Der erfahrene Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Philipp Lahm, formuliert seine Aussagen üblicherweise relativ ausgewogen. Als er darüber Auskunft geben sollte, mit welcher Zielsetzung das Team in diese entscheidende Woche bei der Europameisterschaft ginge, vermied es der Außenverteidiger, zu sehr in die Offensive zu gehen: „Wir wollen halt dabei sein bei diesem Spiel am Sonntag“, sagte Lahm ziemlich unspektakulär und bezog sich mit einem freundlichen Lächeln auf das EM-Finale in Kiew. Vorher warte ja zudem noch ein schweres Halbfinale gegen die Italiener am Donnerstag (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker).
Dass sich der 28 Jahre alte Bayern-Profi etwas vorsichtiger an den großen Traum dieser Mannschaft herantastet, liegt vielleicht daran, dass er schon andere, magere Zeiten im deutschen Fußball miterlebt hat. Dazu weiß er, wie schwierig ein solches Unterfangen gegen Ende eines solch exklusiven Wettbewerbs ist.
Über diese Erfahrung verfügt der jüngere Kollege Marco Reus noch nicht. Er hat erst sieben Spiele im Nationalteam bestritten. Aber es ist wohl der Ausdruck des Selbstbewusstseins dieser neuen, hochtalentierten Fußballgeneration, von der die Nationalmannschaft nun so profitiert, dass mit dem eigenen Drang nicht so hinterm Berg gehalten wird.
„Der Titel geht nur über uns“, sagte Reus nach seiner EM-Premiere beim 4:2-Sieg über Griechenland am Freitag. Der Neuling im Löw-Team gehörte zu den auffälligsten Spielern, erzielte einen Treffer und darf sich nun Hoffnungen machen, auch im Halbfinale am Donnerstag wieder eingesetzt zu werden. Vielleicht wieder als rechter Außenstürmer für den Münchner WM-Torschützenkönig Thomas Müller.
„Ich habe diesen Tag herbeigesehnt“
Reus repräsentiert den neuen deutschen Spielertypus auf sehr eindrückliche Weise: schnell, technisch hochveranlagt, offensiv - und dazu in seinem Fall noch torgefährlich. Der Mönchengladbacher, der zur kommenden Spielzeit für 17 Millionen Euro zu Borussia Dortmund wechseln wird, war der Shootingstar der vergangenen Bundesligasaison und hat nun in seinem ersten großen Turnier für weitere Aufmerksamkeit gesorgt.
In der Beurteilung der eigenen Leistung ist er wesentlich zurückhaltender. „Ich habe diesen Tag herbeigesehnt“, sagte Reus nach seinem Debüt: „Ich wollte eine gute Leistung zeigen, da war es wichtig, dass ich viele Aktionen bekommen habe.“ Und was der Bundestrainer ihm vor seinem Einsatz gesagt habe, gab er dann auch preis: „Dass ich so spielen soll wie immer, dass ich frech spielen soll, dass ich mir was zutrauen soll.“
Von seinem Gladbacher Trainer Lucien Favre wurde Reus einmal mit einer digitalen Figur in einem Computerspiel verglichen, die auf Knopfdruck funktioniert. Weil er auch in der Realität nicht an Geschwindigkeit verliert, wenn er den Ball am Fuß führt. Gegen die Griechen brachte er diesen Schwung mit, den sich auch Löw von ihm erwartet hatte.
Beteiligt an der dynamisch nach vorne gerichteten Angriffstaktik gegen das griechische Abwehrbollwerk war auf der linken Seite der nicht weniger agile André Schürrle - sowie Miroslav Klose erstmals von Beginn an. Wieder einmal waren die Überlegungen des Bundestrainers aufgegangen, den Gegner mit einem Personalwechsel und frischem offensiven Mut zu überraschen. Löw riskierte einiges, bot keinen der Torschützen aus den vorangegangenen Gruppenspielen mehr auf - und gewann wieder.
„Nein, sonst hätte ich es nicht gemacht“
Schon beim EM-Turnier vor vier Jahren hatte er zum Viertelfinale die Spielart seiner Mannschaft auf ein System mit zwei Außenangreifern und bloß einem echten Mittelstürmer verändert. Damals wurde Portugal besiegt, und das Team erreichte das Finale.
Nach dem Griechenland-Spiel nahm der Bundestrainer ausführlich Stellung zur spektakulären Umstellung und beantwortete auch die Frage, ob es seine gewagteste Entscheidung gewesen sei. „Nein, sonst hätte ich es nicht gemacht. Ich habe immer gesagt, Risikofreudigkeit ist immer ganz gut. Aber irgendwie war heute die Zeit reif, etwas zu verändern, so etwas spürt man dann. Ich wollte heute vor allem unberechenbar sein für Griechenland.“
Unberechenbarkeit, aber vor allem Gefahr strahlte Reus aus. Und er löste auch ein anderes Problem im deutschen Spiel, das auch der Bundestrainer zuvor erkannt hatte. Es galt, den sonst so überzeugenden Spielmacher Mesut Özil noch besser ins deutsche Spiel zu integrieren, damit seine außerordentlichen Zuspiel-Qualitäten zum Zuge kommen konnten.
Dies funktionierte. Die nach den Spielen stets vom Europäischen Fußball-Verband herausgegebene Statistik zeigte einen angeregten Ball-Austausch vor allem zwischen Reus und Özil. Elf Mal spielte Reus seinem Kollegen Özil den Ball zu; 15 Mal lief es andersherum. Das konnte sich sehen lassen. Es war der erhoffte Effekt. Beide Spieler waren maßgeblich an den Angriffssituationen der deutschen Elf beteiligt.
Krampf in der Beinmuskulatur beim Tor
Zudem zeigten die Spielanalysen, dass sich Reus im Laufe der Partie mehr und mehr von der rechten Seite ins Angriffszentrum orientierte. Von dort fiel dann auch sein Treffer in 74. Minute zum 4:1. Der Einstand von Reus hätte also kaum besser verlaufen können. Ganz perfekt geriet das Debüt jedoch nicht. Während seines strammen Torschusses erlitt Reus einen Krampf in der Beinmuskulatur, so dass sein Jubel danach ein wenig reservierter ausfiel.
Reus ist genial
Christoph Rohde (prediger1)
- 26.06.2012, 12:25 Uhr