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Mario Gomez „Ich bin weder Roboter noch Ratte“

 ·  Der Bayern-Torschütze sieht sich nach zwei Jahren auf höchstem Niveau in einer herausragenden Verfassung und will dem Bundestrainer die Wahl so schwer wie möglich machen: Stammplatz für Klose? Oder Vorteil Gomez?

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© dpa „Es klingt immer doof, wenn man sagt, was man alles geleistet hat“

Die EM 2008 nahm „seinen berüchtigten Verlauf“, bei der WM 2010 hatte Mario Gomez „schlechtesten Voraussetzungen“. Vor der EM 2012 fühlt sich der Stürmer topfit - und hofft gegen Portugal am Samstag auf einen Startelf-Platz.

Wer ist für Sie der beste Stürmer der Welt? Ronaldo oder Messi - oder haben Sie eine Überraschung parat?

Es wird immer Messi sein. Wie Messi bis zum heutigen Tag gespielt hat, ist unvergleichlich. Messi muss man nicht erklären, er erklärt sich aus sich selbst. Jeder Fußballspieler, auch die großen Stars, sind alle Fan von Messi. Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, aber er beeindruckt mich auch menschlich. Messi ist, wie er ist, das imponiert mir.

Was beeindruckt Sie an Ronaldo?

Vieles, na klar. Er ist der zweitbeste Spieler der Welt. Ich weiß nicht, wie viele Milliarden Menschen Fußball spielen - und da der Zweitbeste zu sein, ist auch nicht schlecht. Und wenn man jetzt mit Sami oder Mesut über Ronaldo spricht, dann ist es ganz offenbar so, dass sein öffentliches Erscheinungsbild gar nicht dem entspricht, wie er wirklich ist. Er ist ein unglaublicher Profi und ein sehr guter Kollege.

Wenn Sie die Spielweise zwischen Ronaldo, Messi und Ihnen vergleichen - wo darf man Sie dann eher ansiedeln?

Ganz woanders. Ich bin Stürmer, die beiden sind keine klassischen Stürmer, es sind offensive Spieler, die viel mehr können als ein reiner Stürmer. Für das, was sie spielen, gibt es eigentlich gar keine Bezeichnung, sie sind irgendetwas zwischen Stürmer und Mittelfeldspieler.

Worin unterscheidet sich denn der Mario Gomez vor der EM 2008 und der WM 2010 von dem Mario Gomez vor der EM 2012?

Im Jahr 2008 kam ich als Shootingstar zur Nationalmannschaft, dann hat das Turnier seinen berüchtigten Verlauf genommen. Ich hatte danach eine schwierige Zeit, vor allem in der Nationalmannschaft. Ich war über eineinhalb, fast zwei Jahre nicht mehr in der Lage, die Leistungen zu bringen, zu denen ich fähig bin. Vor der WM 2010 hatte ich die schlechtesten Voraussetzungen, die man vor einer WM haben kann. Ich hatte die EM 2008 noch im Kopf, dazu ein halbes Jahr bei Bayern, in dem ich nicht gespielt habe. Da war mir eigentlich von Anfang an klar, dass ich bei der WM nicht die große Rolle spielen würde. Jetzt befinde ich mich in einer ganz anderen Situation. Ich habe zwei Jahre bei Bayern auf höchstem Niveau gespielt und sehr viele Tore geschossen. Im Jahr 2011 habe ich auch in der Nationalelf die meisten Tore geschossen, da habe ich in den Spielen gezeigt, dass ich auch im DFB-Trikot die Leistung abrufen kann, die ich auch bei den Bayern zeige - und das nun schon über Jahre. Trotzdem konnte ich in den letzten Tagen nach dem Spiel gegen Israel nachlesen, dass ich angeblich schmolle.

Und - schmollen Sie?

Nein, das entspricht überhaupt nicht der Wahrheit. Ich wollte mich nach dem Spiel nur nicht zu meiner Situation äußern. Ich habe ja verfolgt, dass in den Zeitungen längst zu lesen war, dass die Entscheidung über den Platz im Sturm zugunsten von Miro gefallen ist. Für mich ist das nicht so klar - und für den Trainer auch nicht, so hat er es mir jedenfalls gesagt. Das gibt mir Hoffnung. Der Trainer gibt mir das Gefühl, dass er mich sehr schätzt. Ich glaube, es war noch nie so eng wie im Moment. Ich bin sehr gut drauf, fühle mich körperlich topfit und gebe im Training alles - genau so, wie ich es die vergangenen zwei Jahre getan habe. Ich habe ein gutes Gefühl. Der Trainer hat es diesmal so schwer wie noch nie. Das ist genau, was ich wollte. Ich weiß, dass Miro in den letzten Turnieren immer seine Leistung gebracht hat. Und zu wissen, dass ein Spieler im Turnier funktioniert, ist ein kleiner Anker für einen Trainer.

Warum sind Sie zuletzt dem Thema, dem Kampf um den einzigen Stürmerplatz in der Nationalelf, aus dem Weg gegangen?

Ich habe in den vergangenen Tagen zu dem Thema nichts gesagt, weil es dann so rübergekommen wäre, als müsste ich mich rechtfertigen. Das finde ich schade. Es klingt dann immer doof, wenn man vor diesem Hintergrund sagt, was man die vergangenen Jahre alles geleistet hat und wie viele Tore man geschossen hat. Ich bin nie einer gewesen, der über die Medien Forderungen gestellt hat. Ich weiß, was die Leute, die wichtig sind, von mir halten. Aber ich merke natürlich, dass ich in Deutschland nach wie vor nicht den Respekt genieße, wie ich ihn im Ausland erhalte. Das sehe ich jetzt wieder, wo es darum geht, wer in der Nationalmannschaft spielt und was bei Bayern passiert.

