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Sami Khedira Vom Schäferhund zum Leitwolf

 ·  José Mourinho und Joachim Löw schätzen die unauffällige Art von Sami Khedira: Der Mittelfeldspieler glänzt nicht offenkundig, aber er hilft anderen zu brillieren.

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© AFP Unaufhaltsam: Schwungrad Khedira

José Mourinho und Joachim Löw sind sich am Samstag im Stadion von Lemberg über den Weg gelaufen. Der portugiesische Trainer von Real Madrid gratulierte dem deutschen Nationaltrainer dabei artig zum Sieg über sein Heimatland, auch wenn ihm die Niederlage ein bisschen weh tat. Aber ein wenig ist er daran auch selbst schuld.

„Wir schätzen uns sehr - und wir sind uns zu gegenseitigem Dank verpflichtet, wir spielen zusammen Doppelpass“, sagte der Bundestrainer später über seine guten und ständigen Beziehungen zum Real-Trainer. Und das war dann doch ein bisschen überraschend - zu erfahren, wie „The special One“ und die deutsche Nummer eins unter den Trainern über die Grenzen hinweg schon lange ganz still und heimlich gegenseitig ihr sportliches Kapital mehren.

Löw und Mourinho spielen nämlich immer dann Trainer-Doppelpass, wenn es darum geht, Sami Khedira und Mesut Özil am effektivsten durch die Saison zu begleiten. So schont Mourinho mal die beiden Nationalspieler in Madrid, wenn Löw darum bittet, weil es für die Nationalelf wichtig ist - und wenn der Portugiese wiederum den Bundestrainer um Unterstützung bittet, weil es für Real wichtig ist, dann gewährt Löw den Auslandsprofis eine Pause im deutschen Trikot. Der Doppelpass hat sich für alle ausgezahlt, zumal Mourinho „die beiden Spieler in Madrid weitergebracht hat“, wie Löw zufrieden feststellt. „Sie sind dort noch stärker geworden.“

Khedira ist - nicht zuletzt im Vergleich mit Özil - ein Spieler für den zweiten Blick, das zeigt sich sowohl in Madrid als auch in der Nationalmannschaft. Bei Real fragten sich die Journalisten vor allem in der ersten Saison, was Mourinho bloß an diesem destruktiven Deutschen findet, der doch überhaupt keinen Glanz nach Madrid bringe.

Ein Spieler für Plan A

Der „deutsche Schäferhund“, für den sie ihn hielten, erschien ihnen zunächst nicht würdig für den Rasen von Real. Diese Ansicht über Khedira hat sich gründlich geändert, die Fußballästheten verstehen und akzeptieren spätestens nach dem Titelgewinn weit besser, dass es auch Kraft und Verlässlichkeit in einem Team braucht, um Kreativität zu erzeugen und zu schützen. Khedira ist der Mann dafür, bei Mourinho, aber auch bei Löw.

„Sie gehören zu den besten Trainern der Welt“, sagte Khedira unlängst im „Kicker“ über seine beiden Vorgesetzten, die ihn so schätzen, „und sie suchen ihre Leute nach bestimmten Kriterien aus. Es gibt Spieler, die aufgrund ihrer außergewöhnlichen Klasse Tore erzielen und Spiele entscheiden können.

Und es gibt Spieler, auf die sich der Trainer verlassen können muss. Ich glaube, es ist für jeden Trainer beruhigend, wenn er weiß: Wenn ich diesem Spieler Plan A mit auf den Weg gebe, dann setzt er diesen Plan auch um.“ Dass Khedira der Mann für den Plan A ist, versteht sich.

„Er ist ein Spieler, der auf dem Platz nur augenscheinlich nicht so dominant wirkt wie manch anderer“, sagte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff nach dem deutschen Auftaktsieg über den Partner von Bastian Schweinsteiger im defensiven Mittelfeld. Bierhoff gerät regelrecht ins Schwärmen über die keineswegs spektakulären, aber spielentscheidenden Qualitäten des früheren Stuttgarters. „Sami macht viele Kilometer und ist unglaublich präsent. Er hat eine gute Art, die Mannschaft zu führen. Er gibt ruhig Hinweise, er hat keine hektische Gestik, aber vor allem: er marschiert vorne weg. Er ist ein sehr wichtiger Spieler für uns, das wird er auch bei der Europameisterschaft zeigen. Davon bin ich überzeugt.“

Die hohe Meinung in der Nationalelf über Khedira hat auch mit seiner Rolle jenseits des Platzes zu tun. Wenn es heute noch den Begriff Leitwolf gäbe, dann gehörte Khedira dazu. Das ahnt man eher äußerlich, wenn man ihn zuletzt bei der Formel 1 mit Sonnenbrille und ausgeschnittenem T-Shirt in Monte Carlo sah - und wenn nun bei der EM auch seine Verlobte ganz auffällig ins Bild rückt, das erste von nun schon so vielen „Germany’s next Topmodels“.

Der Kontrast zum Glitzer-Image, das gerade in den Medien entsteht, und seiner ganz geerdeten Rolle, die er auf dem Platz und im Quartier übernimmt, ist jedenfalls erstaunlich. „Er war schon bei der U 21, die 2009 Europameister wurde, der Kapitän und hat eine Führungsrolle übernommen“, sagt Bierhoff. „Madrid hat ihm noch mal einen Schub gegeben, er ist auch als Persönlichkeit gewachsen. Seine Meinung zählt bei uns.“

„Ab jetzt gilt: Alles oder nichts“

Nach dem Sieg gegen Portugal traf auch Khedira seinen Trainer aus Madrid. Der sagte gleich, dass für ihn nicht der offiziell von der Uefa als „Man of the Match“ ausgezeichnete Özil die prägende Figur gewesen sei, sondern Khedira. „Die Portugiesen haben sehr tief gestanden. Das ist eigentlich nicht ihr Spiel. Aber das zeigt schon ein bisschen die Ausrichtung, wie die Mannschaften gegen uns bei diesem Turnier spielen werden. Sie wissen, dass wir sehr schnell nach vorne spielen können und ein gutes Kombinationsspiel haben“, sagt Khedira vor dem Duell gegen die Niederländer. „Bei unserem Auftakt war alles ein bisschen vorsichtiger“, sagt er angesichts der Furcht, dass man bei einer Niederlage „schon fast raus ist aus dem Turnier. Aber ab jetzt gilt: alles oder nichts.“

Mourinho forderte seinen Liebling für Schwerstarbeit in Lemberg dazu auf, nun bitte schön auch die Niederländer zu schlagen, damit seine Portugiesen auch noch das Viertelfinale erreichen können. Khedira versprach, sein Bestes zu geben, aber das wusste Mourinho wohl ohnehin. Und Löw auch.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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