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F.A.Z.-Interview mit Toni Kroos „Mit meiner Rolle bin ich nicht zufrieden“

 ·  Der offensive Mittelfeldspieler Toni Kroos ist in allen drei Vorrundenspielen der Deutschen eingewechselt worden. Ziel des 22 Jahre alten Bayern-Jungstars ist die Startelf. Im Training versucht er sich aufzudrängen.

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© dpa Stolzes Bankguthaben: Die deutschen Ersatzspieler um Mittelfeldstratege Toni Kroos (Mitte)

Wie weit dürfen Einwechselspieler gehen, wenn sie sportliche Einschätzungen zur eigenen Mannschaft abgeben oder öffentlich Ansprüche auf einen Stammplatz stellen - müssen Sie aufpassen, was Sie sagen?

Man muss immer aufpassen. In den Medien werden einem schnell sachliche Aussagen als Meckern ausgelegt. Das war auch nach dem Spiel gegen Holland bei mir so, als ich nur gesagt hatte, dass bei unserer Gesamtleistung noch etwas Luft nach oben ist. Das wird dann falsch interpretiert, so, als ob ich damit Druck machen wollte. Aber damit kann ich sehr gut umgehen, keine Sorge.

Können auch die Kollegen mit solchen Aussagen umgehen?

Der Bundestrainer hat ja schon gesagt, dass er in dieser Beziehung nicht empfindlich ist. Er will Spieler haben, die nicht zufrieden damit sind, wenn sie auf der Bank sitzen.

Wie zeigt man dem Trainer seine Unzufriedenheit im Training?

Bestimmt nicht mit schlechter Laune. Man versucht, sich aufzudrängen und vernünftig zu trainieren. Und das mache ich.

Fordern Sie jetzt einen Stammplatz ein?

Ich habe in der vergangenen Saison so gut wie alle Länderspiele in der Nationalmannschaft bestritten. Da ist es doch ganz normal, dass ich jetzt mit meiner Rolle nicht zufrieden bin. Nichts anderes will der Bundestrainer auch hören.

Der Kader ist stark wie nie - wie gehen Stammspieler und Ersatzspieler in diesem Konkurrenzkampf miteinander um?

Ganz anders, als sich das die Öffentlichkeit vielleicht vorstellt. Wir kommen wirklich alle hervorragend miteinander aus. Natürlich hat jeder den Anspruch auf einen Platz in der Startelf und versucht das im Training zu dokumentieren. Dass dann ab und an bei einem solch langen Turnier eine unzufriedene Stimme zu hören ist, muss man nicht überinterpretieren. Das ist normal.

Welche Chancen gibt es denn beim Training überhaupt, zu beweisen, dass man einen Tick besser ist als der Konkurrent - oder hängt der Einsatz viel mehr vom Spielertyp ab, der für das jeweilige Spiel gebraucht wird?

Das ist eine Mischung aus beiden Faktoren. Der Bundestrainer kennt die Stärken von uns allen. Die Aufstellungsfrage ist auch immer eine Frage des Spielertyps und wie gegen einen Gegner agiert werden soll. Trotzdem ist es natürlich wichtig, sich im Training fit zu halten für einen möglichen Einsatz.

Ist es für Sie ein Nachteil, dass derzeit das Defensivverhalten bei diesem Turnier großgeschrieben wird? Sie sind doch eher ein offensiverer Spielertyp, der auch mal ein Risiko im Angriff eingeht.

Das kann man so sehen. Aufgrund von Schwächen in der Mannschaft, die während der Vorbereitung auf dieses Turnier beim Defensivverhalten erkannt worden sind, fiel die Entscheidung des Bundestrainers, im Mittelfeld bei der EM etwas defensiver zu spielen.

Was ist für Sie noch drin bei der EM?

Man hat gesehen, dass der Bundestrainer mich in allen drei Spielen in der zweiten Halbzeit gebracht und mich auf der Rechnung hat. Es gibt im Laufe des Spiels immer die Möglichkeit, mit einem Wechsel schnell zu reagieren. Bei Führung muss jemand her, der Ballsicherheit reinbringt, im Fall des Rückstands geht es um zusätzlichen Schub aus dem Mittelfeld nach vorne. Beide Spielstände bieten für mich Möglichkeiten. Allerdings habe ich auch Einsätze in der Startelf noch nicht abgeschrieben.

Glauben Sie wirklich, dass Sie gegen Griechenland (Freitag, 20.45 Uhr/Live im FAZ.NET-Ticker) zur Startelf gehören?

Das weiß ich nicht, das müssen Sie den Bundestrainer fragen.

Die Griechen spielen jedenfalls äußerst defensiv.

Jede Mannschaft versucht, ihre Stärken einzubringen. Wenn die Griechen offensiv gegen uns spielen würden, hätten sie keine Chance. Deshalb werden sie defensiv agieren.

Wie bereiten Sie sich vor auf den Moment, wenn Sie für zwanzig Minuten reinkommen und dann sofort funktionieren müssen?

