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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Mario Götze „Ich soll den Kopf nicht hängen lassen“

 ·  Zum ersten Mal in seiner Karriere sitzt Mario Götze drei Spiele nacheinander auf der Bank. Die Fußball-EM wird so zu einer harten Geduldsprobe für den Dortmunder Jungstar, wie er im F.A.Z.-Interview eingesteht.

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© dpa Nur vor der EM im Mittelpunkt: Mario Götze

Wir und viele Fans würden Sie bei der Europameisterschaft gerne spielen sehen - warum hat das noch nicht geklappt?

Ich würde auch gerne spielen, das können Sie sich sicher vorstellen. Den Anspruch zu spielen muss auch jeder haben. Aber die Mannschaft hat gut gespielt und neun Punkte geholt. So soll es sein. Ich hatte durch meine Verletzung eine harte Zeit hinter mir, jetzt bin ich aber bei hundert Prozent.

Drei Spiele auf der Bank und noch keine Minute gespielt - wann haben Sie das zum letzten Mal erlebt?

Zum ersten Mal, definitiv. Ich kannte das weder aus der Jugend noch aus der Bundesliga. Nur beim Pokalfinale gegen Bayern war das anders, da habe ich aus der Distanz einen Titel gefeiert. Das ist nicht so einfach.

Die Situation bei der Nationalmannschaft dürfte da noch schwerer auszuhalten sein, gerade für einen Spieler, der es immer gewohnt war, dabei zu sein.

Es ist schwierig für mich, keine Frage. Ich kann das auch nicht so einfach annehmen, aber das muss ich. Das gehört dazu, da lernt man auch viel draus. Ich muss mich irgendwie selbst motivieren und versuchen, mich anzubieten. Dann entscheidet der Trainer.

Was ist das Schwierige daran: mit der eigenen Unzufriedenheit klarzukommen oder mit seinen eigenen Ansprüchen?

Beides eigentlich. Nochmals: als Fußballer will man natürlich spielen, da will keiner auf der Bank sitzen. Aber der Trainer, und das war vor dieser EM klar, hat die Qual der Wahl. Und wenn man dann drei Spiele auf der Bank sitzt - und nicht nur ein Spiel -, dann fragt man sich schon, wie das passieren konnte. Da wird man unzufrieden. Aber ich sage mir: Es ist mein erstes Turnier, wir haben ordentlich gespielt bisher. Es gibt zwar noch Steigerungspotential, aber wir haben alle drei Spiele gewonnen. Was will man mehr?

Wer unterstützt Sie derzeit?

Ich mache viel mit mir alleine aus, aber auch meine Familie und mein Berater sind für mich da. Es kommt Gutes von allen Seiten.

Was wird Ihnen geraten?

Ich muss immer hundert Prozent geben bei den Chancen, die ich im Training habe. Mehr kann man eigentlich nicht machen. Das ist wirklich nicht einfach, aber man muss versuchen, sich daran hochzuziehen.

Ihr Dortmunder Kollege Mats Hummels sagt, er habe ständig Kontakt mit Jürgen Klopp, Sie vermutlich auch.

Wir haben vor und nach den Spielen Kontakt. Das tut manchmal ganz gut.

Klopp ist ja auch nicht der geduldigste Mensch. Hat er einen guten Rat?

Ich soll dran bleiben, an mir arbeiten und auf meine Chance hoffen und warten - und wenn sie kommt, zu hundert Prozent nutzen.

Die deutsche Bank soll bei der Europameisterschaft das große Kapital der Mannschaft sein - müsste man dann nicht mehr von diesen Spielern sehen? Löw scheint ja seine Stamm-Mannschaft gefunden zu haben.

Der Kader ist in der Breite sehr gut. Jeder, der hier dabei ist, hat seine Fähigkeiten und würde sie gerne zeigen. Mal sehen, was das Turnier noch so bringt.

Was hatten Sie sich vor dem Turnier ausgerechnet nach Ihrer langen Verletzungspause? Dachten Sie, dass Sie es packen, noch richtig ins Team zu kommen - oder hatten Sie schon Zweifel?

Ich hatte eigentlich ein gutes Gefühl. Und hatte gehofft, dass ich meine Spielpraxis bekommen würde und mich anbieten kann. Mit diesen Erwartungen bin ich schon zur Europameisterschaft gekommen. Aber so ist es nicht gelaufen. Die Situation ist, wie sie ist, es wird jetzt von mir keine falschen Worte geben.

Im Rückblick: Haben Sie im Umgang mit Ihrer Schambeinverletzung alles richtig gemacht, oder haben Sie diese Verletzung womöglich unterschätzt? Auch mit Verletzungen muss man Erfahrungen sammeln.

Eigentlich habe ich nicht das Gefühl, dass da etwas falsch gelaufen ist. Okay, es war meine längste Verletzungspause. Das war sehr hart und auch sehr schwierig. Aber ich hatte genug Zeit, mich auf die Europameisterschaft vorzubereiten und fit zu werden. Dafür habe ich alles getan, was möglich ist. Ich musste da auch schon viel Geduld beweisen.

Sie wirken tatsächlich ein bisschen niedergeschlagen, gar nicht voller Energie.

Die Situation ist neu für mich. Aber ich versuche mich täglich neu zu motivieren.

