Daniele de Rossi, der kämpferische Römer, beschreibt seinen ersten Job als Mittelfeldspieler in einer Partie mit Italien so: „Mein Revier abstecken.“ Sami Khedira muss das nicht mehr, sein Revier ist der ganze Platz.
Oder vielleicht, wenn man es genaunimmt, nicht das ganze 7140-Quadratmeter-Rechteck; aber doch eine gewaltige Ellipse, bei der nur die Fünfmeterräume ausgespart sind und die Zone an den vier Ecken des Feldes. Kein anderer Spieler der EM zeigt in einem solch großen Revier eine solche Präsenz wie Khedira, der beim 4:2-Viertelfinalsieg gegen Griechenland der beste Spieler auf dem Platz war, dem ganzen. Und mehr als das: der Chef im deutschen Team.
“Dynamisch, sehr präsent, er ist eine wirkliche Führungspersönlichkeit geworden“, sagt Bundestrainer Joachim Löw über den Sohn einer Schwäbin und eines Tunesiers. Bei der WM 2010 in Südafrika glänzte Khedira schon mit seinem Arbeitspensum und seinen überraschenden Vorstößen, wirkte dabei aber manchmal noch zu ungestüm, zu unsicher bei der Einschätzung, wann er die defensive Position gefahrlos verlassen konnte.
Doch die vergangenen beiden Jahre unter dem Trainer-Perfektionisten José Mourinho im Star-Ensemble von Real Madrid haben Khediras Gespür für den im Spiel stetig fließenden Wandel von Raumaufteilung und Rollenverteilung traumwandlerisch sicher gemacht. Er sei nun der Typ Mittelfeldspieler, sagt Löw, „der seine Position verlässt, nach vorne geht, Druck macht, im Sechzehner auftaucht, aber hinten seine Position immer hält“.
Vielleicht ist er dabei zu einem ganz neuen Typ von Mittelfeldspieler geworden, bei dem man gar nicht mehr weiß, ob man ihn nun als offensiven oder defensiven Mittelfeldspieler kategorisieren soll. Khedira ist irgendwie beides. Er ist kein Mittelfeldspieler mehr. Er ist ein Ganzfeldspieler.
Kapitän Philipp Lahm sagt über ihn und den Real-Kollegen Mesut Özil: „Beide sind bei Real gereift, haben eine sensationelle Entwicklung genommen. Das hilft der Mannschaft sehr.“ Während aber der schmale, leichtfüßige Özil oft kaum zu sehen ist, weil er wie mit einer Tarnkappe Gegnern entwischt, ist Khedira zur auffälligsten, zur präsentesten Figur im deutschen Team geworden - zumindest solange Bastian Schweinsteiger noch die alte Frische und Sicherheit sucht.
Gegen Griechenland war Khedira der Mann, der die Führung übernahm - und das sogar ganz wörtlich. Nachdem die deutsche Elf die scheinbar sichere Kontrolle des Spiels durch den Ausgleich von Samaras kurz nach der Pause hergegeben hatte, übernahm es nur sechs Minuten später Khedira persönlich, das zu korrigieren. Vom Rand des griechischen Strafraums startete er bei Boatengs Flanke, mit dem Gespür dafür, dass Klose sie mit dem Kopf nicht ganz erreichen würde, und wuchtete den Ball mit dem rechten Fuß volley unter die Latte.
“Es ist immer sehr gefährlich, wenn man viele Torchancen rausspielt und dann mit einem Konter ein Gegentor bekommt“, beschrieb er diese entscheidende Phase des EM-Viertelfinales. „Wir haben als Mannschaft ruhig weitergespielt und uns nicht aus dem Konzept bringen lassen. Dass ich mit dem Tor an der Reihe war, darüber bin ich glücklich.“ Es war erst sein zweiter Treffer im Nationalteam, doch sucht Khedira inzwischen häufiger den Abschluss.
Auch für Real hat er vor zwei Monaten ein ganz wichtiges Tor erzielt, das 1:0 beim 2:1-Sieg in Barcelona, der die Meisterschaft für die Madrilenen entschied. In jenem Spiel gelang ihm aber auch etwas noch Schwierigeres: Zusammen mit seinem Kollegen Xabi Alonso engte er die Wege von Lionel Messi so sehr ein, dass der weltbeste Fußballer keinen einzigen Torschuss abgab.
Die breite Masse schwärmt eher von den Spielern am Ende der Verwertungskette des Balles, wie Özil oder Gomez, Messi oder Ronaldo. Fachleute aber wissen, dass die Leistung der Teamarbeiter hinter ihnen mindestens ebenso wichtig ist. Ein Khedira schließe „durch seine Laufarbeit so viele Räume, dass der Zuschauer ihn kaum in Aktion sieht“, sagte der Chef der deutschen Trainerausbildung, Frank Wormuth, während der EM. Aber er sei „ungemein wichtig für das Defensivverhalten der deutschen Mannschaft“.
Und nicht nur dafür, sondern mittlerweile auch für die gesamte Haltung des Teams. „Er hat gute Führungsqualitäten, eine positive Ausstrahlung“, sagt Bundestrainer Löw. „Es ist gut für die anderen, die um ihn herumspielen, dass er da ist.“ Ein Anführer nicht durch Anweisung, sondern durch Anwesenheit - jene Art Chef, der Probleme nicht an Mitarbeiter delegiert, sondern selbst löst.
Und dessen Wort mittlerweile Gewicht hat. So verlangte er vor dem Spiel gegen Griechenland, dass das Team taktisch cleverer und intelligenter spielen solle als beim nicht sehr überzeugenden 2:1 gegen Dänemark, bei dem die Distanz zwischen Abwehr und Sturm zu groß war. Dadurch hatten die beiden zentralen Spieler, Khedira und Schweinsteiger, mit hoher Laufleistung die Lücken schließen müssen - wie zwei Berufspendler, die mehr Kilometer von der Steuer absetzen konnten, als ihnen lieb war.
Zwar rauben die mehr als zwölf Kilometer, die beide abspulten, solch konditionsstarken Spielern nicht den Atem, aber die Möglichkeit, selbst spielbestimmend zu agieren. Gegen Griechenland gelang das, wie von Khedira verlangt, viel besser. Das Resultat war eine Partie, wie gemacht für den Revierchef Khedira.
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