Ich bin sehr schwer aus der Ruhe zu bringen. Ich verfüge ja über die Ballsicherheit, die in solchen Fällen gefragt ist. Ich komme auf den Platz und fühle mich gleich sehr wohl. Vorher schaue ich, dass ich mich gut warm mache und dann das gebe, was ich kann.

Für Sie ist es nicht schwer, erst spät ins Spiel zu kommen, auch wenn die Partie auf der Kippe steht?

Es ist immer eine Frage der Einstellung. Ob man sich verrückt macht oder mit einer gewissen Ruhe spielt. Und die habe ich.

Würde es Ihnen reichen, wenn Sie bei dieser EM nur diese Rolle spielen würden und immer erst in der 60. oder 70. Minute aufs Feld kämen?

Reichen ist das falsche Wort.

Dann sagen Sie doch bitte das richtige Wort dafür.

Es ist auf der einen Seite natürlich nicht befriedigend. Aber wenn sich das hier bei uns so einspielt, wir bis zum Ende damit als Mannschaft erfolgreich sind und ich meinen Teil dazu beitragen kann, dann nehme ich das, wie es ist.

Der Bundestrainer hat immer betont, wie wichtig es ihm sei, dass die Spieler sehr vielseitig einsetzbar seien. Wir haben das gerade bei Lars Bender gesehen, der für den gesperrten Boateng auf der ungewohnten Abwehrposition spielte. Ist Flexibilität im Mittelfeld spielentscheidend?

Gerade das zentrale Mittelfeld ist heute ein enorm wichtiger Mannschaftsteil. Wenn man dort Übergewicht schafft und eine spielerische Überlegenheit bekommt, kann man Spiele gewinnen. Deshalb ist es wichtig zu wissen, dass ein „Sechser“ auch mal vorne auftaucht und ein „Zehner“ defensive Aufgaben übernehmen kann. Wenn diese Spieler gut funktionieren und unter ihnen ein Spielverständnis vorhanden ist, dann wird diese Mannschaft am Ende auch fast immer gewinnen. Ich habe ja auch schon bewiesen, wie vielseitig ich bin.

Viele Offensivspieler kommen bei dieser EM noch nicht so wie gewohnt zur Geltung. Warum ist das Defensivverhalten der Mannschaften bei dieser EM so ausgeprägt?

Insgesamt wird dieses Turnier tatsächlich noch nicht vom großen Offensivfußball geprägt. Es hat sich tatsächlich eingebürgert, das Hauptaugenmerk auf die Defensive zu legen. Bei der WM in Südafrika wurde viel mehr Wert auf die Offensive gelegt. Klar ist aber auch: Wenn wir Europameister werden wollen, müssen wir uns in der Offensive noch steigern.

Video: Nationalelf angriffslustig vor EM-Viertelfinale

Woran liegt es, dass im deutschen Team die Offensive noch nicht so in Gang gekommen ist?

Die gegnerischen Mannschaften machen es uns schwerer, weil sie vorsichtiger gegen uns taktieren. Wir wissen, dass wir noch flüssiger nach vorne spielen und mehr Präzision in unser Spiel reinbringen müssen. Dazu haben wir auch alle Möglichkeiten.

Sehen Sie nach der Gruppenphase eine Mannschaft, die stärker ist als das deutsche Team?

Ich halte von solchen Zwischenbilanzen nicht viel. Ich sehe nur, dass sich fast alle Favoriten bisher durchgesetzt haben. In der K.-o.-Runde muss man nun abwarten, wer sich wirklich durchsetzt. Man könnte nach unserer Punktzahl in der Gruppe sagen, dass wir die beste Mannschaft haben. Aber diese Erkenntnis bringt uns jetzt leider herzlich wenig.

Fängt das Turnier mit dem Viertelfinale noch mal ganz von vorne an?

Ja, ich denke schon. Jetzt zählen Tagesform und die Fähigkeit, die Leistung auf den Punkt hin abrufen zu können. Wir haben gezeigt, dass wir das können. Nicht nur bei der Nationalmannschaft, sondern auch als großer Bayern-Block haben wir im Verein bewiesen, dass wir in den wichtigen Spielen der Champions League auf den Punkt gute Leistungen zeigen können.

Wissen Sie, wie viele Pflichtspiele die Nationalmannschaft am Stück gewonnen hat?

Keine Ahnung.

14 - die letzte Niederlage war gegen Spanien im WM-Halbfinale vor zwei Jahren. Was sagt Ihnen eine solche Serie?

Nicht viel. Die wird uns in den K.-o.-Spielen jedenfalls nicht weiterhelfen.

Werden dann vielleicht wenigstens die Mannschaften von den Viertelfinals an offensiver spielen, mal abgesehen von den Griechen?

Gerade in den K.o.-Spielen geht es für alle Mannschaften darum, erst mal kein Tor zu bekommen - um dann vorne irgendwann den Treffer zu setzen. Das wird immer so sein.

Das Gespräch führten Michael Ashelm und Michael Horeni.

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