Was meinen Sie damit?

Die ganze Berichterstattung um meine Person zeigt mir das. Wenn ich zum Beispiel lese, dass ich ein Spieler bin, der viele Tore schießt, aber keine wichtigen. Waren die 24 Tore in der Champions League in den beiden vergangenen Jahren etwa nicht wichtig? Vor zwei Jahren hätte mich das unsicher gemacht, heute kann ich darüber schmunzeln. Deswegen habe ich dazu nichts gesagt. Ich will mich nicht rechtfertigen, das ist vorbei. Ich fokussiere mich auf das, was ich bei dieser EM mit dem Team erreichen möchte - und nun sehen wir erst mal, was am Samstag passiert.

Warum, glauben Sie, werden Sie kritischer als andere gesehen?

Es wird allgemein alles sehr kritisch gesehen. Wenn man sieht, was in den vergangenen Tagen alles über die Nationalmannschaft geschrieben wurde, da sieht man, dass es heute nicht nur um Fußball geht, sondern auch um alles Mögliche drum herum.

Trotzdem: Was können Sie der Mannschaft bei der EM geben?

Das hat man in den letzten Länderspielen gesehen, vor allem im Länderspieljahr 2011.

Rechnen Sie mit einem Einsatz gegen Portugal?

Ich hoffe darauf, klar.

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Wie hat sich die Beziehung zu Miroslav Klose in den vergangenen Jahren entwickelt, wenn man jahrelang um den mittlerweile einzigen Stürmerplatz kämpft?

Wir sind beide viel zu menschlich, als dass aus der sportlichen Rivalität ein Problem entstehen könnte. Ich bin kein Roboter und bin auch keine Ratte. Ich weiß, wie der Sport funktioniert und kann mich gut einschätzen. Und Miro ist genauso Sportsmann wie ich - auch er wird alles versuchen, diesen Platz zu bekommen. Wir haben den gleichen Ehrgeiz und den gleichen Willen - und wir wissen, dass der Trainer entscheidet.

Man hört oft, dass der klassische Stoßstürmer, der Strafraumstürmer, auszusterben droht. Bundestrainer Löw will nun auch den spielstarken Mittelfeldspieler Reus zum Stürmer umfunktionieren. Der Bundestrainer hat gerade mal zwei nominelle Stürmer nominiert.

Es gibt immer noch zahlreiche Teams, die mit zwei Stürmern spielen. Andererseits sieht man, dass sich beim FC Barcelona selbst einer der besten Stürmer der heutigen Zeit, Zlatan Ibrahimovic, überhaupt nicht zurecht gefunden hat, weil dieses Spiel einfach nicht auf einen Mittelstürmer zugeschnitten ist. Die Nationalmannschaft und den FC Barcelona aber kann man von ihrer Spielweise definitiv nicht miteinander vergleichen. Wir definieren unser Spiel hier ja so, dass wir nach Ballgewinn schnell nach vorne abgehen wollen, da kann ich sehr wertvoll sein. Es ist nicht so, dass hier kein Stürmer gebraucht würde. Die Mannschaft braucht einen Stürmer.

Früher wollten Jungs immer Stürmer spielen, weil Stürmer das Spiel entschieden und sie das zu Helden machte. Aber machen heute Topstürmer noch den entscheidenden Unterschied aus - oder sind sie nur noch Teil eines komplexen Spielsystems und kein bisschen wichtiger als ein das Spiel eröffnender Innenverteidiger?

Das stimmt, aber Stürmer sind trotzdem sehr, sehr wichtig. Das hat man in der Nationalmannschaft und auch beim FC Bayern gesehen. Wenn die Stürmer gut drauf sind und treffen, dann laufen die Spiele meistens gut. Bei den Bayern haben wir Ribéry und Robben auf den Außenpositionen, die unglaublich stark im Dribbling sind - aber wenn kein Vollstrecker da ist, dann bringt auch kein Dribbling etwas. Da muss jemand da sein, und das werden immer die Spieler sein, die den Gedanken haben: Ich will das Tor machen. Deswegen werden diese Spieler auch in Zukunft immer wichtig sein.

Sie schießen seit zwei Jahren so viele Tore in der Bundesliga wie kein anderer deutscher Stürmer. Aber trotz Anerkennung für Ihre vielen Tore - die große Liebe der Fans und der Medien haben sie nicht geweckt. Dabei bringen Sie, auch optisch, doch eine Menge mit, was man als Liebling in Medienzeiten mitbringen muss. Wie erklären Sie sich das?

Mit meiner Vergangenheit, die war nicht die glorreichste und auch nicht die einfachste. Aber nochmals: Ich schaue nur nach vorne.

Fühlen Sie sich heute freier vom öffentlichen Urteil?

Absolut, da hilft aber auch der Erfolg. Ich muss nicht mit Parolen die Meinungen meiner Kritiker ändern, sondern ich will weiterhin mein Ding auf dem Platz machen. Ich weiß, dass ich in den letzten zwei Jahren bis zum Tag vor der Europameisterschaft alles dafür getan habe, um zu spielen. Jetzt sehen wir, wie das Turnier läuft. Ich habe bisher alles gegeben, was in mir steckt. Ich fühle mich völlig frei - und ich habe ja noch genügend Jahre vor mir.

Das Gespräch führten Michael Ashelm und Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z.
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