Home
http://www.faz.net/-hgo-70n9u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Thomas Müller im Gespräch „Wir brauchen nicht alles schönreden“

 ·  Thomas Müller war als Torschützenkönig die Überraschung der WM 2010. Vor dem EM-Spiel gegen Dänemark spricht er im F.A.Z.-Interview über das Spiel am Sonntag, seine Rolle in der Nationalelf und die zweiten Plätze mit den Bayern.

Artikel Bilder (4) Bildergalerie Video (3) Lesermeinungen (1)
© dpa Kompetenter Ansprechpartner: Thomas Müller im verbalen Austausch mit dem Niederländer Wesley Snijder

Thomas Müller war als erfolgreichster Torschütze die große Entdeckung der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Die Entwicklung in der Nationalmannschaft ist seitdem rasant weitergegangen.

Können Sie sich vorstellen, dass die EM am Sonntag (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) für Deutschland vorbei ist?

Nein, das ist ein ziemlich surrealer Gedanke. Das kann ich mir nach zwei solchen Auftaktspielen nicht vorstellen. Natürlich wissen wir, dass es theoretisch möglich wäre - aber davon gehen wir wirklich nicht aus.

0:1 gegen Dänemark - das kann es dann schon gewesen sein.

Ja, klar. Aber wir haben es selbst in der Hand. Wenn wir Holland und Portugal schlagen können, traue ich uns den einen Punkt gegen Dänemark schon noch zu, den wir dazu noch brauchen. Aber klar ist auch: Bei aller Zuversicht werden wir Dänemark nicht unterschätzen.

Bierhoff: „Letztes Fünkchen Kaltschnäuzigkeit“

Wie unterscheidet sich diese letzte Aufgabe in der Gruppe B von der Herangehensweise an die beiden ersten Spiele?

Wir müssen uns gegen die Dänen zerreißen und sehr konzentriert zu Werke gehen. Ich will da nicht verlieren und dann auf das Ergebnis des anderen Spiels zwischen Portugal und Holland hoffen müssen. Wir müssen einfach den dritten Sieg im dritten Spiel fix machen.

Wenn Sie den WM-Torschützenkönig Thomas Müller mit dem Thomas Müller der EM 2012 vergleichen - wie haben Sie sich verändert?

Optisch meinen Sie?

Sie sind natürlich schöner geworden.

Das will ich auch meinen.

Und sonst?

Ich bin auf jeden Fall zwei Jahre älter geworden und habe in dieser Zeit viel erlebt. Natürlich geht man souveräner mit gewissen Situationen um. Vom Spiel her ist da gar nicht so ein großer Unterschied. Ich habe 2010 nicht erwartet, dass ich WM-Torschützenkönig werde. Erstens, weil ich Mittelfeldspieler bin und es allein deshalb Wahnsinn ist, dass man fünf Tore macht. Zweitens sind die Spiele bei der EM sehr eng, wir haben als Mannschaft in zwei Partien gerade mal drei Tore erzielt. Das haben wir bei der Weltmeisterschaft schon in einem Spiel geschafft - zum Auftakt gegen Australien waren es sogar vier. Natürlich klingt eine WM für den Fan schwerer und herausfordernder, aber im Grunde hat man in der Gruppenphase Spiele, die vom Niveau her nicht zu vergleichen sind mit den ersten Spielen bei einer EM. Bei der EM sind alle unsere Gruppenspiele schwerer als bei der WM.

Wie hat sich dadurch die Interpretation Ihrer Position verändert?

Die hat sich gar nicht grundlegend verändert, der Bundestrainer stellt da schon immer die gleichen Anforderungen. Ich versuche, sie bestmöglich zu erfüllen.

Spielen Sie jetzt nicht defensiver?

