im vergangenen Jahr von Ferdinands Bruder Anton rassistischer Schmähungen beschuldigt wurde und deshalb nach der EM vor Gericht muss, wurde leicht nachvollziehbar, dass Hodgson nicht die alte Kombination Terry/Ferdinand wiederholen konnte, ohne persönliche Spannungen oder gar offene Konflikte in seiner Innenverteidigung zu riskieren.
So holte er als Ersatz für Cahill lieber den wenig bekannten Liverpooler Martin Kelly - und nicht Ferdinand, der sein ständiges Sticheln und Stänkern über „Twitter“ und andere Kanäle gegen den neuen Trainer seitdem noch verstärkt hat. In Anbetracht all dieser Problemzonen hat Hodgson, der weltgewandte 64-jährige Fußball-Gentleman, allerdings etwas Erstaunliches geschafft, was seinen Vorgängern Eriksson und Capello nicht gelungen war: Die Laune im Team ist besser als die Lage.
„Es sollte ein Höhepunkt im Leben sein“
Bei den letzten WM- oder EM-Expeditionen war es umgekehrt. „Nehmt das Turnier als Chance, nicht als Last“, verkündete der Gute-Laune-Roy seinem Team beim Eintreffen im Quartier in Krakau. „Wir sollten froh sein, Teil dieses wichtigen Turniers zu sein. Es sollte ein Höhepunkt im Leben sein.“
Er will die „Negativität“ vermeiden, „die von Mannschaften bei Turnieren ausstrahlt“. Anders als bei der WM 2010, als sich das Team in einem abgelegenen Luxus-Resort in der südafrikanischen Halbwüste langweilte und lustlos spielte, hat sich die englische Delegation nun mitten in Krakau, der schönsten und abwechslungsreichsten Stadt Polens, einquartiert. Dort mischt man sich sogar dann und wann unters Volk. Denn Hodgson legt Wert darauf, dass das Team „nicht im goldenen Käfig“ lebt, sondern „ein Teil der Welt da draußen“ bleibt.
Neuer Schwung und neue Stimmung
“Wir wollen die lokale Kultur kennenlernen“, sagt Joe Hart. Er begrüßt es, in der Altstadt Cafés und Shops besuchen zu können. Der junge Torwart von Manchester City, für Alex Ferguson, den Trainer des Lokalrivalen United, der „beste in England in den letzten zwanzig Jahren“, ist einer der jungen Generation - wie auch Verteidiger Phil Jones und die Stürmer Ashley Young und Danny Welbeck, alle von Manchester United, und der 18-jährige Alex Oxlade-Chamberlain, der neue Flügel-Star des FC Arsenal.
Alle haben sie plötzlich gute Chancen auf einen Platz in der Start-Elf. Und so könnte für sie und für England die EM die aus der Not geborene Chance bieten, neuen Schwung und neue Stimmung in ein seit Jahren unter den Erwartungen gebliebenes Team zu bringen.
Es muss ja nicht immer Fußball sein
Hart und einige andere junge Spieler nahmen auch an einem Besuch des Vernichtungslagers Auschwitz teil. Andere besuchten die frühere Fabrik von Oskar Schindler, dem deutschen Industriellen, der Tausende Juden rettete. Und sogar der Chauffeur des englischen Teams in Polen trägt zur Erweiterung des Horizonts bei.
Es ist einer der bekanntesten Dirigenten und Bandleader des Landes, Zygmunt Kukla, der in seiner Freizeit gern Bus fährt. Irgendein Hobby braucht halt jeder. Es muss ja nicht immer Fußball sein.