Was sagt denn der Bundestrainer in einer Situation zu einem jungen Spieler, wenn es ihm nicht so gut geht?

Er hat mit mir gesprochen. Ich soll dran bleiben, den Kopf nicht hängenlassen - und so weiter. Es kamen dazu auch herzliche Worte. Aber es ist nun mal so: Ich muss auf meine Chance hoffen.

Nun sind Sie erstmals in einer anderen Rolle auf der Ersatzbank. Wie schmal ist der Grat zwischen Rivalität und Kollegialität?

Die Rivalität ist gar nicht so groß, wie man denken könnte. Man gönnt dem anderen den Erfolg. Wir sind eine Mannschaft mit einem gemeinsamen Ziel, das wir zusammen verfolgen. Der Erfolg ist wichtiger als das eigene Befinden.

Bei der EM wird defensiver gespielt als in der Vergangenheit - leiden Sie auf Ihrer Position unter dieser Entwicklung?

Wenn man Erfolg haben will, ist es sehr wichtig, auf eine starke Defensive zu bauen, die das Offensivspiel einleitet. Es ist richtig, darauf großen Wert zu legen. In Dortmund ist das ja auch der Fall, dieser Entwicklung muss man sich anpassen und das Bestmögliche geben. Ich bin Offensivspieler - da läuft man aber lieber nach vorne als nach hinten.

In der Nationalmannschaft sieht man Sie immer mit Reus und Schürrle zusammen - dauert es noch lange, bis Schürrle auch nach Dortmund kommt?

Wir verstehen uns wirklich ganz gut, wir sind fast im gleichen Alter. Wir kennen uns aus den Jugendnationalmannschaften, er war ja auch früher schon mal in Dortmund. Außerdem haben wir den gleichen Humor. Wäre natürlich gut, wenn André zu uns kommen würde.

Worüber machen denn Götze, Reus und Schürrle Witze, wenn sie den gleichen Humor haben?

Schwierig (lacht).

Wird doch hoffentlich jugendfrei sein?

Definitiv.

Also?

Wir ziehen uns gegenseitig auf und machen Späße untereinander. Das ist eigentlich das Positive an der ganzen Situation.

Sie ziehen sich auch damit auf, dass Sie alle auf der Ersatzbank sitzen - oder macht man darüber keine Witze?

Doch, doch. Gelegentlich zumindest. Ab und zu kann man das auch gelassen nehmen.

Es gibt ja auch immer die Diskussion in der Nationalmannschaft um den Bayern- und den Dortmund-Block. Hatten Sie den Eindruck, dass die Gruppen da ganz gerne gegeneinander ausgespielt worden sind?

Da wird viel hineininterpretiert. Wir sind hier bei der Nationalmannschaft, das ist hier wirklich vereinsunabhängig. Die Diskussion nimmt man als Spieler gar nicht so wahr. Ich verstehe mich auch mit anderen Spielern gut, die nicht aus Dortmund kommen - und da ist es egal, ob sie bei Bayern oder einem anderen Klub spielen.

Seit drei Wochen sind Borussen und Bayern nun zusammen - sind sich die großen Bundesliga-Rivalen persönlich nähergekommen?

Ganz klar: Wir lernen uns hier viel besser kennen. In der Qualifikation waren wir immer nur für ein paar Tage zusammen, hier trainieren und leben wir über lange Zeit zusammen. Über so einen langen Zeitraum lernt man sich wirklich besser kennen. Das tut jedem gut.

Welcher Bayern-Spieler dürfte mit zurück nach Dortmund?

Toni würde ich natürlich sofort mitnehmen.

Was hat Toni Kroos denn so Borussenhaftes an sich?

Wir verstehen uns sehr gut, wir kennen uns gut. Wir haben auch dieselbe Vermarktungsagentur - aber es ist definitiv keine Geschäftsbeziehung.

Am Freitag das Viertelfinale gegen Griechenland . . .

. . . auch schwierig.

Mit den Griechen haben Sie schon Ihre Erfahrungen gemacht - beim 1:3 in Athen in der Champions League hat sich die Borussia nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Stimmt, ganz böse Erfahrungen. Das wird jetzt auch ein ganz schwieriges Spiel für uns. Die Griechen haben mit viel Arbeit und mit Glück gegen die Russen gewonnen, die ja eigentlich sehr stark waren. Die Griechen werden uns auch alles abverlangen.

Wie sieht es mit Ihrer Hoffnung aus, gegen so einen defensiv eingestellten Gegner zum Einsatz zu kommen?

Die Hoffnung habe ich natürlich immer, auch wenn ich jetzt dreimal nicht gespielt habe. Ich bin fit und bereit.

Wer hat denn das Zeug dazu, die deutsche Mannschaft zu stoppen?

Am besten niemand.

Niemand? Die Mannschaft kann sich also nur noch selbst ein Bein stellen?

Wir haben noch Steigerungspotential - und wir müssen und werden uns auch noch steigern. Wir brauchen eine größere Abgezocktheit. Aber wir haben schon in dieser Gruppe neun Punkte geholt, das hätten vorher nicht viele gedacht. Jetzt stehen wir im Viertelfinale - der Rest wird sich auch finden.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z.
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