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Mats Hummels im Gespräch „Man hat gesehen, wie ich spielen kann“

 ·  Mats Hummels ist Stammspieler in der deutschen EM-Abwehr. Der Dortmunder Innenverteidiger spricht im F.A.Z.-Interview über seinen Aufstieg im Nationalteam, ungerechtfertigte Kritik und die Tücken des Halbfinales gegen Italien.

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© AFP Das Wesentliche im Blick: Für Mats Hummels liegt der Schlüssel zum Erfolg in einer starken Defensive

Wo waren Sie denn beim Halbfinale 2006 in Dortmund, als Deutschland nach dem 0:2 gegen Italien schier untröstlich war?

In München in einem Biergarten - aber untröstlich trifft es nicht. Es war noch schlimmer. Ich weiß nicht, wie man diesen Moment beschreiben soll, wenn ein Traum stirbt. Aber genau so war es.

Jetzt gehören Sie zu denjenigen, die am Donnerstag im EM-Halbfinale gegen Italien (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) eine Rechnung begleichen sollen, wie es in den Schlagzeilen heißt.

Das habe ich auch schon gelesen - und wenn ich das richtig verfolgt habe, gibt es einige Rechnungen, die Deutschland mit Italien offen hat.

Sieben Spiele bei Europa- und Weltmeisterschaften - und kein Sieg. Warum tut sich Deutschland immer gegen Italien so schwer? Selbst im vergangenen Jahr beim Test in Dortmund hat die deutsche Elf trotz Überlegenheit nicht gewinnen können.

In diesem Spiel lag es vor allem daran, das wir viel gewechselt haben, da wurde nach der Pause alles ein bisschen durcheinandergewürfelt. Zum anderen ist es aber auch so, dass die Italiener taktisch immer hervorragend spielen. Vor allem beim 1:1 gegen Spanien in der Vorrunde haben sie eines der besten Turnierspiele von allen Mannschaften gemacht - großartige Spieler haben sie zudem. Und wenn individuelle Klasse mit einer sehr guten mannschaftlichen Taktik zusammenkommt, dann ist ein solches Team immer schwer zu schlagen.

Was hat sich an diesem einseitigen deutsch-italienischen Kräfteverhältnis verändert?

Gefühlt ist es zumindest so, dass wir in der Favoritenrolle stecken. Aber das hilft gar nichts. Dass sich an den Kräfteverhältnissen etwas verändert hat, können wir nur am Donnerstag auf dem Platz beweisen.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus dem italienischen Sieg gegen England - und eben auch dem 1:1 gegen Spanien für das Halbfinale?

Ich war vor allem von den Engländern enttäuscht. Ich hoffe, wir machen es besser. Aus diesen Spielen lassen sich dennoch mehrere Dinge für uns rausziehen: eben dass die Italiener taktisch hervorragend sind, dass sie sich in der Defensive auch mit der notwendigen Leidenschaft in die Bälle reinwerfen - und dass sie mit Pirlo einen herausragenden Passgeber haben, der sehr viele Bälle hinter die Abwehr chipt, auch Montolivo macht das gerne. Da muss man vor allem als Innenverteidiger höllisch aufpassen, dass einem dann nicht Balotelli oder Cassano entwischen.

Wenn man als Abwehrspieler auf die italienischen Abwehrspieler schaut, wie sie immer die Abstände halten ...

... das können wir zum Glück mittlerweile auch.

Aber bei Italien funktioniert das traditionell, dass ist so gut von Jugend an gelernt, dass da niemand in der Abwehr nachdenken muss.

Man achtet bei den Italienern auch mehr darauf, weil sie eben diesen guten Ruf in der Defensive haben. Und wenn man speziell auf diese Dinge achtet, dann merkt man eben, wie gut die Verteidiger sind. Bei uns achtet man dagegen meist auf die spielerisch herausragenden Momente, auf die Tore. In Deutschland wird in der Öffentlichkeit stärker auf die Offensive geschaut, und es werden immer nur starke Offensivaktionen gezeigt; gelungene defensive Szenen kommen kaum vor. Das ist nicht schlimm, aber es ist so.

Sie haben schon mal in einem EM-Halbfinale gegen Italien gespielt - 2009 bei der U 21. Sie kamen in der letzten Minute rein. Was war damals ihr Auftrag?

Wir haben 1:0 geführt - alles rausköpfen war die Devise. Bei den Italienern war damals auch schon Balotelli dabei. Er war der auffälligste Spieler. Man muss aber sagen, dass wir glücklich gewonnen haben. In der ersten Halbzeit hätten wir auch 0:3 hinten liegen können. Das war ein Spiel, bei dem man gemerkt hat, was Kleinigkeiten ausmachen.

Der Kern dieser U 21 stellt heute die Hälfte der Stammformation der Nationalelf: Neuer, Boateng, Khedira, Özil und Sie - hat dieses Team, wie Sportdirektor Sammer immer behauptet, mit dem Titelgewinn auch Siegermentalität gewonnen?

Das glaube ich nicht. Ich denke, dass so ein Titelgewinn möglich war, weil die Spieler die Siegermentalität schon vorher mitgebracht haben. Ich glaube nicht, dass sich Siegermentalität erst durch Titel entwickelt. Man muss sie vorher haben - sonst gewinnt man nie etwas. Das Thema Siegermentalität wird mir im Fußball überhaupt immer zu hoch gehängt. Denn es will doch jeder den Titel gewinnen, wenn er beim Turnier spielt. Und es muss auch ein Team den Titel gewinnen. Es geht ja gar nichts anders. Eine EM ohne Europameister hat es jedenfalls noch nicht gegeben.

