Der durchdringende Ton der defekten Alarmsirene in den Betonkatakomben des Warschauer Stadions passte zur Endzeitstimmung. Dort, wo die Spieler herauskamen nach dem Duschen und sich vor der Abfahrt mit dem Bus den Medien stellten, zeigte sich die Enttäuschung noch mal mit voller Wucht.
Eine gute Stunde nach dem Abpfiff war die Bitterkeit deutlich spürbar und gerade die Spieler aus der großen Bayern-Fraktion im Team kämpften um die richtigen Worte. „Ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll“, sagte Mario Gomez. Aber dann brachte der Stürmer, der nach der Pause ausgewechselt worden war, seine Empfindungen in sehr offener Weise auf den Punkt. „Ein schwieriges Jahr geht zu Ende. Wir waren immer nahe dran, aber haben vier Mal auf die Fresse gekriegt.“
Thomas Müller brauchte keine Worte mehr, um seine Niedergeschlagenheit auszudrücken. Er hatte wenige Minuten nach dem Abpfiff völlig die Fassung verloren. Er saß auf der Auswechselbank und weinte unter einem weißen Frotteehandtuch bittere Tränen der Enttäuschung.
Als Einwechselspieler und letzte Offensiv-Option hatte er von den acht an der Niederlage beteiligten Münchnern noch am wenigsten Grund zu Selbstvorwürfen. Doch ihn traf der emotionale Absturz genau so hart wie die anderen. Auch diese Niederlage hatten er und seine Vereinskollegen nicht verhindern können. Von ihnen war - wie vom Rest der Mannschaft - viel zu wenig Aufbäumen und spielerischer Input gekommen.
Im Vergleich zu den vorhergehenden EM-Spielen, in denen die Bayern-Delegation große Souveränität gewonnen hatte, wies ihre Bilanz in Warschau, mit Ausnahme des Torwarts Manuel Neuer, auffällig viele Fehlleistungen aus.
Verteidiger Holger Badstuber, der beim ersten Kopfballtreffer des Italieners Mario Balotelli den Luftkampf gegen den Stürmer verloren hatte (20. Minute), wollte zwar nichts davon wissen, dass diese Niederlage gerade die Münchner Spieler besonders hart treffen könnte. „Ich weiß nicht, weshalb wir Bayern-Spieler jetzt so im Fokus stehen. Alle im Team sind enttäuscht, weil so viel investiert wurde.“
Überaus selbstbewusste Attitüde
Doch es ist kaum möglich, in den vielen Defiziten in dem Spiel gegen Italien, dem Ausscheiden bei der EM und der völlig verkorksten Bayern-Saison mit verpasster Meisterschaft sowie Final-Niederlagen im nationalen und europäischen Pokalwettbewerb kein Münchner Muster zu erkennen. Die Serie mit Pech und Pannen steht. „Das ist natürlich schon bitter“, sagte Badstuber.
Ins Halbfinale hereingegangen war die deutsche Elf mit überaus selbstbewusster Attitüde - überzeugt vom Einzug ins Finale und dem Titelgewinn.
Bastian Schweinsteiger hatte angekündigt, dass nun die Zeit gekommen sei, den nächsten großen Gegner zu bezwingen - Italien, gegen das ein deutsches Team noch nie bei einem Turnier gewinnen konnte. Unterstützt wurde der Münchner Mittelfeldspieler und Co-Kapitän von Bundestrainer Joachim Löw, der seine Hoffnung auf den Titel ebenso selbstbewusst artikuliert hatte. Die Befürchtung, die Enttäuschung der fürs Nationalteam so wichtigen Bayern-Spieler könnte nach der titellosen Vereinssaison zu tief stecken und das EM-Projekt gefährden, hatte sich mit den ersten Partien im EM-Turnier erledigt. Die Kicker aus dem deutschen Fußball-Süden zeigten sich stabil und hoch motiviert.
Schweinsteiger wirkungslos
Nur Schweinsteiger litt durchgehend an seinen körperlichen Malaisen, die ihn beeinträchtigten, aber nicht von einem Einsatz abhielten. Dann endete der EM-Trip abrupt.
