Für Manuel Neuer ist diese Europameisterschaft ein ganz besonderer Selbsterfahrungstrip. Er hat die Chance, das schwerste Jahr seines Lebens als Fußball-Torhüter zu einem triumphalen Abschluss zu bringen. Jeder Tag, den er länger in diesem Turnier bleibt, lässt die bitteren Momente der vergangenen Monate weiter in den Hintergrund treten. Die Erinnerung an die verpassten Titel in der Champions League, der Bundesliga und im deutschen Pokal. Nur noch zwei Siege, und das große Ziel wäre erreicht - ein Akt der Befreiung. Darum lässt er den Gedanken an die anderen Möglichkeiten gar nicht erst zu. Etwa die Frage, ob er auch dann zufrieden wäre, wenn er selbst gut spielen sollte, aber die Mannschaft trotzdem verlieren würde. „Als Bayern-Spieler mit unserer Erfahrung in dieser Saison ist das schwierig zu sagen. Ich möchte mich eigentlich nicht mehr mit einem solchen Szenario befassen.“ Jetzt soll’s endlich klappen.
Zwar standen bisher andere deutsche Spieler im Mittelpunkt des Interesses - Gomez, Khedira, dann Reus oder auch der angeschlagene Mittelfeldchef Schweinsteiger. Doch auch Neuers Leistungen prägen seit Beginn der Europameisterschaft das Bild von der deutschen Mannschaft: Gleich im ersten Spiel gegen die Portugiesen rettete der Torwart zum Ende der Partie die 1:0-Führung mit einem herausragenden Reflex. Neuer war gerade in den beiden ersten Vorrundenspielen gegen Portugal und die Niederlande schwer beschäftigt, er zeigte sich in hinterster Reihe als Stabilisator. An den vier Gegentoren, darunter ein Strafstoß der Griechen, traf ihn keine Schuld. Jetzt, da sich die sportliche Entscheidung zuspitzt, könnte es ganz besonders auf Neuer ankommen.
Offensiver als Buffon
Der Titelgewinn würde den Rang des Bayern-Keepers als einer der besten Torhüter der Welt festigen - wahrscheinlich würde er dann sogar als neue Nummer eins angesehen. Der Bundestrainer jedenfalls verglich vor dem Italien-Spiel an diesem Donnerstag (20.45 Uhr/FAZ.NET-Liveticker) in Warschau seinen Torwart mit den ganz großen Meistern, dem erfahrenen Gegenüber Gianluigi Buffon und Weltmeister-Torhüter Iker Casillas aus Spanien. „Buffon strahlt eine unheimliche Ruhe aus. Er war ja schon 2006 beim WM-Titel der Italiener überragend. Manuel verfügt über ein etwas offensiveres Spiel, ist fußballerisch besser als Buffon. Gemeinsam mit Casillas sind die beiden die besten Torhüter der Welt“, sagte Joachim Löw.
Neuer fühlt sich bereit. Reifer als bei seinem ersten großen Turnier, der WM vor zwei Jahren in Südafrika. Da gehörte er zu einer Mannschaft, die zwar jugendlich frisch aufspielte, der aber am Ende die Erfahrung fehlte, um es mit der Übermannschaft Spanien aufzunehmen. In der Zwischenzeit hat sich das Talent der jungen deutschen Elf weiter entfaltet, nun ist sie Mitfavorit, auch Neuer ist schon lange kein Novize mehr. „Meine Position hat sich verändert. Vor dem Turnier damals wusste ich nicht, ob ich die Nummer eins sein würde. Es hat sich dann so entwickelt. Jetzt wusste ich ja, dass ich spielen werde und eine wichtige Rolle in der Mannschaft übernehme, das Team mit führen soll. So bin ich diesmal auch selbstbewusster ins Turnier gegangen. Ich verfüge über mehr Erfahrung - und diese Erfahrung bringt mehr Ruhe in mein Spiel“, sagt Neuer. Er ist nun 26 Jahre alt.
