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Nationalmannschaft Ruhe, Stille, Betroffenheit

 ·  Die Nationalspieler haben am Fernseher von den Bayern eine wertvolle Lektion erhalten: Sie müssen schön, aber auch effizient spielen.

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© dpa „Großer Warnschuss“: Oliver Bierhoff in Tourrettes

Ungemütlich, das war es schon. Die Wolken hingen noch ein bisschen tiefer als in den vergangenen Tagen. Und der kühle Wind, der dazu über die Sportanlage von Tourrettes blies, ließ manchen Beobachter eher an Norderney denken als an Südfrankreich. Auf dem Platz aber ging alles seinen gewohnten Gang. Joachim Löw betrat als erster den Rasen und spielte sich mit seinen Assistenten Andreas Köpke und Hans-Dieter Flick ein paar Bälle zu, bevor er seine Spieler mit kurzem Pfiff um sich versammelte.

Auf dem Programm des Bundestrainers stand, wie schon tags zuvor, Angriffseröffnung aus dem Mittelfeld. Ein paar kurze Pässe im Zentrum, dann das Anspiel nach außen auf die Halbposition, ein vertikal gespielter Ball in die Tiefe - und schon geht es mit Volldampf Richtung Tor. Es ist immer gut anzusehen, wenn die Nationalmannschaft ihre Offensivvarianten einstudiert. Und oft genug hat sie das Geübte ja auch im Wettkampf umsetzen können. So gut, dass sie sich mit Entschlossenheit in die Rolle eines Topfavoriten für die EM im Sommer manövriert hat.

Das ist nichts Neues, und doch hat sich quasi über Nacht etwas geändert an der Lagebewertung. Am Samstagabend nämlich hatten die versammelten Nationalspieler in ihrem Teamhotel eine Lektion erhalten, wie es ausgehen kann, wenn der Favorit zwar hochüberlegen zu Werke geht, bisweilen sehr ansehnlichen Fußball spielt, dabei aber im Abschluss die letzte Konsequenz vermissen lässt. Teammanager Oliver Bierhoff sprach deshalb von einem „großen Warnschuss“, als er am Sonntag auf dem Pressepodium des Deutschen Fußball-Bundes die Folgen des Champions-League-Dramas von München für die Nationalmannschaft einordnen sollte.

„Schön spielen ist wichtig“, sagte Bierhoff, „aber man muss auch versuchen, effizient zu spielen.“ Bei der EM in Polen und in der Ukraine werde man gewiss auf Gegner treffen, die ihr Heil ähnlich wie der FC Chelsea gegen die Bayern vor allem in der Defensive suchen werden - um dann, in einem günstigen Augenblick, wirkungsvoll zuzuschlagen.

Eine Lehre aus dem Bayern-Fiasko zu ziehen, das war jedoch nur das eine. Die heiklere Frage war die nach den unmittelbaren Auswirkungen auf Selbstvertrauen und Moral des Teams. Bundestrainer Löw hatte vor dem Finale angekündigt, dass eine Münchner Niederlage ein „Tiefschlag“ sein wurde. Erst recht angesichts der ohnehin schon schwierigen Vorbereitung, die er in der vergangenen Woche als „ein bisschen zerrüttet“ bezeichnet hatte. Nachdem zuletzt einige positive Signale wie Kloses und Mertesackers Genesung oder Podolskis und Götzes Tatendrang zu beobachten waren, hatte sich die Laune des Bundestrainers schon merklich gebessert.

Und von einem siegreichen Bayern-Block hätte noch einmal eine Initialzündung ausgehen sollen. Stattdessen nun flimmerten die Bilder des weinenden Bastian Schweinsteiger über den Fernseher im Teamhotel. „Ruhe, Stille, Betroffenheit“ - so beschrieb Bierhoff die allgemeine Stimmungslage nach Schweinsteigers Elfmeter-Fehlschuss und Drogbas finalem Treffer für die Londoner.

„Kameradschaft“ und „Zusammenhalt“ gefragt

Wie werden die Bayern dieses Trauma verkraften? Löw, der das Endspiel-Erlebnis in einer ersten Reaktion als „brutal“ bezeichnet hatte, präsentierte sich am Sonntag in einem Fernsehinterview zuversichtlich. Was sollte er auch sonst tun? „Ich kenne die Spieler“, sagte er. „Es wird ein paar Tage dauern. Aber sie werden sich wieder aufraffen.“ Auch Bierhoff gab sich alle Mühe, das Positive hervorzuheben. „Am Selbstbewusstsein nagt es nicht“, behauptete er und verwies auf ähnliche Erfahrungen vor den Weltmeisterschaften 2002, als die Leverkusener ihr Saisonfinale vermasselt hatten, und zuletzt 2010, als die Bayern als Verlierer eines Champions-League-Finales anreisten.

Zudem betonte er, dass „unsere Nationalspieler ein sehr gutes Spiel gemacht und auch Verantwortung übernommen“ hätten. Letzteres bezog Bierhoff noch einmal explizit auf Schweinsteiger, der das Leid der Bayern an jenem Abend wie kein anderer verkörpert hatte. „Unsere Aufgabe ist es zu zeigen, dass so etwas kein Drama ist“, sagte der Teammanager. Überhaupt seien nun „Kameradschaft“ und „Zusammenhalt“ gefragt, um die Münchner nach der „großen Leere“, die so eine Niederlage mit sich bringe, wiederaufzurichten und gemeinsam mit ihnen neue Ziele anzustreben. „Empathie“ hieß Bierhoffs Schlüsselwort, und es klang nach väterlicher Fürsorge, als er von der Nationalmannschaft als „Familie“ sprach (in der auch die Arbeit des Psychologen „besonders gefragt“ sei).

Die großen Saisongewinner sind vorerst gefragt

Doch bei allen mitfühlenden Worten ist nicht selbstverständlich davon auszugehen, dass die Münchner Schmerzensnacht ohne besondere Auswirkungen auf das sportliche Gefüge in der Nationalmannschaft bleiben wird. Bevor die Bayern überhaupt zum Team stoßen, müssen sie ja erst noch das Arjen-Robben-Kompensationsspiel gegen die Niederlande am Dienstag über sich ergehen lassen. Die Ankunft in Südfrankreich ist deshalb erst für Freitag geplant.

Und weil Löw schon angekündigt hat, dass nicht allzu viele der Münchner dann tags darauf gleich nach Basel weiterreisen, wo die DFB-Auswahl am Samstag gegen die Schweiz spielt, müssen vorerst andere für das Momentum sorgen, das von den seelenwunden Bayern nicht ausgehen kann: die großen Gewinner der Saison aus Dortmund oder Madrid.

Die anwesenden Borussen jedenfalls haben sich bislang sehr selbstbewusst präsentiert. Özil und Khedira, die spanischen Meister, wurden am Sonntagabend in Tourrettes erwartet. „Es hilft, dass wir Spieler mit Erfolgserlebnissen haben“, sagte Bierhoff. Und für die Bayern sei es in dieser Situation gut zu wissen, dass sie „nicht 17 andere mitziehen“ müssten. Dieses Fußballjahr hat ja schon einige Gewissheiten durcheinandergewirbelt. Seit Samstag sieht es so aus, als ob mancher Bayer auch im Nationaltrikot erst wieder zu sich finden müsste.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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