Home
http://www.faz.net/-hgo-70spr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Scouting-Experte im Gespräch „Griechen haben uns ein dickes Ei ins Nest gelegt“

 ·  Professor Jürgen Buschmann analysiert mit Studenten die deutschen EM-Gegner. Im F.A.Z.-Interview spricht er über den Überraschungsgegner Griechenland, den berühmten Lehmann-Zettel und seinen EM-Favoriten.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (1)
© dpa Schoss Griechenland ins Viertelfinale: Karagounis, der gegen Deutschland gesperrt fehlt

Professor Jürgen Buschmann leitet an der Sporthochschule in Köln ein Scouting-Projekt des DFB. Mit seinen Studenten analysiert er Spiele und Teamgeist potentieller deutscher Gegner. Das Dossier für Jogi Löw kann schonmal 800 Seiten umfassen.

Griechenland steht im Viertelfinale (20.45 Uhr/Live im FAZ.NET-Ticker) dieser EM, und die meisten Fußballfans sind überrascht - Sie und Ihre Mitarbeiter als Experten wahrscheinlich nicht, oder?

Doch, da haben uns die Griechen ein dickes Ei ins Nest gelegt. Ich hatte nach der Auslosung Anfang Dezember die fünfzehn Mannschaften in A- und B-Teams eingeteilt. Zu den A-Teams, die wir besonders gründlich analysierten, gehörten unsere Vorrunden-Gegner und die potentiellen Gegner im Viertelfinale, zu denen wir aber nur Polen, Tschechien und Russland gezählt haben. Jetzt mussten wir ein paar Nachtschichten einlegen. Montagmittag war Deadline, bis dahin mussten wir unsere Auswertung der griechischen Mannschaft an Jogi Löw (Bundestrainer) und sein Trainerteam mit denselben umfangreichen Informationen wie bisher liefern.

Es heißt, so ein Gegner-Dossier umfasse bis zu 800 Seiten.

Das ist das absolute Maximum. In der Regel sind es 300 bis 500 Seiten. Nehmen wir das Beispiel Portugal, den ersten Gegner bei der EM: Da haben wir zehn DVDs mit den jeweils wichtigsten fünf Qualifikations- und Freundschaftsspielen analysiert. Zunächst erfolgte eine quantitative Auflistung. Jeder Ballkontakt, das sind pro Partie 1500 bis 2000 Aktionen, wird festgehalten. Um die grundlegenden taktischen und technischen Aspekte des Spiels zu betrachten, erfolgt eine qualitative Analyse: Wie ist der Spielaufbau, gibt es bestimmte Muster, wie verhält sich eine Mannschaft nach Rückstand? Aber es geht auch um die Stärken und Schwächen von einzelnen Spielern im Persönlichkeitsbereich oder die Frage, mit welchen Erwartungen der eigenen Fans die Mannschaft zur EM fährt. Dafür analysieren wir die Medienberichte in den jeweiligen Ländern.

Hatten Sie damit gerechnet, dass die als spielstark geltenden Portugiesen gegen Deutschland so defensiv beginnen.

Ja. Es ist alles so eingetreten, wie wir es erwartet hatten, nicht nur im Portugal-Spiel, sondern auch in den Partien gegen Holland und gegen Dänemark. Bei den Niederländern hatten wir viele Schwächen erkannt, vom Abwehrverhalten bis zum mangelhaften Teamgeist. Das einzige, was mich wirklich überrascht hat, war die Tatsache, dass die deutsche Mannschaft gegen Portugal am Ende körperlich, aber auch geistig nachgelassen hat.

Welchen Anteil hat Ihr Team am bisherigen Erfolg der deutschen Mannschaft?

Man kann nicht sagen, wir in Köln sind zu fünf Prozent an einem Sieg beteiligt. Das wäre Blödsinn. Wir gewinnen keine Spiele, sondern leisten einen kleinen Beitrag dazu. Die Arbeit einer Scouting-Abteilung wird umso wichtiger, je höher und ausgeglichener das Niveau ist. Da kann die eine oder andere Kleinigkeit den Unterschied ausmachen. Wir helfen dem Trainerstab, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Haben die anderen EM-Teilnehmer einen ähnlich starken Scouting-Apparat im Rücken?

