Home
http://www.faz.net/-hgo-70m9n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mario Gomez Zwei Tore à 100 Kilo

 ·  Ein Tor gegen Portugal, zwei gegen die Niederlande: Mario Gomez ist eine Last vom Rücken gefallen, die ihn vier Jahre lang niedergedrückt hat. Die Tage der Häme dürften vorbei sein.

Artikel Bilder (4) Bildergalerie Video (3) Lesermeinungen (2)
© REUTERS „Da schießt man ein Tor, denkt, man ist angekommen, und kriegt drei Tage lang auf die Fresse“: Mario Gomez

Man wird sich dieser Szenen noch in ein paar Jahren erinnern, wenn man den Tag zurückholen will, an dem Mario Gomez in Deutschland angekommen ist. An dem er den Fluch besiegte, der ihn so lange in der Nationalelf begleitete.

Es wird dann zunächst der Moment aus der 24. Minute am vergangenen Mittwoch auftauchen, als Bastian Schweinsteiger ihn an der Strafraumgrenze freispielt, er den Ball mit dem Rücken zum Tor annimmt, unbedrängt von einem Gegenspieler zwar, aber trotzdem in ungünstiger Position, wie er dann seinen Körper um den Ball in einer Pirouette rotieren lässt, als wäre er ein Balletttänzer. Als er schließlich in der optimalen Schussposition angekommen ist, hat er den Torwart, der nun direkt vor ihm steht, so verwirrt, dass der in die linke Ecke springt - und er schießt in die andere: 1:0 gegen Holland.

Und dann wird man sich erinnern, wie Gomez vierzehn Minuten später den Ball wieder von Schweinsteiger bekommt und wie der Mittelstürmer ihn aus vollem Lauf, ohne auch nur ein winziges Zögern, aus spitzem Winkel in der hintersten Ecke des Tores unterbringt, wie der Ball direkt neben dem Pfosten und knapp unter der Latte einschlägt. 2:0 gegen Holland.

Mario Gomez stand danach für ein paar Sekunden einfach auf dem Platz herum, er ließ die Arme hängen, sein Gesicht hatte jeden Ausdruck verloren, so, als wäre er von diesem Moment selbst erschüttert, und so war es auch, wie er nach dem 2:1-Sieg sagte. Mario Gomez hat mit seinen beiden Toren nicht nur die Holländer besiegt, der Nationalmannschaft den zweiten Sieg bei der Europameisterschaft in fünf Tagen ermöglicht und das Viertelfinale nahegebracht.

Gomez: „Es geht nicht um Scholl“

Vor allem hat er sich in dieser Nacht selbst von einer schweren Last befreit, die exakt vor vier Jahren bei der vergangenen Europameisterschaft auf einmal an ihm hing, die ihn sogar noch in den vergangenen Tagen niederzudrücken drohte, selbst in jenem Moment noch, als er glaubte, sie schon abgeschüttelt zu haben mit seinem Treffer zum 1:0 gegen Portugal.

„Ich hatte Hunderte Kilos auf dem Rücken“, sagte Mario Gomez nun weit nach Mitternacht im Stadion von Charkiw. Er saß auf der Bühne neben einem Pokal, der ihn zum ersten Mal in seiner Karriere als besten Nationalspieler des Tages auszeichnete, und dann sprach er für ein paar Augenblicke über seine Befreiung und über den langen Weg, den es bis dahin gebraucht hat.

“Da schießt man ein Tor, denkt, man ist angekommen, und kriegt drei Tage lang in die Fresse.“ Es waren harte Tage, ihn erfassten die letzten Ausläufer eines Misstrauensvotums, das fast auf den Tag genau vor vier Jahren seinen Anfang nahm.

Die Kritik, die damals auf ihn niederging, als er den Ball, der auf der Torlinie lag, im entscheidenden Vorrundenspiel gegen Österreich an die Latte stümperte, die konnte er noch verstehen. Er war damals als die große deutsche Sturmhoffnung zur EM gekommen, als der Torjäger, der Deutschland endlich den Titel bringen sollte. Im Jahr zuvor war er in Deutschland zum „Fußballer des Jahres“ geworden, er kostete 30 Millionen Euro, so wertvoll war er, bis zu jenem Tag.

Gomez hat mittlerweile begriffen, wie es danach zu seiner psychischen Blockade über anderthalb Jahre kam, immer dann, wenn er das deutsche Trikot trug und darin verschwand. Er spürte, dass die Leute an ihm zweifelten. Im Verein schoss er Tore, wie er nur wollte - im Nationalteam scheiterte er. Und daran wäre er fast verzweifelt.

