Man kann nie früh genug anfangen mit der Suche nach Erklärungen des Scheiterns. Am besten schon, bevor es eintritt. Routine darin besitzen die Engländer, und so haben sie auch als erster EM-Teilnehmer schon einen Schuldigen ihres noch ausstehenden Versagens gefunden.
Es ist der Turmbläser von Krakau. Seit Jahrhunderten trompetet er stündlich jede Stunde eine kleine Melodie, die einst vor den Tataren warnte, in alle vier Himmelsrichtungen. Angesichts des „ohrenbetäubenden Lärms“ befürchtete der „Daily Star“, dass die Spieler in ihrem nahen Hotel keine Nachtruhe fänden.
Der kroatische Trainer Slaven Bilic, der mit seinem EM-Team auf dem Land logiert, sieht Probleme eher in anderen Ablenkungen: „Ich vertraue meinen Spielern, aber ich würde es nicht wagen, sie mitten im Stadtzentrum einzuquartieren.“
Zwar hat auch das Landleben seine Tücken, wie die Ukrainer bei der WM 2006 feststellten, als sie sich von quakenden Fröschen um den Schlaf gebracht sahen.
Und sogar Mario Gomez leidet im ruhigen deutschen Quartier an der Ostsee derzeit manchmal unter nächtlichen Störungen: „Im Traum schieße ich manchmal aufs Tor. Dann zuckt auch schon mal das Bein.“
„Jede Viertelstunde ging die Glocke“
Doch letztlich ist man mit der Ländlichkeit im deutschen Fußball immer ganz gut gefahren, schon beim ersten großen Sieg 1954, im WM-Finale gegen die favorisierten Ungarn, die sich mitten in der lebendigen Barockstadt Solothurn gegenüber der St.-Ursen-Kathedrale eingemietet hatten.
„Jede Viertelstunde ging die Glocke, der Kirchturm hat gescheppert, an Ruhe nicht zu denken“, erzählte später vergnügt Albert Sing, der dem schlauen Sepp Herberger das Quartier im stillen Spiez besorgt hatte. Das Resultat ist bekannt: Den ausgeschlafenen Deutschen gelang das „Wunder von Bern“.