Nein, in aller Bescheidenheit möchte ich behaupten, dass wir eines der besten Systeme haben. Niemand arbeitet so fundiert und wissenschaftlich. Dabei ist das Ganze aus einem Zufall heraus entstanden. Angefangen hat alles 2005, als Jürgen Klinsmann, Jogi Löw und DFB-Pressesprecher Uli Voigt vor einem Freundschaftsspiel in Rotterdam zusammensaßen und feststellten, dass der DFB gar nicht so viele Trainer beschäftigte, um die anderen 31 qualifizierten Teams wirklich gründlich analysieren zu können. Da meinte Uli Voigt, er habe einen guten Freund an der Uni, der könne vielleicht weiterhelfen. Und das war ich. Für die WM 2006 haben wir noch mit 16 Studenten 31 Mannschaften durchleuchtet. Jetzt bei der EM 2012 sind es 45 Studenten für 15 Teams. Die Sache hat sich stetig weiterentwickelt. Ohne Jürgen Klinsmann wären wir aber sicher nicht so weit.

2006 im WM-Viertelfinale gegen Argentinien feierte die Scouting-Abteilung ihren ersten großen Erfolg.

Die Sache mit dem Lehmann-Zettel, das war natürlich spektakulär. Aber wir haben den Zettel nicht geschrieben, das war schon Andreas Köpke und es war auch seine Idee. Aber die Ergebnisse, wo die Schützen ihre Elfmeter hinschießen, waren von uns.

Was musste man mitbringen, um in Ihr Analyse-Team für diese Europameisterschaft aufgenommen zu werden?

Man sollte schon im mittleren oder höheren Amateurbereich selbst spielen oder gespielt haben. Erfahrungen als Jugendtrainer waren von großem Vorteil. Da blieben dann 60 bis 70 Bewerber übrig, die eine Schulung bekommen haben, sich in die Software einarbeiten und 100 Seiten Fachvokabular auswendig lernen mussten. Wir können mit dem Ausdruck „Zweikampf“ nichts anfangen, das ist zu ungenau. Wir sprechen zum Beispiel vom Unterbinden eines gegnerüberwindenden Dribblings oder einer passverhindernden Aktion. Nach dem anschließenden Eignungstest, bei dem jeder Aspirant ein Spiel analysieren und schriftlich auswerten sollte, haben wir dann 50 Leute genommen, wobei ein paar von denen nicht immer ganz zuverlässig waren, so dass wir am Ende einen Stamm von 45 Mitarbeitern hatten.

 Klingt nach hartem Ausleseverfahren.

Ist es auch. Und es ist auch harte Arbeit, was die Jungs und Mädels leisten - wir haben auch zwei Frauen in unseren Reihen. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass wir alle zusammen ein Spiel anschauen, dabei ein Bierchen trinken und nebenbei ein bisschen analysieren. Dahinter steckt wissenschaftliches Arbeiten. Wir haben das mal zusammengerechnet. Wenn einer allein das alles gemacht hätte, wäre er in der Zeitspanne von Weihnachten bis vor der EM auf 1,4 Arbeitsjahre gekommen.

Wird der Einsatz entsprechend entlohnt?

Ich denke, es geht unseren Studenten nicht ums Geld. Sie freuen sich darüber, so praxisnah forschen zu können. Es gibt kleinere Zuwendungen, zum Beispiel ein Auswärtstrikot, falls gewünscht mit Unterschriften der Spieler. Und wenn Hansi Flick und Urs Siegenthaler da waren, ging das Essen immer auf die Rechnung des DFB. Aber das Wichtigste ist das Arbeitszeugnis, das am Ende ausgehändigt wird - mit der Unterschrift von Jogi Löw. Das ist mehr wert als 500 Euro.

Wer wird Europameister?

Deutschland und Spanien werden im Endspiel stehen. Und ich gehe davon aus, dass wir nicht ein drittes Mal gegen Spanien verlieren.

Das Gespräch führte Roland Wiedemann.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahre des Versagens

Von Paul Ingendaay

Die Zeit von José Mourinho bei Real Madrid ist abgelaufen. Der unbequeme Trainer ist aber nicht der einzige Grund für die Misere des Klubs. Präsident Pérez regiert mit beispielloser Ahnungslosigkeit. Mehr 1 5

Ergebnisse, Tabellen und Statistik