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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Joachim Löw Der Trainer wird zum Star

 ·  Joachim Löw beweist mit dem Einzug ins EM-Halbfinale wieder Mut und das richtige Gespür. All seine Pläne gehen auf. Bei kaum einem anderen Coach ist die Handschrift so deutlich erkennbar.

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Marco Reus ist noch nicht lange dabei. Der akkurat frisierte Blondschopf wirkt zurückhaltend, gerade dann, wenn er in der Öffentlichkeit die eigenen Leistungen beurteilen soll.

Seinen EM-Einstand am Freitag gegen Griechenland hatte er mit einem Tor gekrönt, danach vergaß er nicht, sich erst einmal auf zurückgenommene Weise beim Bundestrainer für den schönen Premierenauftritt zu bedanken. „Er hat mir immer gesagt, dass ich weiter an mir arbeiten soll und meine Chance bekäme. Er hat mir sehr viel Vertrauen geschenkt, und ich habe versucht, es zurückzugeben.“

Als Reus daraufhin gebeten wurde, doch mal die Qualitäten des ersten Mannes Joachim Löw genauer zu beschreiben, schaute er auf dem Podium verlegen herüber zu seinem Kollegen André Schürrle und schloss sich mit einem Kopfnicken dessen vorherigen Ausführungen an.

„Er hat einen genauen Plan, eine genaue Philosophie. Die wird uns jeden Tag eingetrichtert, in jedem Training und in jeder Videositzung. Er arbeitet sehr akribisch, nur so kann man erfolgreich sein“, hatte Schürrle kurz zuvor über den Bundestrainer gesagt. Das hat man schon oft gehört.

Überall Gewinner. Überall Schulterklopfen. Und überall riesige Zuversicht. Der 4:2-Sieg über Griechenland brachte die deutsche Nationalelf dabei nicht nur ins Halbfinale bei dieser Fußball-Europameisterschaft. Der Erfolg bedeutet viel mehr - für den deutschen Fußball und vor allem für Joachim Löw.

Das Spiel von Danzig symbolisiert einerseits die Leistungsbreite unter den kickenden Spitzenkräften des Landes. In erster Linie aber steht der Sieg über die Griechen auch für den enorm prägenden Einfluss des Trainers Löw auf die langjährige Entwicklung einer Mannschaft, welche die Titelambitionen der Fußballnation realistischer erscheinen lässt als je zuvor.

FAZ.NET-Torvideo: Khediras Volltreffer

Auf diesen neuen Höhepunkt in seinem Wirken als Oberfußballlehrer der Nation steuerte Löw am Freitag mit einem gewagten Revirement zu, das im Nachhinein zeigte, wie treffsicher er mit seinen Einschätzungen liegt, wie sehr er vorbereitet ist auf die unterschiedlichsten Szenarien in einem solch intensiven Turnier und über welch gutes Bauchgefühl er offenbar auch noch verfügt.

Schließlich nahm Löw gegen die Griechen alle Torschützen der ersten drei EM-Spiele heraus, darunter Mario Gomez und Lukas Podolski, brachte dafür die zwei jungen Bundesliga-Shootingstars Reus und Schürrle sowie den Stürmer-Oldie Miroslav Klose herein. Der Offensivplan ging vollends auf. Nach anfänglicher Gegenwehr zerbröselte das griechische Abwehrbollwerk, die ständigen Attacken des neuen deutschen Angriffs zermürbten den Gegner.

Als Löw später gefragt wurde, ob der Personalwechsel die mutigste Entscheidung seiner Karriere gewesen sei, gab er einen interessanten Einblick in seine Entscheidungsfindung. „Nein, sonst hätte ich es nicht gemacht. Aber irgendwie war heute die Zeit reif für eine Veränderung. So etwas spürt man“, sagte er.