Er wollte es nun erst recht besser machen, und so wurde alles noch schlimmer. Er wusste bis zum Mittwoch, dass die Leute seine Tore nur akzeptierten; aber wenn dann wieder ein großes Turnier kam, dann sah er, was in ihren Köpfen vorging, dass sie Miroslav Klose vertrauten und nicht ihm.

Und Joachim Löw dachte genauso, bis zur vergangenen Woche. Nun hatte Gomez endlich den Bundestrainer überzeugt, er durfte gegen Portugal von Beginn an spielen, er erzielte mit der einzigen Chance den einzigen Treffer des Spiels, und dabei standen noch Cristiano Ronaldo beim Gegner und WM-Torschützenkönig Thomas Müller aus der eigenen Mannschaft auf dem Platz.

Endlich schien alles gut. Er glaubte, er hätte nun auch die Fans und die Medien überzeugt. Eine Chance, ein Tor, ein Sieg - was will man mehr? Aber dann sprach Mehmet Scholl als ARD-Kommentator über ihn, und danach redete man nur noch über die Schmähung.

FAZ.NET-Torvideo: Gomez‘ Wende zum Guten

Gomez spürte, wie der Druck in ihm wieder wuchs. Das machte ihn nervös. Er sagte in Charkiw, man habe ihm in bestimmten Situationen im Spiel zu Beginn anmerken können, wie ihn die Diskussion belastet habe, aber dann kamen die Tore. Den Pokal des Tages dafür bekam Gomez von Alan Simonsen, und wenn man sich einen Stürmer vorstellt, der das Gegenteil von Gomez ist, dann ist es der kleine Däne, der in den siebziger Jahren bei Borussia Mönchengladbach die Gegner durcheinanderwirbelte.

„Er ist dort, wo man ihn braucht“, sagte Simonsen. Er schwärmt von seinem unvergleichlichen Abschluss, dass Gomez vor dem Tor traumwandlerisch sicher wisse, was man tun müsse, um die Bälle ins Tor zu bringen. „Er hat alles, was ein Fußballer braucht“, sagte Simonsen. Gomez schien sich über das Kompliment wirklich zu freuen.

Das Spiel in Bildern: Die Gomez-Show

Gomez bedankte sich danach bei Löw, dass er „trotz allem, was war, zu mir gestanden hat“, auch das Team habe ihn in den „schwierigen Tagen“ unterstützt. Es war zu spüren, dass Gomez Unterstützung gut gebrauchen konnte, Tore allein waren nicht mehr genug Hilfe. In den vergangenen sechs Jahren hat er so viele Treffer wie kein anderer deutscher Spieler in der Bundesliga erzielt, 64 Tore allein in den vergangenen drei Jahren für Bayern, und in dieser Saison hat er Messis Rekord in der Champions League (zwölf Tore) eingestellt, aber Messi gelang gleich ein neuer.

In der Nationalelf hat der Ungeliebte nun 25 Tore in 54 Spielen geschossen, er trifft in fast jeder zweiten Partie. Am nächsten Tag aber wurde Bastian Schweinsteiger auf der Pressekonferenz trotzdem gefragt, ob Gomez den Durchbruch geschafft habe. „Den Durchbruch hat er schon lange geschafft“, antwortete Schweinsteiger. Es war die Anerkennung, die fehlte.

Bastian Schweinsteiger: „Ich war geschockt“

“Wir haben das Gefühl, wenn wir den Ball nach vorne bringen, ist Mario da. Im Strafraum ist er Weltklasse“, schwärmte Schweinsteiger von Gomez’ großer Stärke. Und Löw lobte auch die innere Kraft, die in dem Stürmer steckt. „Mario hat oft am Boden gelegen, auch in der Nationalmannschaft“, sagte der Bundestrainer. „Aber er hat sich immer wieder rangekämpft. Das macht er allein, und auch das zeichnet ihn aus.“

Nach seinen Erfolgen gegen Portugal und Holland schwärmt das Ausland einhellig von Gomez. Die dänische Zeitung „B.T.“ benennt die Konsequenz, die bei der EM nicht nur für den letzten deutschen Gruppengegner gelten dürfte: „Für Dänemark war die Lektion vor dem Spiel am Sonntag leicht zu lernen: Stoppt diesen Mann!“ Deutsche Fans und Experten sagen das schon lange. Sie haben es nur ganz anders gemeint.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

Jüngste Beiträge

Nur eine Parkposition?

Von Peter Heß

Robin Dutt hat Lob und Anerkennung für seine Arbeit als Sportdirektor beim DFB bekommen. Doch nach nur neun Monaten zieht es ihn wieder in die Bundesliga. Das stellt den Verband vor ein Problem. Mehr 2