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EM-Kommentar Hort der Rückständigkeit

 ·  Keine zwei Tage dauerte es, bis Platinis Loblied auf die beiden Torrichter ad absurdum geführt war. Seine Welt ist aus den Fugen geraten.

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© AFP Zu früh gefreut: Michel Platini

Für die Ukraine ist es eine Pointe, wie sie bitterer kaum sein könnte. Am 5. Juli, vier Tage nach dem Europameisterschafts-Finale, kommen die Regelhüter des Weltfußballs in Zürich zusammen und entscheiden darüber, ob Torlinientechnologien die Tür geöffnet werden soll.

Die Ungerechtigkeit vom Dienstagabend, als ein gestohlenes Tor die Chancen des Teams von Oleg Blochin auf ein Weiterkommen minimierte, wird dann vielleicht noch einmal als Anschauungsmaterial dienen - als Entscheidungshilfe aber wäre sie gar nicht mehr nötig gewesen.

Sowohl bei den Oberen des Weltverbands (Fifa) als auch im International Football Association Board (Ifab), das über die Regeln wacht, hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es höchste Zeit ist, den Schiedsrichtern bei der Frage aller Fragen technische Hilfe zuteil werden zu lassen.

Immerhin Blatters Augen öffneten sich

Tor oder nicht Tor, das ist nicht nur der Kern des Spiels, es ist zugleich auch eine binäre und deshalb trennscharf zu fällende Unterscheidung - anders als bei Foul- oder Abseits-Entscheidungen, denen immer ein Interpretationsspielraum innewohnt. Insofern ist es konsequent und richtig, dass Fifa und Ifab das Votum pro Torlinientechnologie nur noch an deren Zuverlässigkeit in der Praxis knüpfen, sie aber nicht mehr grundsätzlich in Frage stellen.

Warum nicht früher, das ist indes die Frage, die nicht nur die Ukrainer umtreibt und weiter umtreiben wird. Auch die diesmal begünstigten Engländer haben noch nicht vergessen, dass ein geraubtes Tor ihr WM-Achtelfinale vor zwei Jahren gegen Deutschland massiv beeinflusste.

Immerhin war es zugleich der Moment, der Joseph Blatter, dem Fifa-Präsidenten, die Augen öffnete. Er setzte das eigentlich schon zu Grabe getragene Thema wieder auf die Agenda und durfte sich bei dieser EM bestätigt fühlen. Torlinientechnologie sei nicht mehr bloß eine Alternative, sondern eine Notwendigkeit, ließ er am Mittwoch verlauten - per Twitter, als müsste er seine Fortschrittlichkeit auch noch in der Wahl der Kommunikationsmittel unter Beweis stellen.

Im Gegensatz zum europäischen Verband (Uefa) und dessen Chef Michel Platini sind Blatter und die Fifa damit jedoch tatsächlich ein Hort des Fortschritts. Platinis Ansatz, ganz auf die menschliche Wahrnehmung zu setzen, ist jedenfalls bei dieser EM so krachend gescheitert, wie es nur irgendwie ging. Keine zwei Tage dauerte es, bis sein Loblied auf die beiden zusätzlichen Torrichter, die nach Platinis Worten Fehlentscheidungen wie die von 2010 unmöglich machen sollten, ad absurdum geführt war.

So bleibt der Eindruck, dass in Platinis europäischer Fußballwelt doch einiges aus den Fugen geraten ist: Wenn einerseits Verstöße gegen die Werberichtlinien wie im Falle des Dänen Bendtner praktisch per Videobeweis verfolgt und geahndet werden, andererseits aber der ungeheure technische Apparat, der rund um den Fußball entstanden ist, ausgerechnet vor der entscheidenden Frage halt machen soll. Um was dreht sich das ganze Spektakel dann eigentlich?

Das Schöne am Fußball, so argumentieren die Technikgegner, sei doch, dass man so viel über ihn reden und auch streiten könne. Vielleicht sollten sie sich mal mit denjenigen unterhalten, denen durch eine vermeidbare Fehlentscheidung die sportliche Chance eines Lebens geraubt wurde.

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