Nicht nur die Trikotfarbe war anders
Nach seinem Wechsel im vergangenen Sommer von Schalke 04 zum deutschen Rekordmeister Bayern München musste er umdenken. Er musste lernen, die Antipathie eines Teils der Bayern-Fans zu ertragen. Der gebürtige Gelsenkirchener stand für sie anfangs allzu sehr für das Schalker Königsblau. Auf dem Platz wurde Neuer viel weniger gefordert als zuvor, weil sich die meisten Mannschaften gegen die Bayern mit Attacken zurückhalten. „Ich musste mich umstellen, weil ich nicht so viele Ballkontakte bekomme und in der ersten Halbzeit manchmal gar keine Aktionen habe“, sagt er. Hinzu kamen anfangs Abstimmungsprobleme mit der Defensive. Auch die Bayern mussten sich erst an das sehr offensive Spiel ihres neuen Tormanns gewöhnen.
Trainer Jupp Heynckes wies Neuer sogar an, nicht so viel zu riskieren bei seinen Ausflügen. Der Torwart steckte das alles weg, ohne viele Emotionen zu zeigen. Sein jungenhaftes Aussehen täuscht. Schon früh bewies Neuer eine enorme innere Stabilität, die ihm auch diesmal half. Wie erwartet wurde er für die Bayern zum wichtigen Rückhalt, gerade auch in der Champions League.
Im Elfmeterschießen des Halbfinales gegen Real Madrid hielt er zwei Bälle - von Cristiano Ronaldo und Kaká. Beim unglückseligen Showdown gegen Chelsea parierte er nicht nur den ersten Elfmeter, sondern trat schon beim dritten selbst an, weil andere Kollegen kniffen, und verwandelte ihn eiskalt. Sportpsychologen sprechen in einem solchen Fall von einer hohen „Selbstwirksamkeitsüberzeugung“, der Fähigkeit, in schwierigen Situationen das abzurufen, was man sich vorher hart erarbeitet hat. Trotz Neuers überragendem Einsatz verloren die Bayern am Ende. Auch für ihn war es schwierig, über diese bittere Niederlage hinwegzukommen.
Kein Zettel für Neuer
An diesem Donnerstag gegen Italien wird Neuer wieder alles aufsaugen. Die Gegenspieler, ihre Laufwege und ihre Schussgewohnheiten wird er genau studiert haben. Er will gut vorbereitet sein. „Man muss die Spieler genau beobachten. Das hat viel mit Antizipation zu tun. Wenn zum Beispiel eine Flanke vom Gegner kommt, ein Abwehrspieler von uns mit einem falschen Schritt klärt und der Ball Richtung Tor geht - mit solchen Situationen rechne ich immer. Da bin ich auf der Hut. Ich schaue auch genau auf die Ausholbewegung beim Gegenspieler, um zu erkennen, wann er schießt“, sagt Neuer. Vielleicht gehört er zu den ehrgeizigsten Spielern in der deutschen Mannschaft, das behaupten zumindest einige seiner Mitspieler. Er gibt auch den eigenen Stürmern Hinweise darauf, wie die gegnerische Abwehr und der gegnerische Torhüter zu überwinden sind. Das Torwart-Spiel ist für Neuer ein wichtiger Dienst an der Mannschaft. Er ist nicht ein Titan wie Kahn, der zwischen den Pfosten sein Ego auslebte, sich mit Gegenspielern, aber auch Mitspielern anlegte, um noch mehr Leistung herauszukitzeln.
Vielleicht kommt es am Ende gegen die Italiener auch wieder zum Elfmeterschießen. Es wäre das dritte für Neuer in dieser Saison. Vor dem Spiel will er die Datenbank abfragen und die Schusspräferenzen der möglichen italienischen Schützen in seinem Gedächtnis speichern. So macht er das immer. Einen Zettel mit diesen Informationen, wie ihn bei der WM 2006 der deutsche Torwarttrainer Andreas Köpke vor der Elfmeter-Entscheidung gegen Argentinien an Jens Lehmann weitergegeben hatte, wird Neuer also nicht mit ins Tor nehmen. Letztlich wird er wie immer auf ein gutes Gefühl zwischen den Pfosten hoffen. Jeder Torwart hat seine eigene Methode, um das zu erreichen. „Man muss versuchen, den Ball als Freund zu gewinnen“, sagt er. Eigentlich sind beide schon jetzt gute Kumpels.