Das liegt an den Gegnern - wie jetzt Portugal und Holland. So wie jetzt bei der EM haben wir auch schon bei der WM gegen England und Argentinien agiert. Der Unterschied zu heute ist allerdings, dass diese beiden Gegner bei der WM sehr unvorsichtig gegen uns vorgegangen sind. Das passiert den Teams heute nicht mehr - sonst wäre ich vielleicht auch mal vor deren Tor aufgetaucht und hätte einen Ball reingeschoben.

Ist Ihre Spielweise symptomatisch für das veränderte Spiel der Mannschaft - reifer, ruhiger, sicherer?

Es liegt ein Reifeprozess hinter uns. Wir sind uns bewusst, was in den wichtigen Spielen gefragt ist. Und dass solche Spitzenspiele nicht 4:3 ausgehen, hat auch meistens einen Grund - nämlich, dass beide Mannschaften Respekt voreinander haben und um die Stärken des Gegners wissen. Da wird halt kein Hauruckfußball mehr gespielt.

Macht der Fußball 2012 weniger Spaß als 2010?

Von außen betrachtet ist das vielleicht so. Aber für uns Spieler sind solche engen, knappen Spiele eine Freude. Natürlich macht es mehr Spaß, wenn du 5:0 gewinnst und davon vier Tore super herausgespielte Traumtore sind. Aber das ist auf diesem Niveau nicht zu realisieren.

Bastian Schweinsteiger betont, dass bei jeder Offensivaktion auch gleich die Defensive mitgedacht wird. Seit wann hat das Team dies verinnerlicht?

Im Vorfeld des Turniers wurde unsere Defensive gerade nach dem Schweiz-Spiel schwer in Frage gestellt. Da musste dann natürlich eine Neuabstimmung mit Hilfe aller Spieler stattfinden. Das haben wir in den ersten Spielen umgesetzt, darauf müssen wir aufbauen.

War das also mehr eine geplante Entscheidung nur für das Turnier - weniger eine evolutionäre Entwicklung der Mannschaft?

Ja, das wurde so vom Bundestrainer vorgegeben. Dass wir zum Beispiel auf den Außenbahnen, wo ich mich bewege, unsere Außenverteidiger unterstützen und die Offensiven auch sehr stark nach hinten arbeiten müssen. Natürlich ist da offensiv Luft nach oben, gegen Portugal war es noch sehr schleppend. Da waren wir selbst mit uns nicht zufrieden. Wir brauchen jetzt nicht alles schönreden. Nach vorne ist mit unserem Potential mehr drin.

Schauen Sie im Spielplan schon in Richtung Viertel- und Halbfinale?

So weit schauen wir nicht nach vorne. Wir wissen schon, dass wir noch ausscheiden können. Aber wir wollen auf jeden Fall Gruppenerster werden, weil wir dann beim Viertelfinale in Danzig bleiben können und ein mögliches Halbfinale dazu im nicht so weit entfernten Warschau stattfände. Dafür lohnt es sich zu kämpfen. Deshalb wird es auch kein Abwarten gegen Dänemark geben. Da müssen wir voll drauf gehen.

Welche Mannschaft hat Sie bisher beeindruckt in diesem Turnier?

Ich finde Italien sehr gefährlich. Frankreich habe ich auch auf dem Zettel. Und dann gibt es da noch die üblichen Verdächtigen.

Wen denn?

Spanien natürlich, vielleicht England. Auch in unserer Gruppe wird noch eine zweite Mannschaft weiterkommen, die Qualität hat.

Wie unterscheidet sich Ihr Spiel bei der EM von Ihrem Bayern-Spiel?

Das ganze Spiel bei den Bayern ist anders. Da haben wir viel mehr Ballbesitz, das sind Bundesligaspiele, die einen anderen Charakter haben als Partien gegen Holland oder Portugal.

Wir haben den Eindruck: Die Nationalmannschaft hat mit Joachim Löw einen Trainer, der die Mannschaft, die Spieler und die Taktik stetig entwickelt. Stimmen Sie zu?

