Cristiano Ronaldo kann machen, was er will. Er hat mit 17 schon Erstligatore für Sporting Lissabon erzielt, mit 18 Trainerlegende Ferguson so beeindruckt, dass dieser ihn für 17,5 Millionen Euro zu Manchester United holte, er hat mit 19 Portugal bei der Heim-EM vom Titel träumen lassen, er ist mit 24 für 94 Millionen Euro zu Real gewechselt und hat in dieser Saison, mit 27, sagenhafte 46 Meisterschaftstore für Mourinhos Mannschaft geschossen.
Aber selbst wenn er an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) die Spanier im Alleingang aus dem Turnier werfen sollte und mit seinen Toren im Finale am Sonntag Portugal zum Europameister kürte - außerhalb seines Heimatlandes wird ihm der Großteil der europäischen Fußballgemeinde den Respekt verweigern.
Ronaldo nervt, Ronaldo ist doof. Ja, zu diesem Urteil kann jeder kommen, der seine Schwierigkeiten mit eitlen Selbstdarstellern hat. Jede Strähne sorgsam gegelt, die Koteletten aufs Akkurateste getrimmt, die Hose sorgsam hochgekrempelt, wirkt der schöne Portugiese wie ein Pfau. Seine Spielweise entspricht dem äußeren Erscheinungsbild.
Der mehrfache Übersteiger, das breitbeinige, den Revolverhelden des Wilden Westens entlehnte Anvisieren des Balles vor dem Freistoß, die großen Gesten im Moment des Triumphes oder der Zerknirschung: Cristiano Ronaldo ist der extrovertierteste aller Fußballstars.
Hinter allem steckt bei Ronaldo harte Arbeit
Zu dem Warum sind schon genug küchenpsychologische Betrachtungen angestellt worden. Ob es nun stimmt, dass sein Narzissmus einen großen Minderwertigkeitskomplex spiegelt oder ein einziger Schrei nach Liebe ist oder keines von beidem: Ronaldos Art, Fußball zu spielen, ist Ausdruck seiner Persönlichkeit. Er versucht nicht, irgendeiner Starrolle gerecht zu werden oder einem Image, er ist absolut authentisch in dem, was er tut. Ihn dazu zu verdonnern, weniger spektakulär zu agieren, würde ihn seiner Stärke berauben.
Wenn es angesichts seiner Model-Attitüde auch leicht vergessen wird: Hinter all dem steckt harte Arbeit. Ronaldos wie gemeißelte Bauchmuskulatur kommt nicht von selbst, seine Schusstechnik mit rechts und links, seine Geschmeidigkeit, seine rastellihafte Ballbeherrschung eignete er sich in zahllosen Überstunden auf dem Trainingsplatz an.
Die Mitspieler können sich auf Ronaldo verlassen
Was all jenen, die ihn verhöhnen, zu denken geben sollte, ist die Beliebtheit Cristiano Ronaldos bei seinen Mannschaftskollegen. Özil nennt ihn einen Supertypen, lustig, hilfsbereit, kameradschaftlich. Niemand hat sich jemals öffentlich über ihn beklagt. Als der Star in den beiden ersten EM-Gruppenspielen nicht traf, sprangen ihm die Mitspieler bei und machten Kritiker mundtot.
Das taten sie nicht nur, weil Cristiano Ronaldo so ein lieber Kerl ist. Sie tun es, weil sie sich auf dem Spielfeld auf ihn verlassen können. Wenn er einen seiner dunkleren Tage erwischt, dann leidet er vor allem selbst, aber es geht nicht zu Lasten der anderen. Im Gegensatz zu einem Ibrahimovic erfüllt Cristiano Ronaldo immer zumindest seine taktischen Aufgaben im Mannschaftsspiel.
Den Respekt hat sich Cristiano Ronaldo verdient
Also, genießen wir seine Ballannahme mit dem Rücken oder der Schulter oder dem Po, erfreuen wir uns an seinen Flanken mit der Hacke, seinen Kunstschüssen mit dem Außenrist oder Vollspann und an seinen Slalomläufen. Durch das Gockelhafte an ihm werden die Leistungen nicht geringer. Niemand muss Cristiano Ronaldo lieben, den Respekt aller hat er sich verdient.
Underachiever
Benjamin Loeb (Tercero)
- 28.06.2012, 08:13 Uhr
Ein Genuss!
Can caner (Canazzo)
- 27.06.2012, 16:37 Uhr
Polarisierung
Marc Ritter (monacostenz)
- 27.06.2012, 15:44 Uhr
ronaldo ...
fridtjof scholz (fscholz1)
- 27.06.2012, 13:56 Uhr
In Cristiano Ronaldo...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 27.06.2012, 13:43 Uhr