Die Fußball-Welt wird der Spanier langsam überdrüssig. Von Australien bis ins Vereinigte Königreich mokieren sich Kritiker über die Spielweise des Welt- und Europameisters. Sogar in der Heimat werden Stimmen laut, die fragen, ob bei dieser EM alles richtig laufe.
Tiki-Taka, das war einmal das Fußball-Abenteuerland, jetzt sei es die Heimat von Apparatschiks und Planwirtschaftlern. Ja, das ist so. Die Frage ist jedoch, ob das kühle 2:0 über Frankreich im Viertelfinale Ausdruck von Schwäche oder eine gewollte Weiterentwicklung des spanischen Kurzpassdauerprogramms ist.
Für beide Thesen gibt es Argumente. Die Spanier wirkten nicht frisch. Iniesta und Silva unterliefen Ballverluste und Fehlpässe in ungewohnter Zahl. Mit ganz wenigen Ausnahmen, wie in der Vorbereitung des Siegtreffers durch Jordi Alba, war kein Spanier in der Lage, seinem französischen Gegenspieler wegzulaufen.
Andererseits bestand für die Mannschaft von Trainer del Bosque nach der frühen Führung überhaupt keine Veranlassung, mehr Abenteuerlust zu entwickeln. Andere Teams ziehen sich zurück und lassen dann in der Hoffnung auf Konter den Gegner kommen.
Spanien ist anders, Spanien ist besser. Es verteidigt seinen Vorsprung 60, 70 Meter vor dem eigenen Tor - in Ballbesitz. Jeder Pass ist durchdacht. Aber nicht der Gedanke an den möglichen Torerfolg hat Priorität, sondern an den möglichen Ballverlust. Und wie er sofort kompensiert werden kann. Die Franzosen hatten zwischen der 60. und 70. Minute drei halbe Torchancen.
Glanzvolle Leistung glanzlos eingestuft
Wer darin ein Aufbruchsignal für eine Alles-oder-nichts-Schlussphase sah, unterlag einer optischen Täuschung. In den letzten zwanzig Minuten verirrte sich kein Franzose mehr in den spanischen Strafraum. Diese Tatsache ist nicht zu unterschätzen: Ein K.-o.-Spiel, eine Angriffsreihe mit Ribéry, Nasri, Giroud und Benzema, zwanzig Minuten Zeit für den Ausgleich - und kein Torschuss!
Del Bosque sprach deshalb von einer glanzvollen Leistung seiner Spieler, die andere als glanzlos eingestuft hatten. Der spanische Nationaltrainer sieht allerdings auch nicht den Unterhaltungsauftrag, den die internationale Fußballgemeinde an sein Team stellt, sondern den Ergebnisauftrag seiner Heimat. Das war auch schon bei der WM 2010 so.
„Du rennst dir die Zunge aus dem Hals“
Das wurde damals nur übersehen, weil die verwirrende, nicht immer zielorientierte, aber schön anzuschauende Kombinationsmaschinerie noch etwas Neues war. Wie kam denn der Titelgewinn zustande? Der höchste Vorrundensieg war ein 2:0 über Honduras, alle K.-o.-Spiele vom Achtelfinale bis zum Endspiel gewann Spanien 1:0. Schon damals legte die Defensive die Grundlage für den Erfolg. So gesehen war das 4:0 über Irland in dieser EM-Vorrunde ein Ausreißer nach oben.
Die Spanier sind nicht schwächer geworden, sondern noch reifer und noch schwerer zu treffen. Von den französischen Spielern machte sich kein einziger den kritischen Ansatz der Medien zu eigen. „Du rennst dir die Zunge aus dem Hals, ohne an den Ball zu kommen“, sagte Abwehrspieler Koscielny. Trainer Blanc meinte: „Wir haben alles getan, was wir konnten, es reichte nicht.“
Der Fußball-Gott korrigierte sich in Südafrika
Andererseits spielen die Spanier seit vier Jahren dasselbe Spiel. Zeit genug, um es zu entschlüsseln. Die Kroaten haben in der Vorrunde gezeigt, wie es geht - mit Mut zu eigenen Aktionen, mit Aggressivität und Selbstbewusstsein. Wer die Spanier in ihr Tiki-Taka-Land lässt, der hat verloren. Natürlich birgt ein offener Schlagabtausch nicht nur die Chance zum K.-o.-Sieg, sondern auch die Gefahr, k.o. zu gehen.
Aber mit einer Doppeldeckung hat seit der WM 2010 keine Mannschaft mehr einen Punktsieg über Spanien erzielt. Das war am ersten Vorrundenspieltag in Südafrika die Schweiz. Das Chancenverhältnis betrug damals 10:1 für Spanien, das Ergebnis konnte nur als Laune des Fußball-Gottes bezeichnet werden. Er korrigierte sich innerhalb von einer Woche. Die Schweiz schied in der Vorrunde aus.
Nachdem ich unlängst...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 25.06.2012, 14:45 Uhr
warum kritik?
Heinrich Schönemann (kleios56)
- 25.06.2012, 12:55 Uhr
Die Entschlüsselung erscheint doch noch ungenügend...
Thomas Seifert (Thomas_Seifert)
- 25.06.2012, 11:29 Uhr
Schnörkelloser Pragmatismus
michael hergen (cicero777)
- 25.06.2012, 10:23 Uhr
Tiki-Taka-System ist furchtbar langweilig
Roland Popp (Roteur)
- 25.06.2012, 10:20 Uhr