Was ist für Sie Siegermentalität?

Dass man sich nicht aufgibt, wenn es in einem Spiel oder in einer Saison nicht läuft. Dass man in der Lage ist, einen anderen Weg zu gehen, eine andere Spielidee zu entwickeln, wenn der erste Weg mal nicht funktioniert. Dass man Leidenschaft in die Waagschale wirft, Kampfgeist. Dass man sich von Rückschlägen, die es immer gibt, möglichst gar nicht, oder wenn, nur ganz kurz beeindrucken lässt.

Ein 0:1-Rückstand gegen Italien wäre so ein Rückschlag.

Genau. Italien macht dicht - und wir spielen vielleicht etwas zu viel quer, um uns Torchancen zu erspielen. Das kann ja alles passieren. In diesen Momenten muss man dann umschalten und einen neuen Weg finden. Wir hoffen natürlich, dass es am Donnerstag gar nicht erst so weit kommt.

In manchen Statistiken sind Sie nach den Viertelfinals bisher als bester Spieler des Turniers geführt.

Von englischen Journalisten habe ich das gehört, aber sonst?

In deutschen Noten-Tabellen auch - haben manche Kritiker vielleicht doch Ahnung vom Fußball?

Natürlich haben manche Ahnung vom Fußball. Mich freut es jetzt aber nur, dass wir erfolgreich sind und ich ein Teil unseres Teams bin. Dafür haben alle in der Vorbereitung gearbeitet. Wenn man dann sein Ziel erreicht hat, das man sich persönlich gesteckt hat, ist das ein sehr schönes Gefühl. Jetzt geht es darum, damit auch noch zwei Spiele weiterzumachen.

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Fühlen Sie sich nach vier Spielen endlich als fester Baustein des Teams, der Sie immer sein wollten?

Das Gefühl für mich in der Mannschaft entwickelt sich, es ist jetzt schon etwas ganz anderes als im ersten Spiel gegen Portugal. Da war ich vor allem auf Sicherheit bedacht, um nicht direkt mit einem Fehler zu starten. Jetzt hat man gesehen, wie ich spielen kann.

Wollten Sie auch sich selbst etwas beweisen?

Ich weiß, wie ich spielen kann. Ich bin überzeugt von mir. Aber meine Länderspiele wurden immer sehr kritisch gesehen, deswegen war es jetzt auch ein schönes Gefühl, zeigen zu können, dass es oft auch an anderen Dingen lag, wenn die Defensive mal nicht so gut aussah.

Sie haben zu Beginn des Turniers gesagt, dass Sie negative Kritik beschäftigt. Hat sich daran etwas geändert nach drei Wochen EM?

Es darf nicht persönlich werden, Kritik am Fußball ist in Ordnung. Ich bleibe allerdings bei meiner Meinung, dass oft zu undifferenziert geurteilt wird: drei Gegentore - alle vier Verteidiger waren schuld. Drei Tore - alle drei offensiven Spieler waren gut. Da erwarte ich schon ein differenzierteres Urteil. Ich kenne das ja von meiner Mutter, die ja auch Sportjournalistin ist, dass sich Fehler in die Berichterstattung einschleichen können - und dass die Leute, die uns kritisieren, auch mal schwächere Leistungen bringen. Aber das darf man als Spieler ja nicht sagen, das ist ja dann gleich ein Skandal.

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Finden Sie?

Ja, bei Basti Schweinsteiger war es doch so.

Sie meinen die „Chefchen“-Diskussion über seine Rolle beim FC Bayern?

Genau. Wenn es dann auf die persönliche Ebene geht, dann finde ich es in Ordnung, dass man sich als Spieler nicht hinstellt und alles hinnimmt, was über einen geschrieben wird. Denn viele Leute bilden sich durch diese Berichte ihre Meinung. Die Medien prägen das Bild eines Spielers nämlich stärker, als Spieler es selbst tun können. Journalisten haben da eine große Verantwortung.

Sie sagen, Sie lesen sehr genau, was in Deutschland über die EM berichtet wird. Erleben Sie mit dem Team die gleiche Veranstaltung?

Es deckt sich sehr viel. Wir in der Mannschaft haben in den ersten beiden Spielen auch gesagt, dass wir offensiv nicht berauschend waren, aber das Wichtigste eine stabile Defensive war. Wir wissen, dass viele Beobachter lieber Spektakel haben und darüber berichten wollen. Da muss man als Mannschaft rationaler denken, trotzdem wurde vieles gut getroffen.

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Bekommen Sie mit, dass Sie bei der EM auch etwas für den internationalen Ruf von Borussia Dortmund getan haben?

Vor allem für den Ruf der anderen Dortmunder Spieler. Es hieß ja immer: Die können nur Bundesliga. Wenn man aber fünfmal Bayern schlägt und einmal gegen Marseille verliert, muss man das Ganze sehen.

Sie haben das Glück, von den vielleicht beiden besten Trainern in Deutschland trainiert zu werden - wo liegt bei Löw und Klopp der größte gemeinsame Nenner?

Bei diesem Turnier die Fixierung auf die Defensive. Das ist bei uns in der EM ganz klar in den Vordergrund gerückt. Das ist zugleich die größte Parallele zwischen den beiden - und nur so kann man etwas gewinnen.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z.
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