Damit hätte wirklich niemand gerechnet. Mario Gomez trifft und trifft und trifft. Der Angreifer vom FC Bayern München hat das Zeug dazu, einer der Stars dieser EM zu werden - wenn die deutsche Nationalelf weit genug kommt. Fest steht schon jetzt, dass Gomez noch nie so prägend für die deutsche Mannschaft gewesen ist. Der Stürmer, der bisher alle drei deutschen Treffer in diesem Turnier erzielt hat, ist viel mehr als ein äußerst effektiver Knipser. Die Hoffnungen der Deutschen auf einen Titelgewinn sind eng mit ihm verbunden.
Nicht zuletzt hat Gomez mit seiner Leistung, der Urgewalt und Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Tor eine Diskussion im Fußball entfacht, die eigentlich gar nicht zur Debatte stand. Nachdem sich in den vergangenen Jahren der Trend festsetzte, dass klassische Stoßstürmer angeblich nur noch Auslaufmodelle sind und den offensivstarken, technisch brillanten Mittelfeldspielern die Zukunft gehört, ist mit diesem EM-Turnier eine Gegenbewegung in Gang gekommen. „Wenn kein Vollstrecker da ist, dann bringt auch kein Dribbling etwas. Wenn Stürmer gut drauf sind und treffen, dann laufen die Spiele meistens gut“, sagte Gomez - bevor bei dieser EM überhaupt der erste Ball rollte. Er behielt Recht.
Die Entdeckung dieser Europameisterschaft
Vollblutstürmer wie Gomez sind die Entdeckung dieser Europameisterschaft. Gewaltig, kraftvoll, ausgefuchst. Wie der Däne Nicklas Bendtner, ein robuster Spieler, der zweimal mit dem Kopf gegen Portugal traf und nun an diesem Sonntag in Lemberg von der deutschen Abwehr gebändigt werden muss. Oder Mario Mandzukic, der für die Kroaten in diesem Turnier überlebensnotwendig ist und wie Gomez auch schon drei Tore erzielt hat. Und dass die Ukraine als Mitgastgeber noch auf das Viertelfinale hoffen darf, liegt vor allem am Torriecher ihres Altstars Andrij Schewtschenko.
Als die Mannschaft des Welt- und Europameisters aus Spanien zum Auftakt Schwierigkeiten hatte, trotz eines massiven Aufgebots im Mittelfeld die Italiener mit weiteren Toren zu bezwingen, und Trainer Vicente Del Bosque erst in der 74. Minute mit Fernando Torres den ersten echten Stürmer einwechselte, verfasste der frühere englische Weltklasseangreifer und heutige Fernsehexperte Gary Lineker eine kurze Twitter-Botschaft: „Fernando, du spielst für die Zukunft der Stürmer.“ Begründen Gomez und Co. also eine Renaissance?
„Was kommt nach Barcelona?“
Ob sich dieser Torjägertypus als Retro-Trend wirklich durchsetzt, wird sich noch erweisen müssen. Oliver Bierhoff, ehedem selbst ein kopfballstarker Angreifer alter Prägung und Torschützenkönig in der italienischen Serie A, will nicht ausschließen, dass diese neueste Entwicklung die Antwort sein könnte auf die derzeit sehr angesagte Spielweise ohne klassischen Stürmer, wie sie vor allem vom spanischen Nationalteam und dem FC Barcelona kunstvoll praktiziert wird. „Die Frage ist ja, was kommt nach Barcelona? Ich denke häufiger, wenn ich oben auf der Tribüne sitze und das schöne Gespiele dieser Mannschaften sehe, dass trotzdem irgendwann im Zentrum einer fehlt, der den Ball reinmacht“, sagt der Teammanager der deutschen Nationalmannschaft. „Ich freue mich deshalb, dass es jetzt Gegenbeispiele gibt.“
Für Gomez jedenfalls läuft dieses Turnier bisher perfekt. Aus eigener Kraft hat er die Last überwunden, die aufgrund des EM-Traumas von 2008, als er gegen Österreich den Ball vor der Torlinie verstolperte, lange Zeit auf seinen Schultern lag. Fußball ist nicht nur Technik und Taktik, sondern auch Psychologie. Trotz seiner vielen Tore als erfolgreichster deutscher Stürmer der vergangenen Jahre in der Bundesliga blieb Gomez die große Liebe der Fans versagt. Seine starken Leistungen wurden allenfalls akzeptiert. „Ich hatte Hunderte Kilos auf dem Rücken“, gab er nach seinen zwei Treffern zum 2:2-Sieg gegen Holland in dieser Woche zu. Selbst nach seinem Einstand mit dem Siegtreffer über Portugal blieb die Kritik nicht aus und kam sogar in Form der Schelte von Mehmet Scholl aus dem eigenen Verein. „Da schießt man ein Tor, denkt, man ist angekommen, und kriegt drei Tage lang in die Fresse.“
Gomez braucht den schnellen, steilen Pass
Aber was macht ihn nun plötzlich auf dem Platz so stark? Wo liegt das Geheimnis? Eigentlich profitiert er nur von dem, was er schon immer hatte. Gomez verfügt über einen robusten Körper und eine starke Physis. Diese Ausstrahlung schüchtert manch einen Gegenspieler schon im Kabinengang ein. Er beherrscht das druckvolle Kopfballspiel und hat eine gute Schusstechnik, wie sich beim 2:0 gegen die Niederländer zeigte.
Fußballexperten haben erkannt, dass sein Spiel vor allem dann funktioniert, wenn eine Mannschaft bei Balleroberung rasch auf Offensive umschalten kann und ihm die Kugel schnell zuliefert. Tritt ein Team zu dominant auf, hält den Ball lange in den eigenen Reihen, werden dagegen die Räume für einen Stürmertypen wie Gomez zu eng. Er muss dann oft mit dem Rücken zum Tor agieren. In solchen Spielen kommen Gomez’ Stärken nicht so gut zur Geltung. Er selbst hat beim FC Bayern schon daran gearbeitet, seine Spielweise umzustellen. Er versucht, sich mehr in den Spielaufbau einzuschalten - so wie es Miroslav Klose tut.
Einen echten Mehrwert aber bringt der Zulieferer Gomez seinen Mitspielern bisher nicht: In der vergangenen Bundesligasaison führten nur drei seiner Vorlagen zu Treffern für die Münchner. Eine Quote, die zu verschmerzen ist angesichts seiner 26 Tore. Ein erfolgreicher Gomez braucht den schnellen, steilen Pass, wie er ihn im Spiel gegen die Niederlande zweimal von Bastian Schweinsteiger erhielt. Dann ist er nur schwer zu halten. Und nun ist er in aller Munde. Auf die Frage, welche Spieler er am liebsten in der dänischen Nationalmannschaft sehen würde, antwortete der frühere Stürmerstar Flemming Povlsen: „Özil - und natürlich Gomez.“