Nach dem Schlusspfiff streckte Schweinsteiger seine Hand nach dem am Boden liegenden Mesut Özil aus und versuchte ihn hochzuziehen. Doch der deprimierte Real-Star konnte noch nicht, ließ sich wieder auf den Rasen fallen. Auch Schweinsteiger war im Spiel wirkungslos geblieben, ein Schatten seiner selbst.
Die Maßnahme des Bundestrainers, den Münchner Toni Kroos erstmals von Beginn an zu bringen und im zentralen Mittelfeld vor allem als Aufpasser für den italienischen Spielmacher Andrea Pirlo einzusetzen, war im Nachhinein zu sehr am Spiel des Gegners orientiert. Kroos blieb blass.
Die rechte Mittelfeldseite verwaiste zeitweise im deutschen Spiel, weil sich niemand mehr für diesen Bereich verantwortlich fühlte. Kroos‘ Vereinskollege Jerome Boateng, der auf der rechten Seite abwehrte, zeigte mit zwei gefährlichen Zuspielen zwar vielversprechende Aktionen in der Offensive, war dafür aber zusammen mit Mats Hummels mit einer folgenschweren Nachlässigkeit am Zustandekommen des italienischen Führungstreffers beteiligt.
Nach dem ersten Tor der Italiener wirkte die deutsche Elf unruhig und unsicher. Möglicherweise stellte sich bei den in dieser Saison gebeutelten Bayern-Spielern das Gefühl ein, dass nun schon wieder ein Flop drohte. Der sonst so zuverlässige Kapitän Philipp Lahm leistete sich vor der Pause einen groben Stellungsfehler, der zum zweiten Treffer Balotellis führte (36.).
„Mal gewinnt man, mal verliert man“
Erst als der Bundestrainer zur zweiten Halbzeit umstellte und Marco Reus sowie Klose hereinbrachte ins Spiel, entwickelte sich etwas mehr offensiver Schwung. Doch dieser reichte nicht, um den Gegner nochmals in die Bredouille zu bringen. „Wir waren eigentlich mit viel Energie in die Partie gegangen, aber haben dann Fehler gemacht, die man auf diesem Niveau nicht machen darf“, gestand der Münchner Außenverteidiger Lahm ein.
Das Selbstvertrauen der Tage zuvor war plötzlich dahin. Der Angstgegner Italien wurde plötzlich zum Albtraum für die deutsche Fußballauswahl. Sechs Spieler in der ersten Elf der „Squadra Azzurra“ gehörten am Donnerstag zum italienischen Rekordmeister Juventus Turin - sie jubelten. Die acht eingesetzten Bayern-Profis waren dagegen am Boden zerstört. Kapitän Lahm versuchte dennoch, nicht zu enttäuscht zu wirken. „Das ist Sport. Mal gewinnt man, mal verliert man“, sagte er.
Dann tat er alles, um im Hinblick auf die kommende Saison in München, in der es sehr viel um das Thema Wiedergutmachung gehen wird, nicht zu negativ zu wirken. „Jetzt geht‘s erst einmal einige Wochen in Urlaub, Akkus aufladen und regenerieren. Dann geht alles wieder von vorne los. Für den nächsten Erfolg müssen wir hart arbeiten.“ So richtig nach Spaß und Freude klingt das nicht. Es wird dauern, bis die deprimierten Bayern-Stars nach diesem traurigen Saisonabschluss ihre Motivation wiederfinden werden.
Besserwisser
Felix J. (Drucker107)
- 02.07.2012, 09:32 Uhr
Mundschutz
Benno Wagner (bennowagner)
- 01.07.2012, 14:33 Uhr
Zeit, dass sich was dreht!
H. Lothar Wessling (hdzgm77)
- 30.06.2012, 19:11 Uhr
Wenn wir uns vorstellen...
Uwe Wagner (view)
- 30.06.2012, 17:21 Uhr
Deutschland ist mal wieder Europameister im SCHLECHTREDEN !!! Warum
eigentlich ?
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 30.06.2012, 14:49 Uhr