Absolut. Wir sind gefestigter, wissen besser, was wir in verschiedenen Situationen auf dem Platz machen müssen. Wir haben mehr Optionen im ganzen Kader mit vielen Topspielern, die Erfrischung reinbringen können. Wir sind sehr breit aufgestellt, alles ist schneller und jünger geworden.

Uns scheint, dass diese kontinuierliche Entwicklung den Bayern fehlt.

So kann man das sehen.

Und wie sehen Sie es?

Es ist schon so, dass wir bei den Bayern in den vergangenen zwei Jahren keinen Titel gewonnen haben. Da müssen wir uns natürlich hinterfragen. Wieso, weshalb? Bei zwei titellosen Jahren kann man nicht behaupten, dass sich da etwas weiterentwickelt hat.

Das Spiel in Bildern: Die Gomez-Show

In Pressekonferenzen fragen ganz viele ausländische Beobachter, wie es sein kann, dass eine Mannschaft mit sieben Bayern-Spielern bei der EM so beeindruckt, aber in Deutschland nichts gewonnen hat. Können Sie es erklären?

Man darf nicht vergessen, dass diese sieben Bayern-Spieler im Champions-League-Finale waren und die meisten Spieler bei der EM stellen. Da muss man die Kirche im Dorf lassen.

Man kann es ja auch umgekehrt sehen: Wenn die Bayern-Spieler schon so gut sind, ist es noch verwunderlicher, dass im Verein die Titel ausbleiben.

Wer das Champions-League-Finale gesehen hat, muss ja auch sagen, dass es sehr verwunderlich war, dass wir Chelsea nicht besiegen konnten.

Sie wurden von Trainer Jupp Heynckes nach Ihrem Treffer ausgewechselt. Hätten Sie gerne durchgespielt?

Das war ein sehr guter Wechsel, ich war platt in der 87. Minute, wir hatten das Spiel im Griff und bringen noch mal einen Abwehrspieler, der kopfballstark ist. Eigentlich habe ich den Wechsel positiv beurteilt.

Wir hätten Sie im Spiel gelassen . . .

Im Nachhinein hätte ich mich auch drinnen gelassen. Aber so ist der Fußball. Da passieren Dinge, die kann man nicht erklären.

FAZ.NET-Torvideo: Gomez‘ Wende zum Guten

Sie sprachen eben vom Hinterfragen: Beim Pokalfinale und im Halbfinale der Champions League saßen Sie nur auf der Ersatzbank - welcher Idee mussten Sie sich denn da unterordnen?

Der Trainer hat das so entschieden. Das waren für mich natürlich keine schönen Situationen, aber ich musste damit umgehen. Damit ist es gut.

Sind die Bayern-Spieler für Deutschland besser als bei Bayern?

Im Moment sind wir ja noch nicht Vize-Europameister - und damit sind wir mit der Nationalmannschaft derzeit noch schwächer. Aber im Ernst: Mit den letzten Erfahrungen im Verein und den drei verpassten Titeln muss man schon sagen, dass wir Spieler vom FC Bayern in der Nationalmannschaft derzeit besser aussehen.

Kann man dieses Mal sagen, dass die Deutschen dran sind mit dem Titel?

Man könnte es so formulieren. Aber gerade wir Bayern wissen, wie es laufen kann. Wir haben jetzt gelernt, dass man den Sack früher zumachen muss.

Bastian Schweinsteiger: „Ich war geschockt“

Das Gespräch führten Michael Ashelm und Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Im Namen des Volkes

Von Michael Reinsch

Aus der Zeit des Siegens um jeden Preis sind an Leib und Seele geschädigte ehemalige Sportler übriggeblieben. Um ihnen das Leben zu erleichtern, fordert der Doping-Opfer-Hilfeverein eine kleine Rente. Eine einzige Politikerin unterstützte den Antrag. Mehr

Ergebnisse, Tabellen und Statistik