Dabei erwähnte Löw noch, wie weh es ihm zugleich getan hätte, Leute wie Gomez, Podolski und Müller diesmal nicht in der Startformation zu berücksichtigen. „Ich musste aber in diesem Spiel für frischen Wind sorgen und brauchte Spielertypen, die zwischen den Linien der Griechen besser spielen können. Das ist gut aufgegangen. Das war der Schlüssel zum Sieg.“

Marco Reus: „Titel geht nur über uns“

Es gibt derzeit wenige andere Beispiele im internationalen Fußball, bei der die Handschrift des Trainers so deutlich erkennbar wird wie bei Löw, vielleicht sonst nur bei Guardiola und Mourinho. Als der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann ihn 2004 zur Nationalmannschaft holte, bestand Löws Arbeit vor allem darin, die junge und noch unerfahrene Defensive für die WM-Herausforderung 2006 auf eine moderne Viererabwehrkette zu schulen.

Klinsmann hob später hervor, wie gut sein Assistent den Spielern die Inhalte der Arbeit habe vermitteln können. Darauf baute der heutige Bundestrainer auf und entwickelte selbst eine wichtige Fähigkeit: Löw erspürte die Momente, in denen neue Reize gesetzt werden mussten.

Beim Personal löste er sich von Altstars wie Frings und dann Ballack, um die jungen Talente mehr zur Entfaltung kommen zu lassen. Er scheute sich nicht, weniger bedeutende Länderspiele für Testzwecke zu nutzen, auch wenn damit schlechtere Ergebnisse und dann auch lange öffentliche Erklärungen verbunden waren.

Nach einer trägen Gruppenphase bei der EM vor vier Jahren veränderte Löw die Mannschaft und das Spielsystem fürs Viertelfinale kurzum, verzichtete auf die übliche 4-4-2-Ordnung und trat wie jetzt mit zwei defensiven Mittelfeldspielern, zwei Außenangreifern und nur einem Mittelstürmer an. Auch jetzt haben den Bundestrainer seine Risikobereitschaft, die Unberechenbarkeit vorangebracht in einem Turnier und für einen kräftigen Leistungsschub auf dem Platz gesorgt.

FAZ.NET-Pressestimmen: „Was für eine Show!“

Die griechische Auswahl kapitulierte endgültig, als Reus in der 74. Minute zum 4:1 traf. Zuvor hatten Kapitän Philipp Lahm (39. Minute), Sami Khedira (61.) und Klose (68.) die Tore geschossen. Und der bislang enttäuschende Mesut Özil beeindruckte. Auch vom zwischenzeitlichen Ausgleichstreffer durch Giorgos Samaras (55.) habe sich sein Team nicht aus der Ruhe bringen lassen, lobte Löw.

Und die Mannschaft folgt seinen Überlegungen, den Matchplänen und Feinjustierungen. „Wir vertrauen dem Trainer zu 100 Prozent. Wir vertrauen ihm fast schon blind. Alles, was er macht, hat Hand und Fuß. Und das macht er nicht nur, um den Spielern irgendwas zu schenken. Das war so gewollt, dass wir Änderungen im Offensivspiel haben, ohne dass Poldi oder Thomas oder Mario ein schlechtes Spiel gemacht haben. Im Gegenteil, sie haben sehr gut gespielt“, sagte Sami Khedira, eine der Entdeckungen dieses Turniers.

Mit den neuesten Erkenntnissen kann der Bundestrainer vor der Woche der Entscheidung bei dieser EM sehr zufrieden sein. Er hat 16 der 20 Feldspieler des Kaders eingesetzt, verfügt über vielfältige Personaloptionen, starke Konkurrenz innerhalb des Teams und eine überzeugende taktische Bandbreite, wie sie kaum eine andere Mannschaft zeigt.

Damit ließen sich die kommenden Gegner im Halbfinale von Warschau am Donnerstag (Italien oder England) und vielleicht drei Tage später beim Endspiel in Kiew ganz gut bekämpfen. Die Spieler jedenfalls glauben jetzt an ihre große Chance, mehr als je zuvor in dieser Fußball-Generation. Auch das wird Löw mit Freude zur Kenntnis nehmen. „Der Titel geht nur über uns“, sagte Reus. Für einen kurzen Moment war die Schüchternheit des Novizen verschwunden.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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